Rekordversteigerungen in London: Auf ins Auktionsgetümmel
Die Auktionssäle waren vollgepackt bei den „Evening Sales“ moderner und zeitgenössischer Kunst in London. Wie würde der Markt auf die verschärfte weltpolitische Lage reagieren? Beim Programm waren die Versteiger auf Nummer sicher gegangen und hatten den Schwerpunkt auf Kunst des 20. Jahrhunderts gelegt sowie auf marktfrische Ware aus renommierten Privatsammlungen. Sotheby’s verzichtete komplett auf Werke junger Zeitgenossen, und sogar das auf dieses Marktsegment spezialisierte Unternehmen Phillips brachte nur wenige zum Aufruf. Die angepeilten Gesamtumsätze lagen aber durchweg weit über denen des Frühjahrs 2025.
Sotheby’s spart am Personal
Bei Sotheby’s muss das Team nach Personalkürzungen weiterhin besonders hart arbeiten. Den Auftakt des Auktionsreigens machte die „Modern and Contemporary Evening Auction“ und setzte 131 Millionen Pfund um. Sämtliche 53 Lose wurden vermittelt – ein „White Glove Sale“. Um einen solchen Erfolg melden zu können, wurden zwei Lose, die zunächst unverkauft geblieben waren, zu einem niedrigeren Mindestpreis später noch einmal aufgerufen. Einige Einlieferer waren außerdem bereit, Gebote unterhalb der angegebenen Schätzung zu akzeptieren.
Für eine auf 800.000 bis 1,2 Millionen Pfund geschätzte Wandarbeit von El Anatsui fiel der Hammer schon bei 580.000 Pfund. Die Taxe weit übersteigen konnte dagegen das Star-Los des Abends: „Children’s Swimming Pool, 11 o’clock Saturday Morning, August“ von dem Londoner Maler Leon Kossoff, gemalt 1969. Es ist eines von nur fünf großen Bildern, in denen der Künstler sein lokales Schwimmbad darstellte, und eines von zweien in privater Hand verbliebenen. Konservativ auf 600.000 bis 800.000 Pfund geschätzt, wurde es erst bei 4,2 Millionen unter Applaus zugeschlagen. Kossoffs Rekord lag seit 2018 bei 1,38 Millionen Pfund. Das Werk kam aus der Sammlung des 1937 in London geborenen Unternehmers Joe Lewis, dessen Familientrust mehrheitlich der Fußballclub Tottenham Hotspur gehört. Im vergangenen Jahr begnadigte ihn Donald Trump nach einer Verurteilung wegen Insider-Börsenhandels.

Die Spitzenlose der Auktion kamen gleichfalls aus der Sammlung Lewis: Ein kleines „Self-Portrait“ (Taxe acht bis zwölf Millionen Pfund) von Francis Bacon, das 13,5 Millionen Pfund erreichte, sowie zwei Gemälde von Lucian Freud, darunter „Blond Girl on a Bed“, das zur unteren Taxe von sechs Millionen wegging. Die fünf aus einer Sammlung im deutschen Rheinland eingereichten Arbeiten von Lucio Fontana fanden ebenso Abnehmer. Für ein schwarz-grünes „Concetto Spaziale“ (8,5/12 Millionen bot eine Frau im Saal 8,1 Millionen). An die derzeitigen Konflikte erinnert Anselm Kiefers Werk: „Für Velimir Chlebnikov: Lehre vom Krieg: Seeschlachten“ (400.000/ 600.000). Ein Onlinebieter bewilligte 1,1 Millionen Pfund für es.
Hammershøi begeistert nicht
Am folgenden Nachmittag entfachte das Spitzenlos im „Modern & Contemporary Art Evening Sale“ bei Phillips nicht das erhoffte Bietergefecht: „Interior of Woman Placing Branches in Vase on Table“ (1,5/2 Millionen Pfund) von Vilhelm Hammershøi aus dem Jahr 1900 wurde bei 1,3 Millionen Pfund zugeschlagen. Es kam aus der Sammlung des ehemaligen US-Botschafters in Dänemark, John L. Loeb Jr., wie auch Hammershøis Darstellung einer Kirche, die unverkauft blieb.

