„Was ist so gefährlich an einer Vagina“
Eine Sing- und Tanz-Rolle in Filmen mit Abba-Songs machte sie berühmt, jetzt stellt die US-Schauspielerin mit denselben Ausdrucksmitteln eine religiöse Anführerin dar. Ein Gespräch über Kontrollverlust, Nacktszenen und die Tiere auf ihrem Bauernhof.
An diesem Nachmittag in einem Berliner Hotel wirkt Amanda Seyfried in ihrem schlichten schwarzen Sweatshirt und der grau-weiß gestreiften Hose beinahe unscheinbar. Die blonden Haare trägt sie glatt. Kaum etwas an ihr erinnert noch an ihren märchenhaften Auftritt am Abend zuvor, als sie mit wilden Locken in einem cremefarbenen Tüllrock mit glitzernden Blütenstickern über den roten Teppich vor dem Berlinale-Palast zu schweben schien. Die Bilder gingen um die Welt. Jetzt aber sitzt die 40-jährige Amerikanerin ruhig im Sessel, barfuß im Schneidersitz, aufmerksam, mit diesen großen, durchdringenden grünen Augen, für die Kritiker sie immer wieder rühmen.
In ihrem neuen Film „The Testament of Ann Lee“ (ab 12. März im Kino) spielt sie eine historische Figur: die 1736 in Manchester geborene Gründerin der Shaker-Bewegung, eine der bekanntesten utopischen Gemeinschaften, die für Zölibat, soziale Gleichheit und ekstatische Tänze bekannt ist. Lee empfand Sexualität als erniedrigend, als Quelle von Schuld und Leid – was besonders durch den frühen Tod ihrer vier Kinder verstärkt wurde, die sie allesamt im Säuglingsalter verlor. Sie stellte Hierarchien infrage und geriet damit in Konflikt mit Kirche und Gesellschaft. Weil sie in England wegen ihrer Überzeugungen ins Irrenhaus gesteckt wurde, floh sie 1774 mit ihren Anhängern in die amerikanischen Kolonien, wo sie erneut Anfeindungen und Gewalt erlebte. Der Film zeigt ihren Glauben als ekstatische Bewegung – in schamanischen Musical-Sequenzen aus kollektiven Gesang- und Tanz-Szenen – und spart die körperliche Erfahrung nicht aus: traumatische Geburten, Nacktheit, Verlust. Seyfried brilliert in dieser Rolle als Schmerzfrau.
Es ist, wenn man so will, das schwermütige Gegenstück zu jener völlig anderen Sing- und Tanzrolle, die sie einst weltberühmt machte – die der Sophie Sheridan, als Filmtochter von Meryl Streep und Pierce Brosnan, in den auf ABBA-Songs basierenden Musical-Filmen „Mamma Mia!“ (2008) sowie „Mamma Mia! Here We Go Again“ (2018). Bevor unser Gespräch beginnt, greift Seyfried wie selbstverständlich zu Rundstricknadel und rosa Wolle, die auf dem Tisch vor ihr liegen – und fängt an zu stricken.
WELT AM SONNTAG: Das ist jetzt eine Premiere – ich habe noch nie jemanden interviewt, der während eines Gesprächs strickt.
Amanda Seyfried: So mache ich es eben. Stricken hält meinen Geist in Schwung.
WAMS: Das lenkt Sie nicht ab?
Seyfried: Oft hilft mir das Stricken sogar beim Nachdenken – okay, manchmal auch nicht. Aber wenn ich beispielsweise müde bin, hält mich das Stricken oft wach. Mir gefällt daran, dass es etwas Haptisches ist. Ich stricke auch auf Flügen, während ich mit jemandem rede, der neben mir sitzt. Es wirkt zwar so, als würde ich das so nebenbei machen, aber es ist keineswegs gedankenlos. Es fördert eher meine Aufmerksamkeit. Ich versuche auch, meinen Kindern das Stricken beizubringen – die Schönheit der einfachen Dinge zu vermitteln, alles etwas langsamer anzugehen. Und am Ende hast du etwas geschaffen, hältst es in der Hand – ganz im Gegensatz zu all den Computer-Games, die zu nichts führen und bei denen man auch nichts lernt.
