Wie stark heizt welcher Krieg die Inflation an?
Wirtschaft und Verbraucher sind alarmiert, sie sorgen sich vor noch höheren Energiepreisen. Droht eine Teuerung auf breiter Front?
Im Gutenberg Center in Mainz gibt es zahlreiche Geschäfte: Vom Supermarkt bis zum Sportladen ist hier vieles zu finden – auch eine Tankstelle, die seit zehn Tagen deutlich höhere Preise für Kraftstoff nimmt. Viele Kunden verbinden den Wocheneinkauf in dem Einkaufszentrum mit einmal Volltanken. Viele haben auch Sorgen, dass die richtige Kostenlawine infolge des Iran-Krieges erst noch kommt – nicht nur an der Tanke, sondern auch im Einkaufsregal.
Langer oder kurzer Krieg im Nahen Osten?
„Die Sorgen der Menschen sind nachvollziehbar“, sagt Wirtschaftsexperte Gunther Schnabl. Er arbeitet für das Research Institute des Vermögensverwalters Flossbach von Storch und ist Professor an der Universität Leipzig. „Fraglich ist aber, ob der Krieg dauerhaft fortgeführt wird oder es schon bald zu einem Ende kommt.“ Der Ölpreis schwankte deshalb in diesen Tag stark, so Schnabl. „Zudem lag der Preis bei der Finanzkrise 2008 oder bei Ausbruch des Ukraine-Kriegs 2022 deutlich höher als jetzt“, erklärt der Finanzexperte. „Für eine stabile Prognose ist es noch zu früh.“
Die Angst vor größeren Folgen des Krieges im Nahen Osten treffe aber auf die schon seit Jahren hohe gefühlte Inflation. Diese liege deutlich höher als die offiziellen Daten, so Schnabl. „Im Verbraucherpreisindex sind nicht alle Preissteigerungen abgebildet. Das geht von Immobilienpreisen, neuen Gebühren bis hin zu kleineren Portionen im Restaurant oder schlechteren Zutaten bei verarbeiteten Lebensmitteln. Ich glaube auch, dass die wirkliche Teuerung in Deutschland und dem Euroraum in Wirklichkeit höher als die offiziell gemessene ist.“
Die Preise hängen am Öl
Das Institut der deutschen Wirtschaft IW hat die Folgen des deutlich erhöhten Ölpreises durchkalkuliert: Bei einem Preis von 100 US-Dollar pro Barrel würde das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 0,3 Prozent fallen. Zudem würde die Inflation angeheizt: Die Verbraucherpreise würden um rund 0,8 Prozent anziehen. Der Grund: Höhere Energiepreise verteuern Transport, Heizung, Produktion und zahlreiche Vorprodukte – und das könnte sich dann am Ende auf die Verbraucherpreise niederschlagen.
Bauernverband sieht Strukturkrise
Deshalb beobachtet auch der Deutsche Bauernverband die internationalen Kraftstoffpreise mit Sorge. Höhere Kosten für Dünger, Pflanzenschutzmittel und der Bewirtschaftung der Felder seien die Folge. „Gerade jetzt für die Frühjahrsbestellung sind die sprunghaften Preissteigerungen beim Diesel besonders schmerzhaft, steht schon oben. Diese Kostensteigerungen können von der Landwirtschaft schlichtweg nicht getragen werden“, warnt Präsident Joachim Rukwied.
Der Bauernpräsident sieht die gesamte Branche in einer Strukturkrise, die durch den Krieg im Nahen Osten noch verschärft werden könnte: „Auf der einen Seite steigen unsere Kosten für Betriebsmittel oder Energie deutlich an, auf der anderen Seite haben wir bei den meisten landwirtschaftlichen Produkten Tiefstpreise. Das passt nicht zusammen.“
„Kosten-Tsunami für die Lebensmittelbranche“
Auch die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie ist alarmiert: „Wer den drohenden Kosten-Tsunami für die Lebensmittelbranche stoppen will, um den Verbraucher nicht zusätzlich zu belasten, muss jetzt konsequent handeln“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie (BVE), Christoph Minhoff.
