Baden-Württemberg: Cem Özdemir hat es geschafft

Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg liegen die Grünen vor der CDU. Die AfD holt ihr bisher bestes Ergebnis. Die Linke bangt um den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde


Cem Özdemir mit Ricarda Lang beim Grünen-Wahlkampfabschluss am 7. März in Schwäbisch Gmünd

Foto: Frank Ossenbrink/Imago


Für Friedrich Merz und seine CDU verhieß der März 2026 ein Monat der Befreiung zu werden: Bei 31 Prozent sahen Umfragen die Partei in Baden-Württemberg noch im Oktober 2025. Cem Özdemir war da längst zum Spitzenkandidaten der Grünen gekürt, ganze 14 Prozent Vorsprung hatte die CDU auf dessen Partei ein knappes halbes Jahr vor der Landtagswahl. Ähnliche Vorzeichen in Rheinland-Pfalz ließen Kanzler Merz auf Rückenwind aus dem Westen hoffen, bevor im Herbst 2026 die für die CDU weit schwierigeren Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin anstehen würden.

CDU weiter Juniorpartner

Tatsächlich droht der März 2026 zum Desaster für die CDU zu werden. Bewahrheiten sich die ersten Prognosen vom frühen Sonntagabend, ist ihr Spitzenkandidat Manuel Hagel damit gescheitert, Baden-Württemberg nach 15 Jahren unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann zurückzuerobern. Regierungspartei wird die CDU in Stuttgart zwar aller Voraussicht nach bleiben, doch keinesfalls so, wie ersehnt, ohne die Grünen in einer Koalition. Vielmehr wird sie weiter diesen als Juniorpartner dienen müssen.

Es wird für die CDU ein schwacher Trost sein, dass Özdemir auf den für ihn so erfolgreichen letzten Metern des Wahlkampfs für den Fall seines Sieges „parteiübergreifendes Regieren“ versprach: Wenn eine gute Idee von jemandem komme, der etwa bei der CDU sei, werde sie deshalb nicht falsch und solle Umsetzung finden, so Özdemir.

Konservative Positionen von Cem Özdemir

Dies war das i-Tüpfelchen auf einer Wahlkampfstrategie, die aufgegangen ist – verspüren doch nicht nur in Baden-Württemberg, sondern in der ganzen Republik viele Ermüdung von der lange eingeübten Art des Parteienwettstreits. Özdemir hat sich erfolgreich als Kandidat inszeniert, der darüber und auch über die eigene Partei erhaben ist.

Er hat in der Migrations- und Integrationspolitik konservative Positionen besetzt, die eine Zumutung für die verbliebenen Linken bei den Grünen sind, und dafür sogar seine eigene Tochter ins Spiel gebracht. Özdemir hat zudem eine Wirtschaftspolitik versprochen, die die gebeutelte Autoindustrie in Baden-Württemberg vor weiterem klimapolitischem Überschwang bewahren werde. Gesellschaftspolitisch hat er seine Anschlussfähigkeit zu konservativen Milieus vertieft, indem er etwa der damaligen Chefin der Grünen Jugend Jette Nietzard den Rücktritt nahelegte, als diese wegen ihres „All Cops Are Bastards“-Pullovers in die Schlagzeilen geriet.

Wachsende AfD, absinkende CDU

Mit alldem hat er sich die Segnungen durch Vorgänger und Landesvater Kretschmann redlich verdient – dessen Programmatik scheint seine Amtszeit zu überdauern. Doch Özdemirs Erfolg wird Bündnis 90/Die Grünen und die gesamte Parteienlandschaft auch über Baden-Württemberg hinaus beschäftigen.

Zwar nahen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt im Herbst Landtagswahlen, bei denen die AfD doppelt so stark abschneiden könnte als nun im Südwesten. Ob die Partei sich aber etwa bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin im September mit einer starken Linkspartei und einer etablierten SPD um progressive Milieus streiten oder wie in Baden-Württemberg auch CDU-Wählerinnen ein Angebot zu machen versuchen will, wäre eine plausible Frage.

Insgesamt stehen die Grünen vor der Frage, wie sie sich in Wahlkämpfen verhalten sollen, die mehr und mehr vom Erstarken der AfD und der einhergehenden Schwächung der CDU geprägt sind – ob sie also von der fundamentalen Krise der Merz-Partei profitieren wollen.

Dass sich hinter Özdemir und dessen konservativem Kurs im Wahlkampf nicht nur der einst vertriebene und jetzt weitgehend rehabilitierte grün-konservative Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer versammelt hat, sondern auch die einst als Galionsfigur der linken Grünen geltende Ricarda Lang, kann man als Fingerzeig lesen, wo sich die Grünen einreihen werden.