WAMS: Was stricken Sie gerade?
Seyfried: Ich habe dummerweise irgendwo einen Fehler gemacht. Das passiert schon mal, wenn man nicht in einem Zug weitermacht. Ich fürchte, jetzt wird es zu lang, es soll ein dreieckiges Halstuch werden. Ich werde es wohl meiner Mutter schenken oder vielleicht Mona Fastvold, der Regisseurin meines neuen Films. Ich weiß noch nicht, wer von ihnen es bekommen wird.
WAMS: Reden wir über Ihren neuen Film. Ann Lee, die religiöse Anführerin der Shaker-Bewegung, predigt Gleichheit zwischen Männern und Frauen zu Zeiten, in denen Frauen fast keine Rechte hatten. Was sagt uns diese historische Figur, heute – in einer Zeit, in der Führung wieder stark von Männern geprägt, mit Härte, Lautstärke und Rücksichtlosigkeit verbunden ist?
Seyfried: Es erinnert uns zunächst daran, dass sich die Menschheit nicht verändert hat. Wir haben uns seit den Zeiten von Ann Lee nicht so sehr weiterentwickelt. Unsere Kernbedürfnisse sind immer noch dieselben: Wir wollen uns sicher fühlen, weil wir Angst haben. Angst ist immer bereit zuzuschnappen, sie ist etwas Ursprüngliches. Und da wir überleben wollen, ist dieses Gefühl von Sicherheit, davon, einen festen Platz zu haben, entscheidend dafür, wie wir einander behandeln. Was Ann Lee ausmachte, war, zu sagen: „Es gibt in dieser Gesellschaft zwar keinen Platz für mich, aber wenn es einen Platz für mich gäbe, würde ich von ihm aus mit Mitgefühl und Fürsorge führen.“ Sie versammelte nicht etwa deshalb Menschen um sich, um Kontrolle über sie auszuüben. Sie versuchte, eine Gemeinschaft aufzubauen, in der alle gleich gestellt waren, damit sie sich sicher fühlen konnten, das zu tun, was sie tun mussten – zu beten.
WAMS: Ann Lee trat mit idealistischen Vorstellungen an, die Sie jedoch unerbittlich verfolgt. Würdigen Sie mit dem Film eine Visionärin oder warnen Sie vor ideologischer Verengung?
Seyfried: Mona hat sich entschieden, die Geschichte auf eine sehr spezifische Weise zu erzählen, indem wir eben kein Urteil über Ann Lee fällen. Es ist eher so, als würden wir über den Film mit ihr ins Gespräch kommen. Das finde ich genial – weil es vor allem darum geht, neugierig auf jemanden und seinen Lebensweg zu sein. Nehmen wir nur diese mystische Ebene, weil Ann Lee ja tatsächlich glaubte, sie sei die Wiedergeburt Christi. Nur: Wie soll man so etwas nachvollziehbar erklären? Und, wie stellt man so jemanden dann dar? Dafür muss man zuerst verstehen, wie sie zu diesem Glauben kam. Diesen Zustand darzustellen, war weniger herausfordernd, als ich gedacht hatte. Weil zuvor in ihrem Leben sehr spezifische Dinge geschehen waren.
WAMS: Lee empfand Abscheu vor Sex, was sich noch verstärkte, nachdem alle vier ihrer Kinder kurz nach der Geburt verstorben waren. Es gibt mehrere Szenen, in denen Sie nackt zu sehen sind, beim Sex, bei blutigen, schmerzhaften Geburten, die in einer Montage aneinandergereiht werden. Hat es für Sie einen Unterschied gemacht, dass eine Frau diese Momente inszenierte?
