Queen Luise 250. Geburtstag: Die Losung stiller Rache

Am 10. März jährt sich der Geburtstag der preußischen Königin Luise zum 250. Mal. Jubiläen wie dieses sind ein beliebter Anlass für erinnerungsbeflissene Institutionen, Geschichte zu vermarkten. Geht es um historische Personen, gilt dies umso mehr, und dank Sonderbriefmarke, Vorträgen, Ausstellungen und verzückten Experten wohl auch in diesem Jahr. Dabei würde man eigentlich lieber einen Zettel mit der Aufschrift „Luise vergessen“ schreiben, denn warum dieser Nebenfigur der preußischen Geschichte, die vor allem als historischer Mythos ein durchaus wirkmächtiges Nachleben geführt hat, heute noch gedacht werden sollte, erschließt sich nicht unmittelbar.

Luise Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, geboren 1776 in Hannover, aufgewachsen in Darmstadt, siebzehnjährig mit dem preußischen Kronprinzen verheiratet, war ab 1797 Königin. Sie erfüllte, was von ihr erwartet wurde, nämlich die Sicherung der Dynastie – sowohl Friedrich Wilhelm IV. als auch der spätere Deutsche Kaiser Wilhelm I. waren ihre Söhne, ihre Tochter Charlotte wurde Zarin von Russland, andere Kinder wurden in die Niederlande verheiratet. Eine politische Rolle beklei­dete sie allenfalls im Exil als Netzwerkerin im Umfeld der preußischen Reformer, als die Königsfamilie nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 nach Ostpreußen geflohen war. 1807 scheiterte ihr Versuch, mit Napoleon günstigere Friedensbedingungen für Preußen auszuhandeln. Kurz nach der Rückkehr der Königsfamilie nach Berlin starb sie 1810 in Hohenzieritz.

Von Novalis und Kleist zur vorbildlichen Mutter stilisiert

Das junge Königspaar, das angeblich ein an bürgerlichen Tugenden orientiertes, einfaches Familienleben führte, fügte sich schon bei Regierungsantritt nahtlos in romantisierende Vorstellungen des Staates als erweiterter Familie ein. Luise wurde zu Lebzeiten etwa von Novalis und Heinrich von Kleist zur vorbildlichen Mutter und liebreizenden Landesmutter stilisiert. Einfach, bescheiden und wohltätig war sie dem Vernehmen nach auch – all diese Eigenschaften wurden zu spezifisch weiblichen, preußischen und im Verlauf des 19. Jahrhunderts dann zu deutschen erklärt.

Die Biographie der recht jung Verstorbenen ließ sich gut auf idealisierbare Elemente eindampfen, die man immer wieder erzählen konnte, und das wiederum ist die Grundlage eines jeden historischen Mythos. Nach ihrem Tod wurde Königin Luise Teil der Erinnerung an die antinapoleo­nischen Kriege und damit Teil des Gründungsmythos des Deutschen Reiches. Die skizzierte Mythisierung gewann nun weiteren Facetten hinzu: Schuld an ihrem frühen Tod war der herzlose Korse, die Verhandlungen mit Napoleon wurden so als Opfergang für die Nation erzählt. Bei Theodor Körner wurde sie zum „Losungswort der Rache“ im Kampf gegen die französischen Truppen, Blücher wollte sie als Genius in Paris über dem preußischen Heer schweben gesehen haben. Damit stand das Grundgerüst des Königin-Luise-Mythos, sie galt fürderhin als volksnahe, mütter­liche, opferbereite nationale Märtyrerin.

Max Ring erklärte sie zur deutschen Königin

Stiftungen erinnerten an die „Königin der Herzen“ (Schlegel) genauso wie Kunstwerke, Herausgaben ihrer Briefe oder biographische Schriften. Doch erst die Massenmedialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte die preußische Königin zu einem weitverbreiteten „Idealbild deutscher Weiblichkeit“. Auch dabei halfen Jubiläen. Den Anfang machten ein Artikel in der Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“, den 1860 zum 50. Todestag vermutlich eine Millionen Leser zu Kenntnis nahmen, sowie ein Roman Louise Mühlbachs, zu diesem Zeitpunkt – als Bücher für fast alle unerschwinglich waren – mit Alexandre Dumas und Eugène Sue eine der meist­gelesenen Autoren in Leihbibliotheken. In der „Gartenlaube“ erklärte der 1848er Max Ring sie zur deutschen Königin, die wie die Liberalen eine großdeutsche Lösung favorisiert hätte, bei Mühlbach flieht sie in wilder Jagd vor den französischen Soldaten, den Dolch in der Hand, um ihre Ehre zu verteidigen – ein Gegenbild zur sanften Dulderin der weniger populären Darstellungen, die Lehrer gern in ihrer Freizeit für „Deutschlands Frauen und Jungfrauen“ verfassten.

Historische Personenmythen machen Vergangenheit nicht nur konsumierbar, sie erlauben auch Versionen, die für den jeweils zeitgenössischen Kontext nutzbar sind. Als der Krieg gegen Frankreich 1870 ausgerechnet am Todestag seiner Mutter beschlossen wurde, stand der preußische König Wilhelm gemeinsam mit Sohn und Bruder am Grabmal der Mutter und machte den Krieg symbolisch zu einer Familienangelegenheit. Wieder ging es gegen einen Napoleon, es galt die früh verstorbene Mutter zu rächen, die zugleich die sanfte Seite der preußischen Hegemonie im Deutschen Reich repräsentierte – eine Deutung, die so gut wie alle Tageszeitungen übernahmen und die Anton von Werner als einsamen Besuch des Kaisers in Öl verewigt hat. Luises 100. Geburtstag feierte Berlin 1876 mit der Errichtung eines Denkmals im Tiergarten, der Historiker Heinrich von Treitschke lobte es in seiner Festrede als „Prüfstein ihrer Frauenhoheit, dass sich so wenig sagen lässt von ihren Taten“. „Schamhafte Stille“ sei das Ideal jeder preußischen Frau, so Treitschke, und die hinterlasse nun einmal keine Quellen, die „Nachwelt“ könne ihren Wert daher leider nur „erraten“. Viele Schriften übernahmen diese Deutung, erfolgreich wurden sie nicht. Verkaufen ließen sich historische Erzählungen im Stile Mühlbachs sehr viel besser, in denen die Königin selbst Rache üben und nicht nur das Losungswort dafür sein wollte.

