Energiepreise: Gaskunden werden nachher Preisanstieg nervös

Die Nachfrage von Kunden nach neuen Gastarifen ist infolge des Krieges im Nahen Osten sprunghaft gewachsen, wie das Vergleichsportal Verivox in einer Analyse herausgearbeitet hat. Am Dienstag seien zudem erstmals die Neukundenpreise leicht gestiegen – von 8,4 auf 8,5 Cent je Kilowattstunde, wie ein Verivox-Sprecher sagte. Nachdem US-Präsident Donald Trump in der Nacht ein schnelles Ende des Krieges in Nahost in Aussicht gestellt hatte, waren die Großhandelspreise für europäisches Erdgas am Dienstag zwar gefallen, doch die Unsicherheit bei den Endkunden bleibt hoch.
Die Sorge vor künftigen Preisanstiegen motiviert daher laut Verivox viele Verbraucher, sich jetzt um einen günstigen Gastarif zu kümmern. Das Vergleichsportal teilte mit, seit Kriegsausbruch jeden Tag mehr als doppelt so viele Vertragsabschlüsse wie in der Vorwoche zu verzeichnen (ein Plus von 125 Prozent).
Verstärkte Nachfrage nach längeren Laufzeiten
Das deckt sich mit den Erfahrungen einzelner Energieunternehmen. „Wir sehen im Strom- und Gasvertrieb aktuell eine positive Nachfrage bei Neukunden“, hieß es auch von dem in Deutschland breit aufgestellten schwedischen Energiekonzern Vattenfall, der hierzulande mehr als fünf Millionen Kunden mit Strom und Gas beliefert.
Insbesondere Gewerbekunden, für die das Thema Energie ein wesentlicher Faktor sei, wollten Verträge aktiv verlängern. „Bei den Privatkunden ist die Neukundengewinnung in der vergangenen Woche im Vergleich zur Vorwoche um einen zweistelligen Prozentsatz gestiegen.“ Das Unternehmen beobachte eine verstärkte Nachfrage nach Verträgen mit längeren Laufzeiten, so Vattenfall-Deutschland-Chef Robert Zurawski. Haushalts- wie auch Industriekunden interessierten sich momentan stärker für Zweijahres- als für Einjahresverträge, sagte er vor Journalisten der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung in Düsseldorf.
Perspektivisch wirken auch Netzentgelte und CO2-Preis
Für die meisten Endkunden haben die Preiskapriolen im Großhandel zunächst keine direkten Auswirkungen, da sie länger laufende Verträge haben und Preisänderungen an der Börse erst mit Verzögerung bei ihnen ankommen. Sollten die Börsenpreise aber weiterhin auf einem hohen Niveau bleiben, „ist in den kommenden Wochen auch mit steigenden Neukundenpreisen zu rechnen“, sagt allerdings Thorsten Storck, Energiefachmann bei Verivox. Auch abgesehen vom Krieg in Nahost sei nicht davon auszugehen, dass die Gaspreise in diesem Jahr in der Tendenz sinken, hieß es weiter von Verivox. Perspektivisch würden die Themen Netzentgelte und CO2-Preis zu Aufwärtsbewegungen führen.
Der Energieversorger Eon teilte mit, zwar seien schon starke Auswirkungen an den globalen Energiemärkten für das Jahr 2026 zu sehen: „Was die konkreten Auswirkungen aktuell auf unsere Kundinnen und Kunden betrifft, können wir beruhigen: Kurzfristige Schwankungen an den Energiemärkten federn wir aktuell durch unsere langfristige Beschaffungsstrategie ab.“ Auf lange Sicht sei entscheidend, wie sich die geopolitische Lage in den nächsten Monaten weiterentwickelt, sagte eine Sprecherin. Bei den langfristigen Preisen für das Jahr 2027 sehe Eon ebenfalls einen Anstieg, „dieser fällt bislang aber deutlich geringer aus“. Der weitere Verlauf sei jedoch „sehr schwer prognostizierbar“.
Mehr Nachfrage nach privaten Photovoltaikanlagen
Auch Eon beobachtet grundsätzlich einen Trend in der Kundennachfrage hin zu Tarifen mit längeren Laufzeiten, zum Beispiel 18 oder 24 Monate. „Stark angestiegen ist bei uns in den vergangenen Tagen die Nachfrage nach privaten Photovoltaikanlagen“, sagte die Sprecherin weiter. „Dies zeigt, dass Kundinnen und Kunden gerade in geopolitisch unruhigen Zeiten erneuerbare Energien als gute Lösung sehen, um insgesamt unabhängiger zu werden.“
Einig sind sich alle, dass die Lage für Endkunden nicht mit der nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine vergleichbar sei. „Wir haben jetzt eine andere Situation, zumindest was den Gasbereich anbelangt“, sagte Vattenfall-Manager Zurawski. Das liege daran, dass ein Großteil der Gasverträge hierzulande nicht mit Nahost bestehe. Damals hingegen sei mit dem Wegfall des russischen Gases eine „ganze Versorgungskette“ zusammengebrochen. „In der Energiekrise 2022 ging der Neukundenpreis beim Gas innerhalb von zwei Wochen von 14 auf 20 Cent hoch“, hob der Verivox-Sprecher hervor. „Das ist nicht vergleichbar.“