Als Sofortmaßnahmen fordert er: „Weg mit Maut und Netzentgelten für die Lebensmittelbranche, keine weiteren Belastungen durch Steuern, Abgaben und bürokratische Dokumentationspflichten.“ Zudem ist die BVE dafür, die Gaspreisbremse nach dem Modell von 2023 infolge des Ukraine-Krieges wieder einzuführen.
Höhere Preise durch höhere Transportkosten
Die Transportbranche spricht angesichts der Treibstoffentwicklung von „einer akuten existenziellen Bedrohung für unsere mittelständischen Speditionen und Transportunternehmen“. Denn: Laut Angaben des Spitzenverbands für Straßengüterverkehr und Logistik in Deutschland, BGL, machen die Kraftstoffkosten rund ein Drittel der Gesamtkosten aus. „Die Auswirkungen der Preisexplosion treffen unsere Branche in einer dramatischen Geschwindigkeit und Härte, wie wir sie lange nicht erlebt haben“, so der Verband auf Anfrage von tagesschau.de.
Etwa 85 Prozent der Güter werden nach offiziellen Angaben mit dem Lkw transportiert. Die Logistikunternehmen gehen davon aus, dass es für Verbraucher in Zukunft teurer wird: „Aufgrund der in der Branche traditionell niedrigen Margen können solche Kostensteigerungen nicht ‚intern weggedrückt‘ werden, sie landen absehbar früher oder später beim Endverbraucher oder es drohen Insolvenzen.“
Energiepreise setzen der Chemieindustrie zu
Neben der Lebensmittel- und Transportbranche melden sich immer mehr andere Wirtschaftsbereiche mit düsteren Prognosen zu Wort – etwa der Verband der Chemischen Industrie (VCI): In Deutschland sei Energie im internationalen Vergleich schon vor dem Krieg sehr teuer gewesen. „Das verschärft Deutschlands Wettbewerbsnachteil gegenüber Standorten mit strukturell günstigeren Energiepreisen, etwa den USA, und belastet unsere Unternehmen. Je länger eine Sperrung der Meerenge anhält, desto größer dürften diese Preisaufschläge ausfallen.“
Was brächten kurzfristige Subventionen?
Auch Experte Schnabl hat die Energiepreis-Debatte in den vergangenen Tagen verfolgt. Kurzfristigen Subventionen oder Steuernachlässen erteilt er eine klare Absage: „Die Preise für Öl und Gas auf dem Spotmarkt sind sehr volatil. Wenn die Politik darauf reagieren würde, käme sie mit der Gesetzgebung gar nicht hinterher.“ Auf mittelfristige Sicht glaubt der Wirtschaftswissenschaftler eher an moderate Kraftstoffpreise. „US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, die Öl- und Gasförderung weiter auszuweiten. Zudem gibt es absehbar weltweit eine schwache Wirtschaftsentwicklung. Das dämpft die Nachfrage und damit die Preise.“
Weg vom CO2-Preis, zurück in die Kernkraft?
Um die Verbraucher und den Standort Deutschland dauerhaft zu entlasten, ist Schnabl vielmehr für grundlegende Reformen – vor allem für geringere Steuern und Abgaben und einen massiven Abbau der Regulierung. „Leider hat die Energiepolitik die Wirtschaft schwer belastet. Das schlägt sich jetzt zunehmend auf dem Arbeitsmarkt nieder“, so der Wirtschaftsexperte.
Nach Schnabls Ansicht reicht allein der Ausbau der Erneuerbaren Energien nicht aus, um die Preise signifikant zu senken. Sein Vorschlag, um die Verbraucher gegen zukünftige Preisanstiege bei Öl und Gas zu schützen: die Mineralölsteuern moderat senken und die CO2-Steuer aussetzen. Schnabl befürwortet außerdem die Rückkehr zur Atomkraft: „Die Wiederaufnahme der Kernkraft könnte den CO2-Ausstoß der deutschen Energieproduktion deutlich reduzieren“ – zumindest kurzfristig.
Source: tagesschau.de