Seyfried: Ja, absolut. Wobei ich bisher auch mit einigen unglaublich guten männlichen Regisseuren gearbeitet habe. Ich glaube, Atom Egoyan hätte diese Szenen auf ähnliche Weise gezeigt.
WAMS: Der armenisch-kanadische Regisseur, mit dem Sie den Thriller „Chloe“ drehten.
Seyfried: Es gibt Regisseure wie ihn und ein paar andere, bei denen ich mich sicher fühlen würde, auch solche Momente zu zeigen. Wobei, wenn es um bestimmte Dinge geht, fühle ich mich trotzdem sicherer, wenn es eine Frau ist, die mich dabei anleitet. Weil ich ansonsten wohl irgendwann anfangen würde, einen männlichen Regisseur zu hinterfragen. Ich habe das Gefühl, es wäre irritierender, provokativer gewesen, wenn ein Mann solche Szenen inszeniert hätte. Ich weiß auch nicht genau, warum ich das so empfinde. Denn wenn Männer diese Szenen auf die gleiche Weise wie Mona gedreht hätten, mit der gleichen Intention, warum sollte ich das hinterfragen? Aber genau das würde ich tun. Bei Mona war es nicht so, weil sie beispielsweise eine Geburt durchgemacht hat. Und sie hat diese Momente im Film auf eine Weise gezeigt, die ich notwendig fand.
WAMS: Es fällt oft schwer, mit anzusehen, wie Ihr Gesicht von den Schmerzen fast zerrissen wird.
Seyfried: Ich weiß. Es geht dabei auch darum, Wahrheit beim Filmemachen zu finden. Und dazu gehört, die Perspektive und Lebenserfahrung einer Frau zu reflektieren. Wir sehen eine Frau, die ein Kind zur Welt bringt: Warum zum Teufel sehen wir so etwas nicht öfter? Was ist so beängstigend an einer Vagina, an dem natürlichen Lauf der Dinge, der zeigt, wie wir überhaupt auf diesen Planeten kommen? Warum sehen wir stattdessen viel öfter Enthauptungen in Filmen – und dies ganz beiläufig? Oder: Warum musste ich, mit zehn, in einem Film sehen, wie ein Typ seine Mutter und ihre Schwester ermordet und sie dann ausstopft wie ein Tierpräparator das machen würde? Warum musste so was meine Angst prägen? Warum ist so was okay und warum ist es nicht okay, eine Geburt im Film zu zeigen?
WAMS: Das klingt, als habe Ihnen diese Rolle sehr viel abverlangt. Sie haben kürzlich gesagt, die Darstellung der Ann Lee habe Sie verändert und dass Sie sich danach leichter gefühlt haben. Können Sie das erklären?
Seyfried: Zum Teil lag es daran, dass es mich sehr erschöpft hat, Ann Lee zu spielen. Wenn ich arbeite, bin ich grundsätzlich in den Rollen sehr präsent, ich versuche so gut, wie es mir möglich ist, in der Figur und deren Geschichte verwurzelt zu sein. Aber diese Rolle forderte einfach so viel mehr von mir in jeder Hinsicht. Und dann hatten wir auch nicht genügend Zeit, mussten daher jeden Tag mehr machen, als wir normalerweise täten. Das liegt nun mal an der Art eines Independent-Films, der ohne viel Geld auskommen muss. Die Rolle der Ann Lee zog viel Energie von mir ab, forderte mich auch spirituell.
WAMS: Und was war an dieser Erfahrung „leicht“?
Seyfried: Weil sie mich, wie jede gute Herausforderung, auch aufgebaut hat. Es war so, als ob Sie den Gipfel eines Berges erklommen hätten – und in Ihren Beinen keinen Schmerz mehr spüren. Ich meine, Ihre Beine könnten nach so einer Anstrengung ja auch wund sein. Trotzdem empfinden Sie keinen aktiven Schmerz, weil Sie den Berg bestiegen haben, weil Sie ganz oben sind und nicht höher klettern müssen. So fühlte ich mich nach Abschluss der Dreharbeiten: schwerelos. Als würde ich oben auf einem Berg stehen, nach unten schauen und mir selbst sagen: Wie zur Hölle habe ich das nur geschafft?! Das fühlte sich gut an.
