Royal Navy im Nahen Osten: Die britische Marine ist nur im „Stand-by“

Die Auswirkungen des amerikanisch-israelischen Angriffs auf Iran haben auf peinliche Weise die Schwächen der britischen Marine entblößt. Im ersten iranischen Gegenschlag trafen womöglich von Libanon aus gestartete Drohnen einen der beiden britischen Stützpunkte auf Zypern.

Der britische Premierminister Keir Starmer versprach daraufhin in einem Telefonat mit dem zyprischen Präsidenten Nikos Christodoulides am 3. März, er werde die Verlegung zweier Hubschrauber der britischen Streitkräfte zur Drohnenabwehr anordnen und außerdem den Zerstörer HMS Dragon nach Zypern schicken – eines von sechs Kriegsschiffen dieser Klasse, die besondere Fähigkeiten zur Luftabwehr haben.

Doch während die Hubschrauber eine Woche später auf Zypern eingetroffen waren, hatte die HMS Dragon ihren Heimathafen Portsmouth noch gar nicht verlassen. Zunächst hieß es bei der Royal Navy, das Schiff habe für die neue Mission erst noch Munition übernehmen müssen, dann hieß es, es seien noch Schweißarbeiten an Bord zu erledigen.

Großbritannien soll Sicherheit gewährleisten

Die Navy erläuterte, warum kein anderer der sechs Zerstörer der Klasse 45 für den Schutz Zyperns zur Verfügung stand: Drei Einheiten befänden sich zur Grundüberholung in der Werft, eine weitere erneuere gerade die Ausbildung der Besatzung, die beiden verbleibenden seien mehr oder weniger einsatzfähig gewesen. Nach einer Meldung der Zeitung „Independent“ befand sich die HMS Dragon noch im Trockendock, als Starmer ihre Entsendung ins Mittelmeer verkündete.

Das Vereinigte Königreich ist seit dem Unabhängigkeitsvertrag für Zypern aus dem Jahr 1960, der ihm die Souveränität über die beiden britischen Militärstützpunkte sicherte, im Gegenzug verpflichtet, die Sicherheit der Insel zu gewährleisten. Im aktuellen Fall geriet Großbritannien jedoch hinter Frankreich, den Niederlanden, Italien und Spanien ins Hintertreffen, die alle jeweils eigene Kriegsschiffe zum Schutz des EU-Mitglieds Zypern ins östliche Mittelmeer entsandten; die Franzosen schickten sogar ihr Flaggschiff, den Flugzeugträger Charles de Gaulle.

Das Erscheinen der europäischen Armada erzeugte auch im Planungsstab der Royal Navy hektische Aktivitäten und Ankündigungen. Zunächst hieß es, auch der britische Flugzeugträger HMS Prince of Wales werde in eine „erhöhte Einsatzbereitschaft“ versetzt, was bedeutet, der Träger kann binnen fünf Tagen seeklar sein, was aber nicht heißt, dass er auch einen Einsatzbefehl erhalten hätte oder erhalten wird.

Britische Präsenz am Persischen Golf

In der Mitte dieser Woche teilte die britische Marine mit, eine erhöhte Einsatzbereitschaft gelte nun auch für den Militärversorger HMS Lyme Bay, ein Hilfsschiff der Navy, das als Truppentransporter eingesetzt werden oder dazu dienen kann, gestrandete britische Reisende aus dem Nahen Osten abzuholen. Die HMS Lyme Bay ist immerhin im Hafen des britischen Überseegebietes Gibraltar stationiert, hätte also einen kürzeren Weg ins Krisengebiet als die in britischen Heimathäfen stationierten Schiffe.

Bis vor wenigen Monaten hielt die Royal Navy auch eine ständige Präsenz im britischen Marinestützpunkt in Bahrain am Persischen Golf aufrecht. Jahrzehntelang war dort eine britische Fregatte stationiert; zuletzt lag allerdings bloß noch das Minenjagdboot HMS Middleton am Golf, das vor wenigen Wochen huckepack in einem größeren Trockendocktransporter nach Großbritannien zurückkehrte.

Der Flugzeugträger HMS Prince of Wales im August 2025 in Tokio
Der Flugzeugträger HMS Prince of Wales im August 2025 in TokioPicture Alliance

In statistischen Zahlen ist die Royal Navy mittlerweile auf ein historisch kleines Maß geschrumpft. Sie verfügt lediglich noch über 15 hochseefähige Überwasserkampfschiffe: die beiden Flugzeugträger HMS Queen Elizabeth und HMS Prince of Wales, sechs Zerstörer und sieben ältere Fregatten, die innerhalb des nächsten Jahrzehnts durch acht bis neun Neubauten ersetzt werden sollen. Hinzu kommen vier strategische atomar bestückte U-Boote sowie sieben weitere U-Boote.

Die Unterfinanzierung der Marine setzte schon tief in der Regierungszeit der Konservativen ein; sie wurde nach der Regierungsübernahme der Labour-Partei vor eineinhalb Jahren durch zusätzliche drastische Kürzungsentscheidungen offenbart. Der gegenwärtige Verteidigungsminister John Healey stellte gleich zu Beginn seiner Amtszeit zwei notleidende Versorgungsschiffe und eine Fregatte außer Dienst, um Kosten zu sparen.

Im Zuge der verzögerten Entsendung der HMS Dragon wurde jetzt bekannt, dass private Auftragnehmer, die an der Schiffsinstandsetzung beteiligt waren, offenbar aus Einsparungsgründen verpflichtet wurden, nicht länger Überstunden oder Wochenendarbeit abzurechnen. Der für die Streitkräfte zuständige Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium gestand überdies ein, dass der Zerstörer eigentlich schon für eine andere Mission in Aussicht genommen war, sodass seine Ausrüstung umgeplant werden musste.

Im Marinehafen von Portsmouth liegt ein weiteres Schiff der Royal Navy in Reserve, das in ihren Büchern noch immer als aktiv und einsatztauglich geführt wird, auch wenn es den Stützpunkt seit 200 Jahren nicht mehr verlassen hat – es ist die HMS Victory, das Flaggschiff, auf dem Lord Horatio Nelson 1805 unweit von Gibraltar gegen Franzosen und Spanier die Schlacht von Trafalgar gewann und sein Leben verlor.

Source: faz.net