Rheinmetall: Genialer Plan oder Größenwahn?

Armin Papperger ist ein gefragter Mann. Am Wochenende haben „die Telefone nicht stillgestanden“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Rüstungskonzerns Rheinmetall. Interessenten fragten nach Luftabwehr, der Krieg im Nahen Osten zeigt den Bedarf durch die enormen Drohnenangriffe. Jeden Tag schössen Rheinmetall-Systeme vor Ort Drohnen ab.
Deutschland will Skyranger-Systeme zur Flugabwehr kaufen, laut Vertrag werden sie von Rheinmetall aber erst von 2027 an geliefert. Papperger, der clevere Kaufmann, der er ist, bietet nun an, Geschütztürme auf Lastwagen zu bauen, die kritische Infrastruktur in der Bundesrepublik dann schon vom Sommer an schützen könnte.
Ziel: Die Rüstungsriesen aus den USA
Solche strategischen Schachzüge und eine gewisse Flexibilität zeichnen Rheinmetall schon seit Kriegsausbruch in der Ukraine aus. Papperger, dem es nicht an Selbstbewusstsein mangelt, stellt zwar häufig sehr große Zahlen in den Raum, hat seine Wachstumsambitionen in der Vergangenheit aber auch stets untermauern können. Rheinmetall, wie andere Rüstungsunternehmen auch, hat schon früh in Eigenleistung investiert und surft nun auf einer nicht enden zu scheinenden Auftragswelle.
Der Rheinmetall-Vorstandsvorsitzende will aber mehr: Er will aufschließen zu den Rüstungsriesen aus Amerika, in die Umsatzgröße von 50 Milliarden Euro im Jahr 2030 vorstoßen und sich unverzichtbar machen in jeder Domäne: Zu Wasser, an Land, in der Luft und sogar im Weltraum. Praktisch überall baut Rheinmetall Kapazitäten aus, eröffnet Werke, schließt Kooperationen und bewirbt sich für Aufträge.
Bauen auf die Munitionsexpertise
Das nächste Milliardengeschäft sollen Drohnen werden. 40.000 Stück im Jahr will der Konzern in Deutschland und Italien bauen, zum Preis zwischen 60.000 und 80.000 Euro. Papperger schwärmt von einem Preis-Leistungs-Verhältnis, „das glaube ich besser ist, als was die Konkurrenz hat“. Damit meint der Rheinmetall-Chef Jungunternehmen wie Helsing oder Stark, die von der Bundeswehr schon beauftragt sind.
Rheinmetall baut darauf, mit seiner nachweislichen Munitionsexpertise langfristig der verlässlichere Partner zu sein für Militärs mit seiner komplett in Deutschland gefertigten Drohne FV-014. Wie auch Satelliten soll sie in einem ehemaligen Automobilwerk des Unternehmens in Neuss gefertigt werden.
Der Konzern vereinfacht die Struktur und will das zivile Geschäft in diesem Jahr verkaufen. Gleichzeitig passiert bei dem Düsseldorfer Unternehmen so viel parallel: Für die Amerikaner will der Konzern an F-35-Flugzeugen bauen, Raketenmotoren fertigen, außerdem Satelliten herstellen und traut sich da zu, gleichberechtigter Partner zu werden neben Unternehmen wie OHB und Airbus, die sich in dem Feld schon lange bewegen. Der letzte große Zukauf, die Naval Vessels Lürssen, soll jetzt noch den Wachstumsbereich Marine abdecken.
Der Berg an Aufträgen wächst
Um das abzuarbeiten, braucht es Personal. 10.000 Menschen im Jahr will Rheinmetall einstellen. Solche Wachstumsprozesse muss man auch in einem Dax-Konzern erst einmal etablieren. Uneinigkeit herrschte da offenbar schon mal, eine Personalchefin war im letzten Jahr reichlich schnell wieder weg.
Langfristig mag die Perspektive für Rheinmetall rosig sein: Die Verteidigungsausgaben steigen und die kriegerischen Auseinandersetzungen rund um die Welt dürften das Tempo nur anziehen lassen. Doch kurzfristig zeigen sich Schwierigkeiten: Der Auftragsbestand zum Jahresende ist zwar auf einem Rekordhoch mit knapp 64 Milliarden Euro, doch hatte Rheinmetall dort schon einen höheren Wert in Aussicht gestellt. In diesem Jahr soll er sich mehr als verdoppeln: Auch das muss dann erst einmal abgearbeitet werden. Der Konzern muss aufpassen, dass er sich nicht verzettelt.
In der Ukraine hakt es derweil mit dem geplanten Aufbau eines Artilleriemunitionswerks. Dort herrscht Krieg, das ist nicht trivial. Doch auch Aufträge kommen von dem von Russland angegriffenen Land gerade nicht, weil schlicht das Geld dafür fehlt. Die Aufmerksamkeit liegt gerade stärker auf dem Konflikt im Nahen Osten. Krieg bedeutet eben auch immer eine Unwägbarkeit. Das kann Prozesse verschieben – und auch die ambitionierten Wachstumspläne von Rheinmetall beeinflussen.