Energiesystem: Wenn zu viele Speicher ins Stromnetz drücken

Der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, der Strom im Nordosten Deutschlands transportiert, dringt auf Reformen bei erneuerbaren Energien. Es sei unentbehrlich, als Teil der Kraftwerksstrategie neue Gaskraftwerke auch im Netzgebiet von 50Hertz zu bauen und nicht nur im Süden, forderte der Vorsitzende der Geschäftsführung, Stefan Kapferer, am Dienstag in Berlin. Des Weiteren sprach er sich für eine Priorisierung der Netzanschlüsse nach Notwendigkeiten und Stabilitätskriterien aus, nicht bloß nach dem Zeitpunkt der Antragstellung oder dem Reifegrad des Projekts.
Kürzlich hatte sich Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) mit der EU-Kommission im Grundsatz geeinigt, dass bis 2031 zwölf Gigawatt steuerbare Leistung installiert werden dürfen. Dabei geht es um Gaskraftwerke, die einspringen, wenn Ökostrom unzureichend zur Verfügung steht. Der fehlt zumeist im windarmen Süden, weshalb der Bau der Gasanlagen zuvörderst dort angereizt werden soll. Kapferer stellte jetzt klar, dass es im Gebiet von 50Hertz trotz eines Erneuerbaren-Anteils von 74 Prozent noch immer Braunkohleverstromung gebe, die bei Dunkelflauten einspringe: In mehr als 200 Fällen sei der Erneuerbaren-Anteil 2025 auf weniger als 15 Prozent gefallen, im Schnitt 19 Stunden lang. „In diesen Stunden braucht das System gesicherte Leistungen“, sagte er. Die Braunkohle verlasse aber zunehmend den Markt.
„Das ist fürs Klima eine gute Nachricht, aber es ist für die Stabilität und die Resilienz des Energiesystems keine gute Nachricht“, sagte er. „Wenn diese Kohlekraftwerke nicht mehr da sind, gibt es im Netzgebiet von 50Hertz sehr, sehr wenig Gaskapazität.“ Deshalb müsse ein Drittel der neuen gesicherten Leistung im Nordosten entstehen. Nötig sei eine „ausgewogene Südbonusregelung im Gesetz, damit auch Akteure, die sich in unserem Netzgebiet bewerben, zum Zug kommen.“ Es gibt erste Berichte, wie die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und Reiches „Netzpaket“ aussehen könnten. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass es bisher ein Anrecht auf Förderung und Netzanschlüsse unabhängig davon gibt, ob der Strom wirklich gebraucht wird und ob das Netz den Abtransport leisten kann.
Es gilt, die Spreu vom Weizen zu trennen
Kapferer wies auf die vielen „Anschlussbegehren“ für den Netzzugang hin, die sein Haus bisher nach dem Eingang bearbeiten muss. Bis 2030 habe 50Hertz mehr als 90 Zusagen über knapp 35 Gigawatt erteilt. Doch es lägen noch weitere 159 Anträge über 63 Gigawatt vor, allein 140 Batteriespeicher mit fast 53 Gigawatt. Die Netzbetreiber warnen seit Längerem vor Wildwuchs, vor unausgegorenen Projekten, vielen Parallelanträgen und „Glücksrittern“ insbesondere bei Speichern. Diese blockierten die Bearbeitung und könnten wichtigere Projekte verdrängen, etwa Elektrolyseure für Wasserstoff, Rechenzentren oder Industrieansiedlungen mit großer Wertschöpfung und vielen Arbeitsplätzen.
Die vier Übertragungsnetzbetreiber planen von April an ein sogenanntes Reifegradverfahren. Es berücksichtigt, ob ein Antragsteller wichtige Realisierungsvoraussetzungen erfüllt, etwa bei Grundstücken, Finanzierung und Genehmigungen. „Das wird uns die Möglichkeit bieten, besser zu priorisieren, die Spreu vom Weizen zu trennen“, sagte Kapferer. Das Verfahren reiche allein aber nicht. „Es lässt uns nicht die Möglichkeit zu sagen: Batteriespeicher sind vielleicht schon viele da, lass uns lieber noch drei Rechenzentren anschließen.“ Daher bedürfe es zusätzlich einer politischen Steuerung. „Hier werden wir mit der Politik über die Frage reden müssen, inwieweit Politik den Mut hat, bestimmte Kontingente festzulegen.“
Stromverbrauch sinkt, Gewinn steigt
Es gelte zu klären, „wie viel Gigawatt Batteriespeicher brauchen wir, wie viele Elektrolyseure, wie viele Erneuerbare?“ Richtig sei auch die Diskussion, an welchen Standorten erneuerbare Energien hinzukämen. „Es ist nicht die Aufgabe des Netzkunden oder des Übertragungsnetzbetreibers, jedem Grundstückseigentümer in Deutschland ein Geschäftsmodell zu verschaffen durch den Anschluss für erneuerbare Energien“, sagte Kapferer. „Es geht nicht darum, weniger Erneuerbare zuzubauen, sondern sie dort zuzubauen, wo sie besser ihre Aufgabe bei der Dekarbonisierung erbringen können.“
Der Stromverbrauch im 50Hertz-Netzgebiet ist 2025 leicht auf 93,3 Terawattstunden gefallen. Das Konzernergebnis wuchs um 57 Prozent auf 486 Millionen Euro. Für 2026 werden zwischen 585 und 625 Millionen erwartet. Investiert wurden 2025 rund 3,8 Milliarden Euro, von 2026 bis 2028 sind jährlich rund fünf Milliarden Euro geplant.