Frauenkampftag | Frauenkampftag: Frauen stärken oder Männern Angst zeugen?
Aufgewachsen mit dem Naturgesetz „Alle Männer sind Schweine“, war es schwer, mir mit 13 einzugestehen, dass ich Männer heimlich toll finde. Meine jüngere Schwester und ich hatten nur diese eine Mutter und die hasste alle Männer mit einer unermesslichen Wut.
Da sie uns nie etwas erklärte und schon gar nicht die Komplexität ihres Männerhasses, nahm ich an, es müsse am Alkohol liegen. Männer sind Schweine, weil sie trinken. Also konnte ich Männer gut finden, solange kein Alkohol in der Nähe war. Denn dass sie ihn trinken würden und sich dann unweigerlich in Schweine verwandeln müssten, schien unumgänglich.
Aber das Wichtigste war: niemals so zu werden wie meine Mutter! In der Wut gefangen, so wollte ich auf keinen Fall leben müssen. Den Mann, den meine Mutter, für ein paar meiner prägenden Jahre, in ihr Leben ließ, beschimpfte sie für eigentlich alles. Manchmal hatte er davor getrunken, manchmal trank er danach.
Mit dem Erwachsenwerden verstand ich irgendwann, dass vielleicht Alkohol ein Naturgesetz ist, nicht aber, dass Männer sich dadurch in Schweine verwandeln mussten. Der Alkohol ist nie das Problem gewesen, sondern immer nur die Lösung.
Ich wusste, dass ich meiner Tochter das eigentliche Problem aber irgendwie würde erklären müssen. Nur musste ich dazu erst verstehen, wieso meine Mutter es mir nicht erklären konnte.
Aus meinem Verstehen wurde ein Roman über sie und den sexuellen Missbrauch, den sie als Kind durch ihren Vater erfahren hatte. Von meinen Freundinnen wurde ich immer für naiv gehalten, was Männerbeziehungen betraf.
Aber es war Fassade, denn ich war ja genetisch geimpft. Indem ich mich nie auf einen Mann verließ, führte ich ziemlich zufriedene Beziehungen, nahm mir, was ich bekam, erwartete nichts und ging davon aus, trotz Beziehung, alles alleine machen zu müssen, genau wie es meine alleinerziehende Mutter gemacht hatte.
Ich ließ den Vater teilhaben an seinen Kindern und forderte nichts. Als es an der Zeit war, ging ich. Immer noch bin ich stolz auf etwas, das die meisten für normal halten. Nämlich dass meine Kinder denselben Vater haben.
Der Schock meiner Tochter über die Jeffrey Epstein
2020 hielt meine Tochter mit sechzehn Jahren in der Schule ein Referat über Jeffrey Epstein. Es war das beste Referat ihres Lebens. Wut und Feuer steckten darin und sie bekam eine Bestnote. All meine Verarbeitungsversuche konnten aber den Schock, den die Recherche bei ihr auslöste, kaum abfedern.
Was am Ende übrig blieb, war eine resignierte Enttäuschung darüber, dass so etwas möglich ist und nicht komplett aufgedeckt wird. Sie ist nicht aufgewachsen mit einer Mutter, die alle Männer für Schweine hält. Aber sie wunderte sich, dass ein Sicherheitsbeamter es für ein logisches Argument hielt, „Hier sind Kinder!“ zu sagen, als eine Mutter sich an einem Berliner Wasserspielplatz, verbotenerweise oberkörperfrei, sonnte.
An solchen Stellen reißt dieser scheinbar unüberwindbare Abgrund auf, der klarmacht, wie entsetzlich primitiv so ein Männerhirn viel zu oft funktioniert. Denkt es tatsächlich, ein Kind würde beim Anblick bloßer Brüste an dieselben Pornos denken, an die der Mann beim Anblick bloßer Brüste denkt?
Ich bin froh, dass meine Tochter in einer anderen Welt Kinder bekommen wird
Dass er das nicht will, ist ja schon mal nett, aber Verantwortung oder Entscheidungskompetenz sollte er unbedingt entzogen bekommen. So viel Rückständigkeit macht zwar fassungslos, aber das Prinzip beherrscht unsere gesamte Kultur: Nackte Brüste werden in Filmen immer noch als problematisch empfunden. Gewalt kaum.
Meine Tochter begann zu ahnen, mit welcher Macht der Epstein-Skandal unterdrückt worden war und dass sie ihr Leben lang mit diesem Problem zu tun haben würde. Jetzt, da der Fels wieder ins Rollen kommt, bin ich froh, dass meine Tochter nicht in einer Welt Kinder bekommen wird, in der die Sache nicht weiträumig am Licht ist.
Frauen zu stärken, indem man ihnen alle Erwartungen austreibt, die sie an Männer haben könnten, wie es meine Mutter mit mir tat, ist eine Möglichkeit. Eine traurige. Für meine Mutter eine notwendige. Männern richtig Angst zu machen, ist eine andere Möglichkeit. Traurig, weil: notwendig.
8. März Frauenkampftag
Wie schön das Leben sein könnte, hätten wir als Frauen nicht immer noch mit der tagtäglichen Misogynie zu tun, mit Krieg und Patriarchat.
Essays von Autorinnen, die sich der männlichen Dominanz und den Epsteins und Trumps dieser Welt entgegenstellen: mit Solidarität und Liebe