Frauenkampftag: Es ist Zeit, dies Kontinuum welcher Gewalt gegen Frauen zu durchbrechen

Anmerkung: Wenn dieser Text binär und pauschal von Frauen und Mädchen und über die Erfahrungen von Frauen und Mädchen spricht, will er allen, die sich als Frauen identifizieren, gerecht werden: cis Frauen, trans Frauen, Menschen, die weiblich gelesen werden und/oder bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesen wurden, unter einer weiblichen Sozialisation aufgewachsen sind und die patriarchalen Strukturen in dieser prägenden Phase am eigenen Körper erfahren haben.

Non-binäre, agender und intersexuelle Menschen sollen nicht gegen ihren Willen und ihr Sein von mir gedanklich in die Kategorie eingemeindet werden, dennoch will der Text natürlich für alle resonieren, die patriarchale und sexualisierte Gewalt kennen, gleich welcher Geschlechtsidentität – auch sie habe ich vor meinem geistigen Herzen, wenn ich von geschlechtsbasierter Diskriminierung schreibe.

Wenn dieser Text von Männern spricht, spricht er nicht vom einzelnen Mann als Individuum, außerdem nicht von trans Männern oder queeren Männern, die selbst Zielscheibe patriarchaler Gewalt sind. Er spricht von Männern als eine sozialpolitische Kategorie – von jenen, die das Patriarchat am meisten begünstigt, also von cis, heterosexuellen Männern als strukturell privilegierter Gruppe. Kritik an dieser Gruppe ist keine Aussage über jede Person, die männlich ist. Sie ist eine Aussage über ein System, das auf Kosten aller anderen funktioniert.

Und: In diesem Text geht es um explizite sexualisierte Gewalt.

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Man muss es sagen, auch wenn es längst bekannt ist. Wir leben in einem System, das Frauen verletzt.

Täglich, überall. In Parlamenten und Praxen, in Gerichtssälen und Telegram-Gruppen, in den Zahlen der Femizidstatistik. In den Aussagen von Politikern, die grinsend von „rehäugigen Schülerinnen“ schwärmen. Im Lachen, das durch eine Kabine mit Eishockeyweltmeistern geht, wenn ein – wegen sexuellen Missbrauchs verurteilter – Präsident Sportlerinnen zur Pointe macht. In der Tatsache, dass Frauenschläger mit Dokumentationen geadelt werden.

In der Berichterstattung über sexualisierte Gewalt, die von „Sex mit Minderjährigen“ schreibt oder „minderjährigen Frauen“, wenn Mädchen gemeint sind („minderjährige Männer“ habe ich noch nie gelesen). In dem Umstand, dass eine joggende Frau erst mal eine Gesetzeslücke schließen muss, damit es überhaupt strafbar wird, wenn ihr ein Mann gaffend den Hintern abfotografiert.

In der Existenz einer App wie „X“, die per KI-Klick Nacktbilder der Nutzerinnen erzeugen kann. In der irritierenden Tatsache, dass es eine onlinepornografische Kategorie namens „Teens“ gibt. Und in der Tatsache, dass in Deutschland über 12.000 Frauen mit und ohne Kinder keine Schutzplätze in Frauenhäusern bekommen, weil diese systematisch unterfinanziert sind. Jedes Jahr.

Strukturelle Ungleichheit wird als individuelles Versagen verbucht

Misogynie ist eingeschrieben in Arbeitsmärkte und Bildungssysteme, die sich als meritokratisch ausgeben, während sie strukturelle Ungleichheit als individuelles Versagen verbuchen. Sie steckt in einem Strafrecht, das den neuen Medien hinterherhinkt, mit den Vorstellungskategorien eines analogen Voyeurismus.

Und in Gesetzen, die weibliche Körper konsequent schwächer schützen als männliche. In eine Kultur und Politik, die Frauen objektifiziert und die Erzählungen über die Notwendigkeit zur Ausbeutung und ihre Pflicht zur Selbstaufopferung aktiv fortschreibt.

