110 Dollar pro Barrel: Ölpreisschock lässt Industrie und Börsen zittern

Ein starker Anstieg der Ölpreise sowie die Aussicht auf einen weiter eskalierenden Konflikt im Nahen Osten hat große Börsen in Asien zum Start in die neue Woche einbrechen lassen. In Tokio sackte der japanische Leitindex Nikkei 225 im Handelsverlauf um mehr als sieben Prozent ein. Der Kospi in Südkorea gab mehr als acht Prozent ab, sodass der Börsenbetreiber in Seoul abermals durch kurzzeitige Handelsunterbrechungen versuchte, die Anleger zu beruhigen. Die Aktien großer Konzerne wie Samsung Electronics und SK Hynix brachen um mehr als neun Prozent ein.
Die rasant steigenden Energiepreise haben dem Dax zum
Wochenauftakt einen Kursrutsch eingebrockt. Der deutsche Leitindex notierte zum Handelsstart am Montag rund 2,5 Prozent tiefer und fiel unter die Marke von 23.000 Punkten. Mit 22.927 Zählern stand der Leitindex zwischenzeitlich auf einem Zehnmonatstief. Zu den größten Verlierern im Dax zählten Siemens Energy, Heidelberg Materials, Continental
und Infineon, die zwischen rund vier und sechs
Prozent einbüßten.
Die G-7-Finanzminister beraten einem Medienbericht zufolge über die Freigabe von Öl aus Notreserven. Drei aus dieser Gruppe der sieben wichtigen Industrieländer – darunter die USA – hätten bisher ihre Unterstützung dafür bekundet, berichtet die „Financial Times“. Die Internationale Energieagentur (IEA) solle die Aktion koordinieren. Die Minister und IEA-Chef Fatih Birol würden sich noch am Montag in einer Telefonkonferenz über die Auswirkungen des Irankrieges beraten. Die IEA und die G-7-Präsidentschaft reagierten zunächst nicht auf Anfragen nach einer Stellungnahme. Der Gaspreis stieg in Europa rasant.
Zuvor hatte der Ölpreis die 100-Dollar-Marke durchbrochen. Die wichtigste amerikanische Handelseinheit West Texas Intermediate (WTI) überschritt die Marke von 110 Dollar je Barrel (159 Liter) und erreichte damit den höchsten Stand seit Juli 2022. Auch der Preis für Brent-Öl, die internationale Benchmark, ist kräftig gestiegen; die Terminkontrakte legten um mehr als 20 Prozent auf über 110 Dollar je Barrel zu.
Japan und Südkorea sind wie viele weitere Länder in Asien in hohem Maße abhängig von Öl- und Gaslieferungen aus Saudi-Arabien und anderen Ländern in der Region. Die Regierungen beider Länder haben bereits auf ihre großen Ölreserven verwiesen, mit denen sie selbst mehrwöchige Lieferunterbrechungen überstehen könnten. Doch die Sorgen wachsen, dass der Krieg im Nahen Osten die Lieferungen von Öl, Gas und anderen wichtigen Rohstoffen für einen längeren Zeitraum einschränken könnte.
„Epizentrum der Energieversorgungskrise“
Zum einen hatten Israel und die Vereinigten Staaten am Wochenende iranische Ölanlagen bombardiert. Zum anderen wurden Berichten zufolge auch Meerwasserentsalzungsanlagen in Bahrain angegriffen, was viele Analysten als ernsthafte Eskalation bezeichnen. Sollten diese Anlagen länger ausfallen, könnte das erhebliche Auswirkungen auf das zivile Leben in der Region haben und damit auch auf die Möglichkeiten, die Öl- und Gasproduktion dort aufrechtzuerhalten.
Das könnte schwere wirtschaftliche Folgen für weite Teile Asiens haben, wie Analysten der japanischen Investmentbank Nomura in einem Bericht darlegen: „Die Region befindet sich im Epizentrum der Energieversorgungskrise und sieht sich mit einer möglichen Stagflation konfrontiert“, heißt es dort. „Sollten die Störungen länger andauern, könnten Unternehmen unter Margendruck geraten und Produktionskürzungen vornehmen müssen, während die Verbraucher mit höheren Lebensmittelpreisen konfrontiert werden könnten.“ Auch Länder außerhalb des Nahen Ostens könnten dazu übergehen, ihre Energieexporte einzuschränken, um ihre eigene heimische Versorgung zu sichern, warnen die Analysten. „Das könnte die weltweite Verknappung noch verschärfen. Der nächste Monat könnte entscheidend sein.“ Am anfälligsten für einen Energieschock sehen sie Thailand, Korea, Taiwan und Indien aufgrund ihrer hohen Nettoenergieimporte und ihres Konzentrationsrisikos gegenüber dem Nahen Osten.
