Das Erste-Film „Makellos“: Diese Frau ist ganz und weder noch unsichtbar

Geschämt hat sie sich, und den Callboy unverrichteter Dinge gut bezahlt ziehen lassen, aber vielleicht geht noch was an diesem Abend? Constanze Laux (Adele Neuhauser), Erbin und kreativer Kopf des Münchner Dirndl-Traditionshauses, posiert kurzerhand im Bett ihres Ehemanns Anton (Ulrich Noethen). Im Seidendress, dessen Schlitz sie mal hierhin, mal dahin drapiert, um ihre Beine zur Geltung zu bringen.

Der nächste Morgen gibt Constanze den Rest

Den Effekt der inszenierten Sexyness konterkariert freilich der Splitscreen, den die Komödie „Makellos – Eine kurze Welle des Glücks“ immer wieder effektvoll einsetzt. Constanzes Anstrengung, die ihr Gatte unelegant abweist, füllt nur die rechte Hälfte des in der Mitte geteilten Bildschirms. Links sieht man den ehemals feschen Anton, wie er sich im Spiegel aus­giebig selbst betrachtet und mit Zahnseide und Mundverrenkungen altersgemäße Bettgehverrichtungen ausführt, bevor er Constanze ohne Wim­pernzucken aus seinem Bett kompli­mentiert (Kamera Alexander Purin­ger). Sie, resigniert: „Es war ein langer Tag. Ich hätte es ankündigen sollen. Eine blöde Idee von mir“. Er, Arbeit, Müdigkeit und Alter vorschützend, verweist auf die Gründe fürs getrennte Schlafen, sein Schnarchen, sein Wälzen. Sie, noch resignierter: „Früher war uns das alles egal.“ Die anschließenden Blicke verraten alles über das Scheitern dieser 30-jährigen Ehe.

Zwischen den beiden stimmt etwas nicht: Caroline Frank (li.) und Adele Neuhauser in „Makellos“.
Zwischen den beiden stimmt etwas nicht: Caroline Frank (li.) und Adele Neuhauser in „Makellos“.BR

Der nächste Morgen gibt Constanze den Rest. Anton ist bestens gelaunt: „Gut, dass man sich von seinen Hormonen nicht mehr terrorisieren lässt. Fehlt dir was?“ Da wird Constanze sehr, sehr wütend und entschließt sich, den Mann, mit dem sie nach der Peinlichkeit mit dem Callboy in der Rooftop-Bar des Luxushotels sich so gut über die Welt und das Leben unterhielt, zu buchen. Denn auch dieser Mann, der charmante und aufmerksame Ricardo (Manuel Rubey), eigentlich Richard, hatte sich im Gespräch als Sexarbeiter entpuppt. Jetzt landet man umstandslos zwischen den Laken, von da an jeden Montag, diskret empfangen vom Empfangsportier des Hotels (Michael A. Grimm), mit Sympathie beobachtet vom Zimmermädchen.

Constanze traut sich Neues in der Firma, erfindet das Dirndl to go für Wiesnbesucher, heftig begrummelt von Anton („Wir sind ein Traditionsunternehmen“). Zur Tradition gehört für ihn auch, dass er seit Jahren ein heimliches Verhältnis mit Constanzes bester Freundin Karin (Caroline Frank) hat, der rechten Hand der Geschäftsführung. Karin ist es, die Constanze den außerehelichen Sex vorschlug und das Hotelzimmer buchte. Schließlich kennt ganz München das Unternehmen Laux und seine Repräsentantin, Diskretion ist Trumpf.

Als verfängliche Fotos und Videos sowie eine Erpresserforderung bei Anton anlangen, will Constanze trotz­dem gleich zur Polizei gehen. Ihr Mann überzeugt sie, lieber zu zahlen, besorgt das Geld und lässt sich dafür all ihre Firmenanteile überschreiben. Und von da an nimmt der Film einen ganz anderen Abzweig als gedacht.

Was sein Part ist, stellt sich erst im Lauf der Geschichte heraus: Ulrich Noethen spielt den untreuen Ehemann.
Was sein Part ist, stellt sich erst im Lauf der Geschichte heraus: Ulrich Noethen spielt den untreuen Ehemann.BR

Manches wirkt fragwürdig, vor allem, dass Ricardo mit seinen Anfang vierzig einer zwanzig Jahre älteren, ohne Zweifel attraktiven Frau tatsächlich mehr als seinen Körper ge­gen Bezahlung nahebringen möchte. Nach und nach wird einiges enthüllt von seiner Biographie, manches bleibt geheimnisvoll. Ricardo kümmert sich liebevoll um seine kranke Mutter (Lisa Kreuzer), verabscheut den Vater (Jochen Busse), einen einst schwerreichen, verurteilten Betrüger, der mit seinem Buch über das eigene Ego durch die Talkshows zieht. Wenn Ricardo Stress hat, tanzt er. Was anfangs irritierend aussieht, aber noch eine entscheidende Pointe zeitigt. Als sich die Hinweise mehren, dass Ri­cardo vielleicht gar kein Erpresser ist und Constanze und er ein Komplott schmieden, in dem zwar immer noch das Ende einer langjährigen lieblosen Ehe im Spiel bleibt, sich aber die Fragen nach Intimität, Selbst- und Fremdliebe, Eigennutz und Hinterfotzigkeit neu stellen.

Nach „Faltenfrei“ (2021) und „Ungeschminkt“ (2024) ist „Makellos“ die dritte Zusammenarbeit des kongenial wirkenden Trios Uli Brée (Drehbuch), Dirk Kummer (Regie) und der Hauptdarstellerin Adele Neuhauser. Entstanden ist eine Trilogie der Irr­tümer und Wahrheiten des Begehrens und erfüllter Menschlichkeit. Ulrich Noethen und Manuel Rubey schlagen sich neben Neuhauser wacker. Frauen werden ab einem gewissen Alter unsichtbar? Das können wir so nicht bestätigen.

Makellos – Eine kurze Welle des Glücks läuft am Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek.

Source: faz.net