Das Offensichtliche muss trotzdem immer wieder neu belegt werden – der älteste Trick patriarchaler Macht: Erschöpfung durch Beweise. Also erschöpfen wir uns, wir sind es ja schon gewohnt. Eine Ipsos-Studie zum Weltfrauentag 2026 zeigt: Männer der Generation Z vertreten unter allen befragten Gruppen die traditionellsten Vorstellungen zur Rollenverteilung, sie sind konservativer als ihre Väter und Großväter. 61 Prozent finden, im Hinblick auf Gleichstellung sei im eigenen Land genug getan worden. 57 Prozent glauben, dass die Gleichstellung so weit gegangen sei, dass nun Männer diskriminiert werden.

Gen-Z-Männer sind konservativer als ihre Väter

Fast jeder dritte Gen-Z-Mann meint, eine Ehefrau solle ihrem Ehemann gehorchen. Das sind Männer, die in einer Zeit aufwachsen, in der Gleichberechtigung als Wert gilt. Die australische Philosophin Kate Manne beschreibt dieses Gefühl männlicher Anspruchsberechtigung: Es sitzt so tief, dass die Enttäuschung als Ungerechtigkeit empfunden wird.

Junge Frauen weltweit positionieren sich progressiver und selbstbestimmter. Junge Männer wenden sich konservativeren Werthaltungen zu. Die Differenz wird größer, besonders in Südkorea, Großbritannien und Deutschland.

Das Patriarchat wird Männern nicht aufgezwungen. Sie wählen es täglich, schrieb die Autorin bell hooks. In kleinen und großen Entscheidungen: Worüber sie lachen, wen sie schützen, und wem sie schaden.

Der Fall Pelicot war das Gegenteil von Überraschung

Der Prozess in Avignon, der im Herbst 2024 begann, versetzte mich, wie viele Frauen, in einen Zustand, der sich schwer benennen lässt. Nicht Trauer, nicht nur Wut, sondern etwas, das sich anfühlt wie das Gegenteil von Überraschung, bei gleichzeitigem Entsetzen. Der Ex-Mann von Gisèle Pelicot hat sie über neun Jahre mit Medikamenten betäubt, hundertfach vergewaltigt, und andere Männer dazu eingeladen – Männer, die sich in Foren organisierten, Fotos teilten und später vor Gericht erklärten, sie seien Opfer einer Täuschung gewesen.

„Viol involontaire“, unfreiwillige Vergewaltigung. Ein zynischer Begriff, der dennoch sofort verständlich ist, da man dem Prinzip dieser Sprache ein Leben lang begegnet. Rhetorik, die Gewalt benennt und gleichzeitig auflöst. Täter zu Opfern macht und Opfer zu Mitschuldigen ihrer eigenen Verletzung.

Diese Männer – Journalisten, Feuerwehrmänner, Krankenpfleger, Rentner – sind kein Querschnitt einer schlechten Gesellschaft, sondern einer banalen. Gisèle Pelicot begegnete einem der Täter in der Bäckerei, ohne zu wissen, dass sie von ihm vergewaltigt worden war. Man sagte sich: „Bonjour madame, bonjour monsieur.“

Ein Epstein und ein Pelicot agieren strukturgleich

Avignon zeigt: Die Monstrosität des Einzelnen ist für das Patriarchat eine bequeme Denkfigur, weil die Gewalt in der Banalität der Strukturen liegt. Die Gefahr lauert nicht außerhalb des Vertrauten, sie ist Teil davon. Nicht alle Männer, aber immer Jedermänner. Die Vergewaltigung als Gemeinschaftsprojekt, als geteilte Praxis, als identitätsstiftende Handlung. Eine verschworene, maskuline Logik, die Gewalt gegen Frauen nicht nur duldet, sondern per Telegram organisiert, in Insidergags bespricht und in sadistischer Konkurrenz befeuert.

Ein Epstein und ein Pelicot agieren strukturgleich. Reichtum schafft isolierte Zonen, in denen Normen der sichtbaren Öffentlichkeit ausgesetzt werden können – aber die Mechanik der Entmenschlichung bleibt. Die Frau oder das Mädchen wird zum Objekt und zu Verfügungsmasse. Das Konzept einer Frau als Person existiert nicht in der Innenwelt dieser Männer.