Amalgamierung von Erotik und Nationalismus

Einen Weg aus der Erinnerungswut gab es nicht, das zeigt Kurt Eisners Versuch, zum 100. Todestag den Luisenmythos sozialdemokratisch zu widerlegen. Dazu musste er ihn jedoch zuallererst erzählen, die Crux jedes Gegennarrativs. Nicht einmal die patriotisch-erotische Revue, die Siegfried Kracauer 1925 beschrieb, erfüllte diesen Zweck, im Gegenteil. Die Zuschauer hätten beim Anblick der Königin gleich „wieder in die Schlacht gegen einen Unterdrücker“ gewollt, und der werde sich schon finden. Überhaupt erfuhr die preußische Königin in der Zwischenkriegszeit gerade wegen ihrer Erotisierung einen Erinnerungsboom, denn nun kursierten Bestseller ihrer Lebens- und Leidensgeschichte, in denen der Freiherr vom Stein ihr genauso erlag, wie sie dem russischen Zaren. Weder Heinrich von Kleist noch Napoleon konnten sich ihrem Charme entziehen, das gelang allein ihrem politisch zaudernden Ehemann, den seine Ehe­frau geradezu in den Krieg gegen die Franzosen und zur Rettung Schlesiens treiben musste. Die Romane waren eine merkwürdige Amalgamierung von Erotik und Nationalismus, Ähnliches galt für die Verfilmungen. Die von Henny Porten verkörperte Luise im ersten Tonfilm (1931) setzte den Tod Deutschlands mit dem ei­genen Ableben gleich, ihr von Gustaf Gründgens verkörperter Mann sieht dabei so elend aus, dass man sich nicht sicher ist, ob er gerade in seiner Rolle ist oder doch am Drehbuch leidet. Bei Kracauer fiel der Film als Popularisierung der Forderungen der Harzburger Front durch.

Wichtiger für sein Weiterleben war jedoch die Vereinnahmung des Königin-Luise-Mythos seitens radikalnationalistischer Frauen, allen voran durch den völkisch-antisemitischen „Bund Königin Luise“ (1923–1934), der sich die Königin zur „Führerin“ erkoren hatte. Bis zum „Luisentag“ am 10. März 1926 hatte er fast 100.000 Mitglieder, bei seiner Auflösung 1934 waren es doppelt so viele. Das Geburtsjubiläum nutzte der Bund, um öffentlich sichtbar zu sein und über seine zahlreichen Ortsgruppen neue Mitglieder zu werben. Die rechten Aktivistinnen reklamierten, angesichts des Versagens von Männern in Krieg wie Republik sei es nun die Aufgabe von Frauen, die Nation zu schützen. Damit besetzten sie politische Handlungsräume und legitimierten sie zugleich. Dazu entwickelten sie nicht nur das Konzept eines „Führerinnentums“, sondern betrieben auch professionelle Presse- und Nachwuchsarbeit und schulten ihre Mitglieder für deren Aufgaben in einem autoritären Staat. Durch blaue „Diensttracht“ aus „deutschem Luisenstoff“ waren sie auch bei ihren regionalen und nationalen Treffen im öffentlichen Raum gut sichtbar und besetzten ihn auf diese Weise. Ihre demokratischen Rechte wollten sie dazu einsetzen, der Weimarer „Demokratie einen Schlag zu versetzen“, denn deren Ende war ihr Fernziel.

Augen auf bei der Erinnerungssymbolik, möchte man dem Finanzministerium daher zurufen, wartet es doch mit einer Sonderbriefmarke im Blau dieser „Diensttracht“ auf. Darauf sind auch Kornblumen, vermutlich weil Königin Luise damit prophetisch ihren zweitgeborenen Wilhelm bekränzt haben soll. Die sind allerdings alles andere als ein unschuldiges Symbol. Schon um 1900 wurde die Kornblume jedoch zum Zeichen antisemitischer Verei­nigungen, die Kindergruppen des Bundes Königin Luise hießen Kornblümchen. In Österreich war die Blume zu Beginn der 1930er-Jahre gar das Symbol der sogenannten Illegalen Nationalsozialisten, heute schmücken sich AfD-Abgeordnete im Bundestag damit, um zu provozieren.

Mythen werden wohl nur obsolet, wenn sie entweder so allgegenwärtig werden, dass man ihren Kern nicht mehr erkennen kann, oder wenn sie als Vorbild nicht mehr dienlich sind. Nach dem Ende Preußens 1947 schien der Mythos Luise ein vorläufiges Ende gefunden zu haben. Das Kinopublikum sah lieber „Sissi“ als eine leidende Preußenkönigin, im Schulunterricht spielte sie keine Rolle mehr, die Neugründungen des Bundes Königin Luise verliefen bislang folgenlos. Solange aber Preußen wieder en vogue und Luise von Preußen durch Chiffren wie „Miss Preußen“ und „Königin der Herzen“ konsumierbar ist, wird man sie wohl nicht in der Mottenkiste lassen.

Die Autorin lehrt Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Bielefeld.

Source: faz.net