WAMS: Sie sind nun seit 27 Jahren Schauspielerin, haben fiktive wie historische Figuren dargestellt. Seit Kurzem wird das Netz mit KI-generierten Filmchen geflutet, in denen Hollywoodstars wie Brad Pitt oder Ihre Kollegin Sydney Sweeney in aberwitzigen, Trailer-artigen Clips auftreten – zu Filmen, die es gar nicht gibt. Was macht das mit Ihnen, wenn Sie sehen, dass Sie die Kontrolle über Ihre Rollen, Ihre Darstellungen und Ihre Stimme komplett verloren haben?
Seyfried: Ich wünschte, ich könnte jetzt versichern, dass ich nach wie vor daran glaube, dass Menschlichkeit nicht repliziert werden kann. Aber es kann verdammt nochmal so aussehen, als ob das eben doch möglich ist. Ich verstehe, wie intelligent und mächtig diese Technologie ist. Trotzdem kann sich eine KI nicht in einen Raum neben Sie setzen und anfangen, mit Ihnen zu sprechen. Das spielt sich bislang nur auf Bildschirmen ab. Gefährlich ist es dennoch. Ich versuche jedenfalls in meinem Metier so analog wie möglich zu arbeiten.
WAMS: Ein bisschen so wie Stricken – als digital Detox?
Seyfried: Wie beim Stricken. Einfach weiter meine Hände benutzen. Nach all dem, was ich dazu gelesen habe, könnte KI uns sicher in Bereichen wie der Wissenschaft helfen. Aber auch dafür habe ich bislang noch nicht genügend Belege gesehen. Ich halte danach im Moment auch nicht Ausschau. Ich beschäftige mich lieber mit Stricken, flechte kleine Körbe oder kümmere mich um die Tiere auf unserem Bauernhof.
WAMS: Sie leben mit Ihrer Familie auf einer Rettungsfarm für Tiere, mit Pferden, Ziegen, Hühnern oder Katzen in Upstate New York.
Seyfried: Ich fühle mich mit den Tieren auf dem Bauernhof sehr verbunden. Ich lebe nicht in der Welt von KI. Ich sehe nur ab und zu Clips und Schlagzeilen dazu, wie viele andere auch. Vielleicht ist das auch nur Selbstschutz, indem ich versuche, diesbezüglich unbedarft zu bleiben – eben, weil ich Angst davor habe. Wir sollten auch Angst davor haben. Das alles ist verdammt unheimlich. Das Einzige, was mir in der Hinsicht Hoffnung gibt, ist, dass KI Hologramme noch nicht wie echte Menschen aussehen lassen kann. Das schafft sie – verdammt noch mal – nicht. Sie jedenfalls, wie Sie hier vor mir sitzen, sind definitiv ein menschliches Wesen.
Zur Person:
Die am 3. Dezember 1985 in Allentown, Pennsylvania, als Tochter eines Apothekers und einer Ergotherapeutin geborene Amanda Seyfried hatte nach TV-Rollen wie in „All My Children“ 2004 mit der Highschool-Komödie „Mean Girls“ ihren ersten großen Erfolg. International bekannt wurde sie als Sophie in den auf ABBA-Songs basierenden Musical-Filmen „Mamma Mia!“ (2008) und „Mamma Mia! Here We Go Again“ (2018). Es folgten unter anderem der Horrorfilm „Jennifer’s Body“ (2009), das Musical „Les Misérables“ (2012) sowie das biografische Drama „Mank“ (2020), für das sie eine Oscar-Nominierung erhielt. Für die Miniserie „The Dropout“ gewann sie 2022 Emmy und Golden Globe. Sie ist seit 2017 mit dem Schauspieler Thomas Sadoski verheiratet und hat zwei Kinder.
Source: welt.de