15 Jahre nachdem dem Tsunami: Wie sieht es in welcher ehemaligen Sperrzone von Fukushima heute aus?






Schwarze Säcke voller kontaminierter Erde, Geigerzähler am Straßenrand und Lost Places neben Neubauten – so sieht Fukushima heute aus. Unterwegs durch das betroffene Gebiet.

Die Zeiger sind bei 15:38 Uhr stehen geblieben, als der Strom ausfiel. Zu diesem Zeitpunkt fegte die erste Welle des Seebebens durch die Namie Town Ukedo Grundschule an der Ostküste Japans. Es war der 11. März 2011, als der Nordosten von Japans Hauptinsel Honshū von einem der schwersten je gemessenen Erdbeben erschüttert wurde. Gemessen um 14:46 Uhr mit einer Magnitude von 9,1, löste es einen Tsunami aus, der auch diese Schule nicht verschonte.



Das Gebäude steht heute wie ein Mahnmal auf einer öden Freifläche. In der Umgebung hatte die 14 Meter hohe Welle, die sich mit 200 Kilometern pro Stunde näherte, alles plattgewalzt. 15 Jahre später sind die Trümmer geräumt, aber die Schäden in den unteren Klassenräumen wie umgestürzte Stahlschränke und weggerissene Fensterrahmen und Trennwände verdeutlichen die ungeheure Zerstörungskraft der Wassermassen. 

Schüler und Lehrer überlebten die drei Fukushima-Katastrophen

Die fast einstündige Zeitdifferenz zwischen dem ersten Beben und der ersten Welle nutzte die Schulleitung zur Evakuierung. Per Schulbus wurden die Kinder auf einen Berg in der Nähe gebracht – Schüler und Lehrer überlebten die Katastrophe.


Im ersten Stock stand das Wasser nur zehn Zentimeter hoch. Heute befinden sich dort Infotafeln und Bildschirme, die Videos mit Zeitzeugen und Luftaufnahmen auch aus anderen betroffenen Regionen wie Sendai und Iwaki zeigen. Bis vor sechs Jahren gehörte die Gegend zum Sperrgebiet.

„Dort hinten siehst du die Kräne, die zur Fukushima Daiichi Nuclear Power Plant gehören“, spricht mich einer der wenigen Besucher an und deutet auf die Baustelle am Horizont. Der Blick vom Obergeschoss der Schule reicht im Süden bis zum knapp sechs Kilometer entfernten Atomkraftwerk, das nun über Jahrzehnte zurückgebaut wird. In den Folgetagen kam es bis zum 14. März zu den Kernschmelzen in den Reaktorblöcken 1 bis 3, weil die Stromversorgung für die Kühlung ausfiel.




In unseren Köpfen verbinden wir das Wort Fukushima mit dem Super-GAU. Doch in Japan bezeichnet Fukushima nicht nur das Atomkraftwerk Daiichi, sondern auch die 80 Kilometer davon landeinwärts gelegene Stadt Fukushima sowie die gleichnamige Präfektur, die drittgrößte des Landes. Wer in der 285.000 Einwohner zählenden Universitätsstadt einen Baumarkt besucht, wird von der riesigen Auswahl an Gummistiefeln in mehreren Gängen überrascht sein und merkt: Fukushima ist eine bäuerliche Provinz.


Mit dem Auto fahre ich von der Stadt Fukushima in eineinhalb Stunden bis nach Namie, einem Ort, zehn Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt. Die Landstraße 114 führt durch sanftes Gebirge und Täler, die wegen hoher radioaktiver Verseuchung bis 2017 gesperrt waren. Je näher die Küste kommt, desto häufiger stapeln sich auf Freiflächen neben der Landstraße Berge von schwarzen Plastiksäcken mit kontaminiertem Erdreich. Insgesamt 22 Millionen Tonnen wurden von den Reisfeldern abgetragen und eingelagert. Viele Wege zu aufgegebenen Gehöften sind noch immer gesperrt. Die Barrieren sind von Unkraut überwuchert. Teilweise verschwanden Dörfer und Wälder, weil sie derart verseucht waren. Ein Seven-Eleven-Store und eine Pachinko-Spielhalle wurden zum Lost Place. 

Geigerzähler am Straßenrand

So wie bei uns Hinweisschilder die Wege säumen, stehen hier in regelmäßigen Abständen die Geigerzähler am Straßenrand. Die Bildschirme zeigen eine aktuelle Strahlenbelastung zwischen einem und 0,22 Mikrosievert pro Stunde an. Letztere Dosis entspricht fast dem Wert einer natürlichen Strahlenbelastung. Doch Einheimische misstrauen den angezeigten Werten. Sie dienen eher der psychologischen Beruhigung.