Neben den unmittelbaren Auswirkungen auf die Energielieferungen könnte die Blockade der Straße von Hormus allerdings auch noch weitere Kreise ziehen. So hat die japanische Ölgesellschaft Idemitsu Kosan ihre Geschäftspartner laut Medienberichten darüber informiert, dass sie die Ethylenproduktion in Japan einstellen könnte, falls die Blockade der Straße von Hormus weiterhin den Import von Rohstoffen aus dem Nahen Osten verhindert. Ohne Ethylen kann kein Plastik hergestellt werden, was wiederum die Produktion von Autos und Elektrogeräten beeinträchtigen könnte.
Der Fachmann für ökonomische Sicherheit Takashi Ito sagte gegenüber der F.A.Z., dass die japanische Wirtschaft neben den stark steigenden Ölpreisen auch unter den wachsenden Versicherungsprämien für den Seehandel sowie einer weiteren Abwertung des ohnehin schon sehr schwachen Yen leiden könne.
Koreanischer Won sinkt auf niedrigsten Stand seit 2009
Sowohl der Yen als auch der koreanische Won gaben am Montag deutlich nach gegenüber dem Dollar. Mit 1500 Won je Dollar fiel die koreanische Währung auf den niedrigsten Stand seit 2009, als das Land mitten in einer Finanzkrise steckte.
Der Vorstandschef des weltgrößten Elektronikherstellers Foxconn aus Taiwan, Young Liu, hatte schon am Freitag vor den Folgen eines länger andauernden Konflikts mit Iran für die Weltwirtschaft gewarnt. Sollten die Ölpreise auf 100 Dollar pro Barrel steigen und auch die Preise für Rohstoffe in die Höhe schießen, würde jeder die Auswirkungen davon spüren.
Der japanische Autohersteller Toyota Motors hat wegen der Lieferbeschränkungen schon seine Produktion zurückgefahren, da er zunächst keine Pick-ups und andere Fahrzeuge mehr in den Nahen Osten liefern kann. In Japan wächst die Sorge, dass die Unterbrechungen im Seehandel auch für andere Konzerne Folgen haben könnte. Sanshiro Fukao, Autofachmann am Itochu Research Institute, verwies gegenüber dem japanischen Fernsehsender NHK darauf, dass eine längerfristige Blockade der Straße von Hormus zum Wettbewerbsvorteil für chinesische Hersteller werden könnte, da Iran möglicherweise Frachter seines Partners China weiter passieren lassen könnte. So könnten chinesische Fahrzeuge weiterhin im Nahen Osten ankommen, während kein Nachschub aus Japan nachkomme. Zudem habe China die Möglichkeit, Fahrzeuge auf dem Landweg in die Region zu liefern.
Die chinesischen Börsen reagierten wie schon in der vergangenen Woche deutlich weniger stark. Der Hang-Seng-Index in Hongkong büßte am Montagvormittag Ortszeit knapp drei Prozent ein. Seit Beginn des Irankrieges büßte der Index rund sechs Prozent ein und gab damit weniger heftig nach als andere asiatische Indizes. Zu den größten Verlierern zählten Bergbauunternehmen, während die Anleger den Energiesektor als möglichen Profiteur der Krise ausmachten.
Noch verhaltener war die Reaktion auf dem chinesischen Festland. Der CSI 300, der die wichtigsten Titel in Shanghai und Shenzhen bündelt, und der Hang-Seng-China-Enterprises-Index, der die wichtigsten Titel chinesischer Unternehmen in Hongkong abbildet, verloren am Montag nur rund zwei Prozent. Nicht selten greifen die Pekinger Behörden auf dem Festland aber mit Käufen und Verkäufen in die Aktienmärkte ein und stabilisieren die Kurse bei starken Schwankungen.
Source: faz.net