Besser erging es „Young Girl Reading a Letter“ (30.000/ 50.000) der 1935 verstorbenen dänischen Malerin Anna Ancher, deren Ausstellung in der Londoner Dulwich Picture Gallery gerade zu Ende geht, mit einem Zuschlag bei 120.000 Pfund. Militärhubschrauber mit rosafarbenen Schleifchen von Banksy, „Happy Choppers“, gingen taxgerecht für 1,2 Millionen weg. Immer noch ein gutes Geschäft: Der Einlieferer hatte das Werk 2018 bei Sotheby’s in New York aus der Sammlung des Schauspielers Robin Williams übernommen und mit Aufgeld damals 735.000 Dollar gezahlt. Insgesamt setzte Phillips mit 23 von 27 Losen 12,6 Millionen Pfund um.
Christie’s steigert sich um satte 52 Prozent
Christie’s begann seinen Reigen von drei Abendauktionen im teuer aufgemöbelten Saal mit neuem Rostrum, Riesenbildschirm, Hightech-Beleuchtung und Marketing-Video. Das Auktionsergebnis sprach aber für sich: der Gesamtumsatz stieg auf stolze 197,4 Millionen Pfund. Das ist eine Steigerung von 52 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 89 von 98 Losen im Angebot wurden vermittelt. Bastienne Leuthe, die nach zwanzig Jahren bei Sotheby’s gerade als internationale Direktorin für Nachkriegs- und Gegenwartskunst zu Christie’s gewechselt ist, erklärte: „Die Abendauktionen präsentierten Werke von Museumsqualität, die sich durch Seltenheit und Provenienz auszeichneten und zu überlegten Preisen angeboten wurden.“
Zu den begehrtesten Werken des „20th/21st Century: London Evening Sale“ von Christie’s gehörte Henry Moores 164 Zentimeter hohe Bronze „King and Queen“ (10/15 Millionen), das einzige noch in Privatbesitz befindliche Exemplar. Der Hammer fiel bei 22,5 Millionen – Weltrekord. Damit ließ das Werk das als Spitzenlos ins Rennen gegangene Bild „Le Rond Rouge“ von Wassily Kandinsky hinter sich, das zur unteren Taxe von 10,5 Millionen wohl an den Garantiegeber ging. Gerhard Richters „Schober (Haybarn)“ wurde etwas über der unteren Taxe für 6,9 Millionen Pfund vermittelt.

Der „The Art of the Surreal Evening Sale“ von Christie’s spülte 42,9 Millionen Pfund in die Kassen. Hier wetteiferten gleich fünf Bieter im Saal um eine „Peinture“ von Joan Miró (1,5/2,5 Millionen) aus der Sammlung Renker, die bei 3,9 Millionen Pfund zugeschlagen wurde. René Magrittes Spitzenlos „Les grâces naturelles“ ging zur unteren Taxe von sieben Millionen weg. Einen Weltrekord gab es für Dorothea Tanning mit ihrem kleinen Gemälde „Children’s Games“ (1/2 Millionen) aus dem Jahr 1942, ehemals in der Sammlung von Gypsy Rose Lee. Es stieg auf 3,8 Millionen Pfund.
Den Abschluss machten 31 Lose aus der Sammlung von Roger und Josette Vanthournout, mit einem Umsatz von 40,3 Millionen Pfund. Nur ein Magritte fand keinen Abnehmer. Die Überraschung war Man Rays erotische Fotografie „La prière“ (50.000/ 70.000), aufgenommen 1930 und gedruckt 1971 in einer Edition von sieben Exemplaren. Der Zuschlag erging erst bei 320.000 Pfund.
Source: faz.net