Angst vor jener Jugend? Natürlich sollten 16- und 17-Jährige wählen die Erlaubnis haben
Die Landtagswahl in Baden-Württemberg war keine gewöhnliche Landtagswahl, sondern eine kleine Revolution. Mit mehr Gerechtigkeit und mehr Mitbestimmung für die Menschen, die von den jetzigen politischen Entscheidungen tatsächlich langfristig betroffen sind: Jugendliche.
Bei der Wahl am 8. März in Baden-Württemberg galt ein neues Wahlrecht. Dies beinhaltet unter anderem auch die Teilnahme von 16- und 17-Jährigen. Diese Entscheidung ist absolut richtig und stößt dennoch auf viel Ablehnung: 52 Prozent der Befragten halten das neue Wahlrecht in Baden-Württemberg in diesem Punkt für falsch. Gerade einmal 37 Prozent befürworten es. Das ging aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov hervor.
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Genau genommen ist es nur logisch, dass dieser Schritt jetzt erfolgt. Politische Entscheidungen, die heute getroffen werden, beeinflussen die Zukunft. Eine Zukunft, die vor allem die jetzige Jugend durchlebt. Nicht die Senioren, die sich gegen eben dieses Wahlrecht aussprachen. So waren bei den 60- bis 69-Jährigen 65 Prozent der Befragten dagegen. Bei den 16- bis 29-Jährigen hingegen waren 55 Prozent der Befragten dafür. Das ist immerhin die Mehrheit, wenn auch nur knapp.
Wer sich in diesem Alter selbst nicht für reif genug hält, eine Wahlentscheidung zu treffen, soll der Wahl schlichtweg fernbleiben. Ihm bleibt es frei zu warten, bis er sich mündig für diese Verantwortung fühlt. Wer selbst älter ist und 16- und 17-Jährigen nicht zutraut zu wählen, übersieht, um wessen Zukunft es eigentlich geht. Das Skurrile: Eltern und Großeltern trauen ihren eigenen Kindern und Enkelkindern wohl keine politische Kompetenz zu. Damit stellen sie nicht nur deren Reife infrage, sondern viel mehr ihre eigene Erziehung. Und, viel schlimmer: sie gönnen ihren Kindern keine Selbstbestimmung über ihre Zukunft.
Zu jung oder zu unbequem?
Haben die Erwachsenen Angst, die Jugend könnte „falsch“ wählen? In der Tat mag das Ergebnis der U18-Bundestagswahl 2025 einigen aufstoßen: Die Linke sackte bei den Unter-18-Jährigen mit 20,8 Prozent die meisten Stimmen ein. Und auch die AfD erhielt satte 15,5 Prozent. Ob einem das Ergebnis gefällt oder nicht, ist unerheblich. Niemandem steht es zu, anderen aufgrund ihrer Wahlentscheidung das Wahlrecht zu entziehen. Oder sie aufgrund dessen gar als unreif einzustufen. Es spielt keine Rolle, ob uns die Wahlentscheidung anderer passt oder nicht. In dieser Demokratie sollten alle, die alt genug und langfristig davon betroffen sind, befähigt sein, bei einer Wahl ihr Häkchen zu setzen.
In diesem Alter sind viele Jugendliche in einer Ausbildung, zahlen Steuern und betreten das sogenannte Erwachsenen-Leben. Sie haben die Möglichkeiten, sich zu informieren, können problemlos auf Nachrichten-Apps zugreifen oder sogar über Social Media an Neuigkeiten kommen. Ob diese Möglichkeit alle nutzen, ist eine andere Frage, spielt aber auch keine Rolle. Sicherlich gibt es auch genug 50-Jährige, die nicht täglich das Nachrichtengeschehen verfolgen. Interesse an Nachrichten ist keine reine Altersfrage.
Wer 16- und 17-Jährigen das Wahlrecht nicht zugestehen will, sollte ehrlich sein: Es geht um Kontrolle. Um die Hoffnung, dass Entscheidungen weiter in vertrauten Händen bleiben. Die Debatte legt das Misstrauen vieler Erwachsener offen. Und die Angst vor anderen Mehrheiten. Doch Demokratie bedeutet, Macht zu teilen – auch mit denen, die anders denken. Gerade mit ihnen.
Source: welt.de