Warum Cem Özdemirs Wahlsieg in Baden-Württemberg historisch ist

Was hinter dem Wahlsieg von Cem Özdemir steckt. Und was für die Koalitionsbildung in Baden-Württemberg wichtig werden wird


Mehr als nur ein Accessoire: Cem Özdemir erhielt mit der grün gestreiften Krawatte von Winfried Kretschmann nicht nur ein Kleidungsstück, sondern ein Erbe

Thomas Niedermüller / getty


Am Ende dieses Wahlabends trennten Grüne und CDU weniger als ein Prozentpunkt – und doch Welten. Der so knapp unterlegene Manuel Hagel (CDU) zog verwundet ab nach Berlin, um sich auf Bundesebene feiern zu lassen. Und Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) übergab vor dem ausgelassenen Fest in der Stuttgarter Staatsgalerie Cem Özdemir sein Erbe in Gestalt einer grün gestreiften Krawatte, die er selbst trug bei seinen Siegesfeiern.

Die Vokabel „historisch“ ist schnell verwendet und selten richtig. Auf diesen 8. März 2026 trifft sie für Baden-Württemberg, das drittgrößte der sechzehn Bundesländer, in mehrfacher Hinsicht zu. Die CDU verspielt einen zweistelligen Vorsprung; die Grünen können beweisen, dass 15 Jahre Kretschmann kein Unfall der Geschichte waren; die SPD nähert sich in alarmierender Weise der Fünf-Prozent-Schwelle und fährt das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte bei einer Landtagswahl ein; die FDP fliegt aus dem Landtag, in dem sie seit Gründung der Bundesrepublik vertreten war; die AfD hat sich fast verdoppelt; und die Linke bleibt in der Apo, der außerparlamentarischen Opposition, trotz ihres guten Ergebnisses.

Für alle drei kleinen Parteien mit nur einstelligen Resultaten gilt, dass sie am Ende im Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem CDU- und dem Grünen-Spitzenkandidaten zerrieben wurden. „Ich habe so oft diesen Satz gehört in den letzten Tagen: Ich will Herrn Hagel verhindern, und deshalb wähle ich Grün“, berichtete Andreas Stoch, Landes- und Fraktionschef der SPD, und kündigte sogleich seinen Rückzug an.

Nie in seinem Leben habe er gedacht, mal ein solches Wahlergebnis kommentieren zu müssen, sagte der Heidenheimer Rechtsanwalt. Jetzt brauche die Partei eine Neuaufstellung. Ein Satz allerdings, der im Südwest-Landesverband immer aufs Neue formuliert wird, seit Erhard Eppler Anfang der Achtziger Jahre den Hut nehmen musste nach einem Wahlergebnis von 32,5 Prozent.

Die FDP ist Geschichte – oder?

Noch schlimmer hat es die FDP in ihrem Stammland getroffen, in dem sie ein Jahr nach Gründung des Südweststaats mit Reinhold Maier sogar den einzigen Ministerpräsidenten der FDP in der Nachkriegsgeschichte gestellt hat. Auch der Landes- und Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke, der gemeinsam mit Hagel so gerne für die bürgerliche Wende im Land gesorgt hätte, tritt zurück. Die Auswirkungen auf die Bundespartei sind unabsehbar.

Die Folgen für Baden-Württembergs Politszene liegen auf der Hand: Die CDU droht mittelfristig einen natürlichen Koalitionspartner zu verlieren, hat das Amt des Ministerpräsidenten trotz dieses liberalen Aderlasses aber nicht zurückerobern können.

Und mit dem programmatischen Rechtsruck in den vergangenen Jahren, allen voran in der Migrationspolitik, haben die Schwarzen im Südwesten sogar noch die AfD gestärkt. Die hatte sich 2021 im Vergleich zu 2016 und ihrem ersten Einzug in den Landtag halbiert, um jetzt mit fast 19 Prozent stärker denn je und als führende Oppositionspartei wiederzukommen.

Die CDU will den Grünen den Anstand absprechen

Viel wird jetzt davon abhängen, ob die Krawallmacher, die sich in der CDU im Land noch am Wahlabend formierten, die Oberhand bekommen. Sie wollen den Grünen den Anstand absprechen – wegen des Rehbraune-Augen-Videos – und Stimmung machen gegen diese de facto neue Gro-Ko à la Baden-Württemberg unter Özdemirs Führung. Oder ob ausreichend viele auf die Führungsfigur Manuel Hagel hören, dem immerhin ein Plus von gut fünf Prozentpunkten zu verdanken ist.

Denn vor seinem Abflug nach Berlin hat der 37-Jährige, der sich so gerne auf die erfolgreichen Altvorderen beruft, während einer gemeinsamen Pressekonferenz der Spitzenkandidaten einen Satz des früheren CDU-Ministerpräsidenten Erwin Teufel recycelt, mit einem Entgegenkommen an die Adresse des alten und neuen Koalitionspartners: „Erst kommt das Land, dann die Partei, und dann der Mann.“

Da hatte Özdemir neben ihm sitzend schon die grün-gestreifte Kretschmann-Krawatte umgebunden. Der scheidende Ministerpräsident hat rund 300 in seinem Kleiderschrank, weil er vor allem in den Anfangsjahren oft keine dabei hatte, wenn er dringend eine brauchte. Der 77-Jährige könnte dem Nachfolger also noch sehr viele schenken in den nächsten Jahren und bei entsprechenden Erfolgen.