Verbrecherbrüder Alexander: Sie sind männlich, reich, kriminell

In New York ist eines der größten Verfahren wegen sexueller Gewalt in der Geschichte des Bundesstaates zuende gegangen. Mehr als sechzig Frauen hatten die drei Brüder Alexander der Vergewaltigung beschuldigt, elf sagten als Zeuginnen der Anklage aus. Die bekannten Luxusimmobilienmakler Tal und Oren Alexander sollen gemeinsam mit Bruder Alon, der in der Sicherheitsfirma der Eltern arbeitete, seit etwa zwanzig Jahren Frauen unter Drogen gesetzt, bedroht und vergewaltigt haben. Die Geschworenen befanden die drei Männer für schuldig in allen zehn Anklagepunkten.
Eine individuelle Vergewaltigung wird in der Regel als Straftat nach dem Recht des Bundesstaates, als „state crime“, verfolgt. Im Bundesverfahren gegen die Alexanders lautete die Anklage aber auf Verschwörung zum „sex trafficking“ (Menschenhandel zum Zwecke sexueller Ausbeutung) mit den Mitteln des Zwangs, der Bedrohung oder der Wehrlosmachung, etwa durch Drogen. Diese Form der Anklage wählen Staatsanwälte oft, wenn sie gegen mehrere Täter vorgehen, einen Verschwörungstatbestand belegen und so eine härtere Strafe erzielen wollen. Die Beweislage gegen die Alexander-Brüder, die nun lebenslang ins Gefängnis gehen könnten, war besser als in vielen anderen Verfahren wegen sexueller Gewalt. Die Geschworenen mussten sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein Video von der Vergewaltigung einer bewusstlosen 17-jährigen ansehen.
Im Schatten des Epstein-Falls
Der Fall hätte vermutlich noch mehr Aufmerksamkeit erregt, wenn das Justizministerium nicht zuvor die Ermittlungsakten gegen Jeffrey Epstein veröffentlicht hätte. Mit Epstein hatten die Zwillinge Oren und Alon Alexander und ihr Bruder Tal, die heute 38 und 39 Jahre alt sind, einiges gemeinsam. Wie der verstorbene Finanzier bewegten sie sich lange in den wohlhabenden Kreisen von New York und Miami. Und wie über Epstein gab es auch über die Alexander-Brüder jahrelang Gerüchte, ohne dass jemand ihrem Handeln Einhalt geboten hätte.
Es könnte sogar eine direkte Verbindung geben – mit womöglich brisanten Folgen. In einer undatierten Tabelle, die sich in den Epstein-Akten findet, kommen die Brüder vor. In einer Liste sammelte das FBI nicht verifizierte Anschuldigungen von Anrufern. Dort findet sich die Aussage einer Frau, die angab, dass sie als Model im Alter von 16 Jahren achtmal zu Partys in Epsteins Villa gegangen sei. Dieser habe sie einmal vergewaltigt.
Bei einer anderen Gelegenheit hätten Zwillinge namens Oren und Allen (sic!) vergebens versucht, sie und eine Freundin in einem Zimmer festzuhalten. Ein dritter Bruder namens Tal habe die Freundin der Anruferin später vergewaltigt. Oren habe eine 13-Jährige missbraucht. Die Anruferin behauptete auch, dass Trump und Bill Clinton bei „Orgien“ dabei gewesen seien, an denen sie teilgenommen habe. Je nach Datum der Aussage könnte die Nennung der Brüder Alexander den Rest der Anschuldigungen glaubhafter machen – bis zu ihrer Anklage waren die Sexualstraftäter keine über die Immobilienwelt oder Partyszene hinaus bekannten Personen.
Klassenübergreifende Gewalt
Ob es nun eine direkte Verbindung zum Fall Epstein gibt oder nicht: Auch die Verbrechen der Alexanders spielten in einem Umfeld, in dem Geld und soziale Macht für manche Menschen Gesetzesübertretungen begünstigen. Das Problem des Frauenhasses, der sich in sexueller Gewalt äußert, ist aber natürlich in allen Klassen und Bevölkerungsgruppen vorhanden. Es sei nicht zielführend, sich angesichts des Epstein-Falls nur auf die Verquickung von Geld, Macht und sexueller Gewalt zu konzentrieren, warnte kürzlich auch der Männerforscher Jackson Katz im Magazin „Ms.“. Er erinnerte an den Leidensweg von Gisèle Pelicot, die jahrelang von ihrem Ehemann und von Männern aus vielen Berufen und sozialen Schichten vergewaltigt wurde.
Ein Unterschied ist der gesellschaftliche Einfluss des Kreises um Epstein, den die Täter aus anderen Klassen nicht haben. Diese Männer nutzten nicht nur Frauen sexuell aus oder begingen Straftaten – sie wollten über ihre akademischen und sozialen Netzwerke auch den Diskurs über das prägen, was akzeptables Verhalten von Männern sei. Epstein schrieb stolz, er sei durch die MeToo-Bewegung zum gefragten Ratgeber zu Unrecht beschuldigter Männer geworden.
Nicht nur dem Multimillionär war die MeToo-Bewegung zuwider, auch viele Unterstützer von Trump lehnen sie ab. Trump hat es etwa auf die Gender Studies abgesehen, die unter anderem die Zusammenhänge von Macht, Frauenhass und sexueller Gewalt beleuchten. Aufgrund seiner Direktiven stellten schon mehrere Hochschulen entsprechende Programme ein. Moralisches Entsetzen funktioniert auch ohne die Analyse von Machtverhältnissen, Strafe ebenfalls – Prävention allerdings würde ohne analytische Arbeit noch schwieriger.
Source: faz.net