Angriffe uff Radaranlagen: Wie Iran versucht, Amerika blind zu zeugen

Im Krieg gegen die Vereinigten Staaten und Israel ist es Iran offenbar gelungen, der amerikanischen Luftverteidigung in der Region empfindliche Schläge zu versetzen. Satellitenbilder deuten darauf hin, dass ein extrem leistungsfähiges Radar in Jordanien und eines in Qatar beschädigt wurden. Seit Kriegsbeginn nimmt Teheran Stellungen in Jordanien, Qatar, Kuwait, Bahrain, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten ins Visier. Angegriffen werden die amerikanische Luftverteidigung, Kommunikationssysteme und wichtige Radaranlagen. Die genauen Schäden sind allerdings vielerorts unklar.
Bereits in den ersten Kriegstagen soll das AN/TPY-2-Radar auf der jordanischen Muwaffaq Salti Air Base getroffen worden sein. Nach Auswertungen von CNN sind zwei vier Meter große Krater in der Nähe des Systems zu sehen. Demnach scheinen alle Bestandteile des Radars zerstört oder stark beschädigt zu sein. Das „Wall Street Journal“ berichtet unter Berufung auf einen US-Regierungsvertreter, dass die Amerikaner versuchten, es schnell zu ersetzen. Die Verfügbarkeit des Radarsystems gilt als stark begrenzt. Das Militär kommentierte Schäden gegenüber der Zeitung nicht, erklärte aber, voll kampffähig zu sein.
Ein Treffer wäre ein großer Erfolg für das iranische Regime. Das Radar zählt mit einem Stückpreis von mehreren Hundert Millionen Dollar zu den wertvollsten der Amerikaner. Es leitet die Abfangraketen der wichtigen THAAD-Flugabwehr in ihr Ziel, kann als Frühwarnsystem dienen und hilft bei der Koordinierung der Luftverteidigung in der Region. Drei weitere AN/TPY-2-Standorte wurden in den Vereinigten Arabischen Emiraten (Al Ruwais und Al Sader) und Saudi-Arabien (Prince Sultan Air Base) angegriffen. Ob dabei Radarsysteme beschädigt wurden, ist unklar.
Schmerzhaft für die Amerikaner und ihre Partner könnte auch ein Einschlag in Qatar sein. Nahe der Al Udeid Air Base in Umm Dahal wurde offenbar das eine Milliarde Dollar teure Frühwarnradar AN/FPS-132 getroffen; es soll Raketen in einer Entfernung von 5000 Kilometern präzise aufspüren und verfolgen können. Es gilt als zentral für die Raketenabwehr im Nahen Osten. Auf einem Satellitenbild sind Schäden am System zu erkennen, Analysten identifizierten eine größere Menge Löschwasser. Die Revolutionsgarden behaupteten, sie hätten das Radar „komplett zerstört“; die bisher veröffentlichte Aufnahme beweist das nicht.
Die „New York Times“ berichtete darüber hinaus von zwei zerstörten Satellitenterminals auf dem Marinestützpunkt der 5. Flotte in Bahrain, die für die militärische Echtzeitkommunikation zentral gewesen seien.
Fachportale wie „The War Zone“ schreiben von einem „Weckruf“ für das amerikanische Militär. „The Army Recognition“ sieht die regionale Raketenabwehr zwar weit weg von einem Kollaps, befürchtet aber, dass bei Folgeangriffen die Reaktionszeit verkürzt und die Tiefe der Raketenaufklärung verringert werden könnte. Tatsächlich war die Vorwarnzeit in Israel zuletzt in manchen Fällen kürzer als üblich. Die Armee begründete das mit einer „Vielzahl operativer Faktoren“. Ein Zusammenhang mit den beschädigten Radarstellungen ist nicht bestätigt.
Wie lange kann Iran seine Angriffe fortsetzen?
Iran setzt bei seinen Angriffen auf eine Mischung aus Drohnen, ballistischen Raketen und wenigen Marschflugkörpern. Offensichtlich gelingt es immer wieder, die Luftverteidigung zu überfordern, auch wenn die meisten Geschosse abgefangen werden konnten. Wie lange Teheran diese Kampagne durchhält, lässt sich nur grob vorhersehen.
Bei Drohnen, deren Abwehr den Amerikanern schwerfällt, dürfte das Regime einen langen Atem haben. Bei einem Drohnenangriff in Kuwait kamen sechs amerikanische Soldaten ums Leben. Das vom britischen und amerikanischen Außenministerium geförderte Centre for Information Resilience geht davon aus, dass Iran über industrielle Kapazitäten verfügt, um rund 10.000 Drohnen im Monat zu produzieren. Die USA zählten bis vorige Woche mehr als 2000 eingesetzte Kamikazedrohnen.
Kniffliger wird es bei den Raketen. Schon die Angaben zum Bestand vor dem Krieg unterscheiden sich stark: von 2000 Stück bis zu 6000 oder mehr. Israels Armee schätzte das Arsenal auf etwa 2500. Nach offiziellen Angaben der jeweiligen Verteidigungsministerien und Militärs wurden seitdem rund 270 ballistische Raketen auf die Vereinigten Arabischen Emirate abgeschossen, 230 auf Kuwait, 150 auf Qatar, 100 auf Bahrain und 60 auf Jordanien. Mehrere Angriffe gab es auch gegen Saudi-Arabien, das keine genauen Zahlen veröffentlicht. Die israelische Armee verzeichnete rund 300 gestartete Raketen gegen Israel; das Militär macht anders als in vorigen Konflikten allerdings keine konkreten Angaben mehr.
Demnach hätte Iran – ausgehend von der israelischen Schätzung – deutlich mehr als ein Drittel seines Arsenals verschossen. Dazu wurden mehrere Raketen auf den Irak abgefeuert, einige wenige auch auf Zypern oder die Türkei.
Das iranische Raketenarsenal ist wiederum eines der Hauptziele der Israelis und Amerikaner. Das israelische Militär schätzt laut Medienberichten, dass Iran noch etwa 150 Raketenstartgeräte übrig hat; vor dem Krieg sollen es zwischen 400 und 550 gewesen sein. Die Abschüsse Richtung Israel gingen demnach stark zurück, von bis zu 100 am ersten Kriegstag auf zuletzt ungefähr 20 und weniger pro Tag.
Auch die Zahlen aus den Emiraten sinken: Meldete das Verteidigungsministerium vom 28. Februar (137 Raketen) bis zum 3. März noch 186 Angriffe, waren es seitdem nur noch etwas mehr als 80 weitere Attacken. Ähnliches gilt auf niedrigerem Niveau für Kuwait und Qatar.
Auch wenn die Intensität im Vergleich zu den ersten Kriegstagen abgenommen hat, gingen die iranischen Angriffe am Mittwoch weiter: Entsprechende Meldungen gab es aus den Emiraten, Qatar oder Kuwait; auch Israel wurde in der Nacht wieder mit Raketen beschossen. Quellen aus der israelischen Armee teilten der „Jerusalem Post“ mit, dass Teheran den Krieg noch über einen längeren Zeitraum führen könne. Demnach werde es schwierig, die restlichen, über das gesamte Land verteilten Abschussvorrichtungen zu finden und zu zerstören.
Source: faz.net