Europaweite Razzien gegen rechten Verlag „Der Schelm“

Ein Polizist in Dresden mit Dienstwaffe.


exklusiv

Stand: 11.03.2026 • 10:16 Uhr

Seit Jahren verbreitet „Der Schelm“ antisemitische Bücher – nun gehen Ermittler mit Razzien in Deutschland, Polen und Spanien gegen den Verlag vor. Es ist der zweite Versuch, das rechtsextreme Netzwerk rund um den „Schelm“ zu zerschlagen.

Von Leonie Lemberg, RBB

Seit dem Morgen finden europaweit Razzien und Festnahmen bei mutmaßlichen Betreibern des rechtsextremen Verlages „Der Schelm“ statt. Zuständig ist die Staatsanwaltschaft Karlsruhe. Nach rbb-Informationen wird in Deutschland an acht Orten in Brandenburg, Baden-Württemberg, Sachsen, Bayern und Nordrhein-Westfalen durchsucht.

In Polen lassen die Ermittler per Amtshilfe eine Druckerei und in Spanien eine Lagerhalle sowie Privat- und Firmenräume durchsuchen. „Der Schelm“ ist ein Verlag mit Onlineversand, der seit mindestens zehn Jahren rund 100 Nachdrucke von antisemitischen Büchern und Schriften aus der Zeit des Nationalsozialismus verbreitet sowie rassistische und den Holocaust leugnende Veröffentlichungen, deren Vertrieb in Deutschland verboten ist.

Sechs Männern und zwei Frauen deutscher Herkunft wirft die Karlsruher Staatsanwaltschaft unter anderem vor, „in 488 Fällen gemeinschaftlich volksverhetzende Druckwerte von 2022 bis 2024 hergestellt, verbreitet, geliefert und vorrätig gehalten zu haben“, wie Sprecher Manuel Graulich der Redaktion rbb24 Recherche mitteilte.

Ein Druckereibesitzer ist der Beihilfe beschuldigt. Hauptbeschuldigter ist der aus Leipzig stammende und bereits vor Jahren nach Moskau geflüchtete Verlagsinhaber und Rechtsextremist Adrian P.

Zweiter Anlauf der Justiz

Nach Informationen von rbb 24 Recherche finden die Durchsuchungen in Leipzig, Pforzheim, Neuenbürg, Bottrop, Schönwald und Wertheim statt. Zu den Beschuldigten gehören auch zwei Druckereibesitzer, ein Grafiker sowie ein IT-Spezialist und der Besitzer eines Business-Centers.

Der auch im Fokus der Ermittlungen stehende Rechtsextremist W. aus Brandenburg ist seit Mitte 2025 rechtskräftig verurteilt und sitzt wegen ähnlicher volksverhetzender Straftaten in Haft.

Mit den Razzien unternimmt die Justiz einen zweiten Anlauf, das rechtsextreme Netzwerk rund um den Verlag „Der Schelm“ zu zerschlagen. Im Frühjahr 2024 verurteilte das Oberlandesgericht Dresden auf Antrag der Bundesanwaltschaft zwei Männer und eine Frau unter anderem wegen der Bildung einer rechtsextremistischen, kriminellen Vereinigung. Zwei Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Der flüchtige Verlagsinhaber Adrian P. wird per internationalem Haftbefehl gesucht. Nach Informationen von rbb 24 Recherche soll der 61-Jährige den Betrieb des Verlages von Moskau aus steuern. Ein Auslieferungsgesuch scheiterte schon vor Jahren.

Offenbar duldet die russische Regierung den Neonazi. Dieser wiederum nennt den russischen Präsidenten Wladimir Putin auf seinem eigenen Telegramm-Kanal einen „cleveren fino-ugrischen Geheimdienstoffizier slawischer Zunge“, der es „dank zielgerichteter Lobbyarbeit … bis in den Kreml geschafft“ habe.

Mehr als 11.000 Kunden

Die Webseite des „Schelms“ ist in Estland angemeldet. Exklusiv verfolgte rbb 24 Recherche zwei Jahre lang die neuen Vertriebsstrukturen und analysierte den Kundenstamm des Verlags. Die etwas mehr als 11.000 Besteller kommen aus aller Welt. Zu den deutschen Kunden sollen bekannte Neonazis sowie Lokalpolitiker der AfD aus mehreren Bundesländern gehören.

Die Mehrzahl der Käufer scheint jedoch nach einer exklusiven Auswertung des rbb aus der Mitte der Gesellschaft zu stammen: Unternehmer, Handwerker, Anwälte, Ärzte, Polizisten, Lehrer, Pfarrer, Buchhändler, Altenpfleger, Feuerwehrmänner. Der Präsident eines Schützenvereins soll mindestens acht Bücher bestellt haben, darunter „Judas Schuldbuch“ und die „Diktatur Bundesrepublik Deutschland“ des Holocaust-Leugners Germar Rudolf.