Ortschaften wie Namie und Futaba sind längst keine Geisterstädte mehr. Eine eigentümliche Mischung aus alten Häusern auf verlassenen Grundstücken und Neubauten prägt die Siedlungen. Futaba war die letzte Gemeinde in der Präfektur Fukushima, die erst 2022 für ihre Bewohner wieder zugänglich wurde. Mit günstigen Mieten werden Familien zurück in die Region nahe dem Atomkraftwerk gelockt. „Die Stadt muss der Realität ins Auge sehen, dass die Zahl der Rückkehrwilligen gering ist“, sagt Akira Imai, leitender Forscher am Japanischen Forschungsinstitut für Kommunalverwaltung. Jetzt leben wieder 180 Menschen in Futaba, 2010 waren es noch fast 7000 Bewohner.

Weiter in Richtung Küste und Daiichi sind schachbrettartig neue Straßen angelegt. Hier wurde eine Industriezone mit dem Futaba Business Incubation and Community Center aus dem Boden gestampft. Firmen wie die Garnspinnerei Futaba Super Zero Mill haben sich bereits angesiedelt, denn Grund und Boden sind nahe Ground Zero günstig zu haben. Zu den Anreizen gehört mietfreies Land für drei Jahre.





In einem Neubau ist das Great East Japan Earthquake and Nuclear Disaster Memorial Museum untergebracht. Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich ein umfangreiches Dokumentationszentrum über die Ereignisse im März 2011. Die Sammlung des Museums umfasst 290.000 Gegenstände, von denen 200 ausgestellt sind. Mit deren Hilfe wird gezeigt, wie die Bevölkerung drei Katastrophen verkraften musste: Erst das schwere Erdbeben, dann die Zerstörung durch den Tsunami und danach die Folgen der unsichtbaren atomaren Strahlung, was eine Evakuierung von 164.000 Personen im Umkreis von 20 Kilometern von Daiichi ab dem 12. März erforderlich machte. Ungefähr 16.000 Menschen kamen nach Polizeiangaben hauptsächlich durch den Tsunami an der Ostküste ums Leben, 2500 werden bis heute noch vermisst.

In den ersten beiden Abteilungen des Museums wird das Unglück fast wie eine Naturkatastrophe außerhalb des Erwartbaren dargestellt. Mit Kritik am Betreiber des AKW, dem Missmanagement des Energiekonzerns Tokyo Electric Power Company (Tepco), und der Politik hält sich die Ausstellung zurück, auch bei den Themen Regressforderungen und laufende Gerichtsverfahren. Bisher haben Anwohner als Entschädigung für Existenzverluste bis zu 2800 Euro erhalten. Im dritten Ausstellungsabschnitt kommen Betroffene zu Wort, die ihren ruinierten Alltag schildern. In den letzten beiden geht es um die langfristigen Auswirkungen und um die Zukunft der Region, dem „Rebirth of ground zero“.





Die Dokumentation der Katastrophe geht nicht nur mir nahe. Auch Yuka und Takashi, die das Museum zum ersten Mal besuchen. Nach einer guten Stunde müssen sie schon bei Abteilung drei die Ausstellung fluchtartig verlassen. Sie kommen aus der Stadt Fukushima und flüchteten 2011 für mehrere Wochen zu Freunden an die Westküste, wie sie erzählen. Jetzt käme alles wieder hoch. 

Bustouren zum Unglücksreaktor eher unbeliebt

Das Museum ist kein Besuchermagnet. Wer fährt schon freiwillig in die Sichtweite des Atomkraftwerks Daiichi. „Die Marketingabteilung des Betreibers organisiert inzwischen Bustouren für Einheimische auf dem AKW-Gelände bis in Sichtweite der Reaktorblöcke“, sagt Takashi. Katastrophentourismus sei das nicht, sondern „Tepco will zeigen, was sie schon alles beim Rückbau geleistet haben.“ So eine Tour kommt für sie nicht infrage, das Museum hat ihnen schon gereicht.

Auf meinem Rückweg erfahre ich beim Warten am Bahnhof von Fukushima, dass der Name übersetzt „glückliche Insel“ bedeutet. Mein Shinkansen zurück nach Tokio hat zehn Minuten Verspätung, was mir auf allen Reisen im Land nie passierte. Weiter im Norden gab es bei Sendai ein Erdbeben der Stärke 6,1 mit Tsunami-Warnung. Alle Züge wurden automatisch gestoppt, aber nur vorübergehend.


Source: stern.de