Norwegischer Romanklassiker: Der Rivale wird nebenbei beim Skilaufen totgeschlagen
Von 1925 bis 1927 erschienen Undsets Bücher um Olav Audunssohn, den Waisenjungen und seinen – rückblickend – dann doch gradlinigen Lebensweg. 1928 wurde die 1882 in Dänemark geborene Norwegerin mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet; der Preis bezog sich vor allem auf das dreibändige Romanwerk um die Figur der Kristin Lavransdotter. Vor elf Jahren war bereits eine deutsche Übersetzung des vierteiligen „Olav Audunssohn“ erschienen, deren Halbwertzeit offenbar derart geschwunden zu sein schien, dass eine neue Übersetzung anstand. Die liegt jetzt vor. Der zweite Band wird im Sommer folgen.
Beiden Romanwerken der Schriftstellerin liegt eine ganz offenbar ebenso eingehende wie nah empfundene Beschäftigung mit dem elften, zwölften und dreizehnten Jahrhundert in Norwegen zugrunde. „Olav Audunssohn“ erzählt von einem Waisenjungen aus guter, sprich auch begüterter Familie: Olav, der bei Pflegeeltern aufwächst und der schönen Ingunn Steinfinnstochter versprochen ist. Die Kinder wachsen gemeinsam auf und hüten ihrer beider Wissen um das gegenseitige Versprochensein. Als sie beide soweit herangewachsen sind, dass es zur Ehe kommen soll, erheben Verwandte Widerspruch wegen Erbschaftsangelegenheiten. Was zu massiven Krisen bei den jungen Menschen führt. Die auch in dem Maß voneinander wissen, dass sie – gottseidank folgenlos – schon das Bett miteinander geteilt hatten.
Er singt und erzählt und erobert damit Ingunns Herz
Olav zieht in die Welt, verdingt sich unter anderem beim dänischen König für dessen Feldzüge, Ingunn wächst weiter heran und führt das Dasein einer nicht verheirateten, gleichwohl nicht mehr recht eroberbaren, sprich verheiratbaren Frau in der großbäuerlichen Gesellschaft Mittelnorwegens. Die Jahre gehen ins Land, Olav kommt einmal zurück und lotet seine Chancen aus, doch noch zu einer vor Gott und in der Kirche gerechtfertigten und legalen Ehe mit Ingunn zu kommen. Die Verwandtschaft auf beiden Seiten zögert, eindeutig Stellung zu beziehen, und auf einmal soll das Versprechen aus der frühen Jugend der beiden nichts mehr gelten.
Konflikte, Zorn, Ohnmacht und Verzweiflung lösen im Romangeschehen einander ab. Ingunn lässt sich mit einem charmierenden Isländer ein, einer Art begabter Wandergeselle, der sich auf Musik und Erzählen gut versteht. Daraus ergibt sich eine Schwangerschaft; Ingunn gebiert einen Sohn, Eirik. Den sie zunächst natürlich nicht als ihr eigenes Kind ausgeben kann und demzufolge zu Pflegeeltern gibt. Als Olav endgültig von seinen Wanderjahren zurückkehrt und sein Erbe im südlichen Norwegen antritt, können sie endlich miteinander die Ehe schließen, Eirik wird als Sohn Olavs ausgegeben. Doch vorher – sozusagen en passant, denn es geschieht während eines Skilaufs – erschlägt Olav den Isländer. Ingunn erleidet einige Fehlgeburten, wird immer kränklicher, Olav hadert mit seinem Schicksal und hat es schwer mit seinem als eigenen ausgewiesenen Sohn.
Und was ist mit dem Christentum?
Undset gelingt mit großer schriftstellerischer Meisterschaft ein vieltöniges und vielfarbiges Kunstwerk aus Norwegens hohem Mittelalter – die Wikingerzeit ist vorbei, das Kleinkönigtum mit konkurrierenden Bandenkriegen herrscht. Die alten aus den paganen Religionsstrukturen der Zeit vor dem Christentum herstammenden ethischen Regeln von Sippe, Familienbindungen, Rache und Loyalität konkurrieren mit den Botschaften des erstarkenden Christentums, dem Geflecht von Sündenauffassung und göttlicher Liebe, der Verantwortung vor Gott, begreifbar durch die Sakramente.
Dieser Aspekt ist im Romanwerk „Olav Audunssohn“ umfassend erzählt und berücksichtigt; der Übertritt der Verfasserin zur katholischen Kirche im Jahr 1924 sollte in diesem Zusammenhang mitgedacht werden. Was auch dazu führt, das fast ausschließlich positiv und grundgütig im Roman daherkommende Bild der katholischen Kirche als Resultat der Arbeit einer mit der Moderne hadernden, in gewissem Maße durchaus reaktionären Schriftstellerin zu verstehen.

Wir haben einen großen historischen Roman vor uns, der gleichwohl ohne die durch die Isländersagas begründete skandinavische Erzählkunst nicht ausreichend eingeschätzt werden kann. Sozusagen endemisches Merkmal der Sagas ist ein gewisser Lakonismus – dieser oder jener segelte da und dorthin, traf zwei Männer, erschlug sie und nahm ihr Land. Er zeugte drei Söhne und starb. Alles, was zwischen solchen Schilderungen jedoch passiert sein konnte, verschweigt die Saga. Einen gewissen lakonischen Stil pflegt auch Undset – doch macht sie von dessen Potential, dass eigentlich mehr und weit darüber hinaus erzählt werden kann, mehr als umfassenden Gebrauch.
Undset vermag berückende Naturschönheit ebenso eindringlich und fast andachterzeugend zu schildern wie das gesamte Gefühlsspektrum, dem ihre Hauptfiguren ausgesetzt sind und das sie, jeweils in sich und miteinander, mit einer im hohen Mittelalter eher unbekannten narrativen Auslotungstiefe für sich erobern.
Dass die Hauptfiguren dabei vielfältigen archetypischen Bezügen und, beim Leser, Assoziationsmöglichkeiten ausgesetzt sind, macht die Lektüre des viele Hundert Seiten starken Buchs erst recht gut möglich und nachgerade unterhaltsam. Dazu trägt die meisterhafte Übersetzung durch Gabriele Haefs bei. Man merkt an keiner Stelle, dass man nicht das Original liest.
Sigrid Undset: „Olav Audunssohn“. Roman.
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2025. 750 S., geb., 30,– €
Source: faz.net