Ein vom Verfassungsschutz aus Hessen als „rechtsextremistisch“ bezeichneter Verlag bestellte mindestens zwanzig Mal Nachdrucke von Kinderbüchern aus der NS-Zeit: „Das Märchen vom bösen Deutschen“, „Giftpilz“ und den „Pudelmopsdackelpinscher“.

Die Bücher stehen seit 2018 auf dem Index der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendschutz. Thomas Salzmann, der stellvertretende Direktor der Bundeszentrale, sagt im Interview, dass die Bücher ein „rassistisches Weltbild“ verbreiten würden.

Auf dem Index stehende Bücher dürfen in Deutschland nicht offen verkauft oder beworben werden. Die Bundeszentrale prüft Bücher oder Zeitschriften nur, wenn Bürger oder Behörden einen Antrag stellen. Bislang wurden fünf Bücher des Verlags und die Internetseite geprüft und auf den Index gestellt.

Weiterverkauf strafbar

Während der Kauf einzelner Bücher nicht verboten ist, können Kunden, die als sogenannte Mehrfach-Besteller gelten, durchaus auch in den Fokus der Strafermittler geraten. Meist sind es Zufallsfunde. So wurde im vergangenen Sommer ein Arzt vom Amtsgericht Bamberg zu einer Geldstrafe von rund 3.000 Euro verurteilt, weil er sich 20 Exemplare der Broschüre „Der Holocaust: Fakten versus Fiktion“ von Germar Rudolf liefern ließ.

Das Gericht ging von einer unkontrollierten Weitergabe der 20 Exemplare aus. Damit habe der Verurteilte den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllt. Das Strafmaß fiel milde aus, weil der Arzt geständig war. Laut Gesetz können Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren verhängt werden.

Die wegen Volksverhetzung verurteilte Margarete N. aus dem Wesertal erwartet im Juni ein Gerichtsverfahren vor dem Amtsgericht Kassel. Nach Informationen von rbb 24 Recherche zählte die heute 81-Jährige mit ihrem Klosterhausverlag zu größeren Abnehmern des „Schelms“ und das, obwohl das Amtsgericht Leipzig N. schon in Folge des ersten „Schelm“-Prozesses 2024 zu eineinhalb Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilte.

Geldströme werden verschleiert

Den Recherchen zufolge hat sich Adrian P. offenbar ein System geschaffen, die Geldströme des Verlags zu verschleiern. Bestellern wurden für die Bezahlung unterschiedliche Kontonummern in verschiedenen Ländern von diversen Kontoinhabern mitgeteilt.

Eines der Konten gehörte zu einer Firma im spanischen Malaga, die dem in Haft sitzenden Brandenburger U.W. und seiner Frau zugeschrieben wird. Aber auch „treue“ Kunden springen offenbar als Treuhänder ein und legen Konten an, wie der Grafiker, bei dem heute durchsucht wurde.

rbb 24 Recherche konnte Konten in Estland, Litauen, Tschechien, Spanien, Schweden, England, Österreich ausfindig machen, deren Inhaber als Treuhänder für Adrian P. fungierten. Den Kunden wurde aufgetragen, bei der Überweisung auf jeden Hinweis zum „Schelm“ zu verzichten. Doch das „Treuhänder-Netzwerk“ scheint nicht immer so zu funktionieren, wie Adrian P. es sich vorstellt. Auf seinem Telegramm-Kanal prangerte er kürzlich „eine „Dame aus Köln“ an, weil sie weder Kontoauszüge noch das Geld, das ihr treuhänderisch überwiesen worden war, weitergeleitet habe.

Die Logistiker

Bei der Produktion soll Adrian P. mit einer Druckerei im polnischen Stettin zusammengearbeitet haben. Dort wurde ebenso durchsucht wie in Süddeutschland. Gegen den Inhaber einer Druckerei wird wegen Beihilfe ermittelt, weil er Druckaufträge für einen weiteren Beschuldigten ausgeführt haben soll.

Damit die Bücher unentdeckt bleiben, wurden sie vor dem Versand in schwarze Folie eingeschlagen und dann mit gängigen Paketdiensten verschickt. Nach rbb-Recherchen wird einem Geschäftsmann und einem IT-Spezialist aus Süddeutschland vorgeworfen, am Vertrieb und an der Organisation des „Shopsystems“, einschließlich Datenbank, mitgewirkt zu haben. Bei allen ließ die Staatsanwaltschaft heute durchsuchen.

Source: tagesschau.de