Was bedeutet es, in einem Umkreis von 25 Kilometern problemlos 70 Männer zu finden, die dasselbe tun wollen? Das Patriarchat funktioniert, es braucht keine bösen Männer, nur bequeme. Das Strafrecht kann dieses systemische Problem nicht lösen. Der Soziologe Félix Lemaître meint: Vergewaltigung ist ein extremer Ausdruck gewöhnlicher, sozial konstruierter Männlichkeit.

Vergewaltigungen als Sport

Die NDR-Journalistinnen Isabell Beer und Isabel Ströh deckten ein internationales Vergewaltiger-Netzwerk auf, das auf öffentlichen Pornoseiten und in Telegram-Gruppen mit bis zu 70.000 Mitgliedern operiert. Mutmaßliche Täter aus Deutschland und anderen Ländern tauschen sich aus, wie sie Frauen – meistens die eigene Partnerin – unbemerkt betäuben. Sie teilen Anleitungen, handeln mit K.O.-Mitteln, kündigen Vergewaltigungen an, laden Videos hoch. Ihnen ist wichtiger, fremde Männer zu beeindrucken, als ihre Partnerinnen zu schützen.

Einen der identifizierten Deutschen hatte seine Ehefrau über mindestens fünfzehn Jahre hinweg betäubt, vergewaltigt, gefilmt. Die Journalistinnen informierten das BKA im Juli 2023. Die Polizei Hamburg ermittelte über ein Jahr lang nicht, mit lebensgefährlichen Folgen für die betroffene Frau, die erst bei einer Hausdurchsuchung von den Taten ihres Mannes erfuhr. Das BKA warnt inzwischen selbst in einer Sensibilisierungskampagne vor dem Netzwerk, eine Zentralstelle für solche Vergewaltiger-Netzwerke existiert beim BKA nicht.

In Frankfurt saß seit Oktober 2025 ein Mann auf der Anklagebank, den seine Ehefrau als normalen Ehemann beschrieb, dessen Ex-Partnerin ihm ein gutes Herz attestierte und der, nach Überzeugung des Gerichts, mindestens acht Frauen betäubt und vergewaltigt hatte – darunter eine Mutter, deren schreiendes Baby er zwischendurch mit einer Flasche beruhigte, damit er weitermachen konnte.

Vom frauenfeindlichen Witz zur Gewalt in Telegram-Gruppen

Der Täter hatte sich 2020 in eine Telegram-Gruppe eingefunden, in der Vergewaltigungen betäubter Frauen als Sport galten, mit Tipps, und Prahlerei. Die Chaträume heißen „Fahrschule für Fortgeschrittene“ oder „Deutsche Fahrschule“; wenn sie vom Autofahren berichten, dann war das der Code für vergewaltigen, „Öl“ oder „Sprit“ bezeichnen die Sedativa, gut aussehende Frauen sind „Luxuswagen“, sedierte Frauen beschreiben sie als „totes Schwein“.

Die britische Forscherin und Soziologin Liz Kelly nannte es das Continuum of Violence: die unsichtbare Linie, die den sexistischen Witz mit dem Femizid verbindet, den Kommentar über die Optik einer Schülerin mit dem Prozess in Avignon, das Lachen in einer Kabine mit der organisierten Gewalt in Telegram-Gruppen.

Dieses Kontinuum wird immer wieder zerteilt, weil seine Integrität unbequem ist. Solange jede Gewalttat ein Einzelfall ist, muss das Fundament nicht erschüttert werden. Solange der Vergewaltiger ein Monster ist, muss der Mann in der Bäckerei kein Täter sein. Solange der Femizid ein Beziehungsdelikt ist, muss er keine politische Kategorie sein. Das misogyne Handeln wird gekonnt aus dem Gewöhnlichen herausgelöst, aus jenem Gewebe patriarchaler Normalität, das den Boden bereitet, auf dem Gewalt gegen weibliche Menschen als etwas Natürliches kultiviert wird.

Und so reicht dieses Kontinuum erfolgreich in die Räume, die wir alle für die sichersten halten. Im Evangelischen Klinikum Bethel vergewaltigte ein Assistenzarzt mindestens 32 Patientinnen, indem er ihnen statt Schmerzmitteln Sedierungsmittel verabreichte und filmte seine Taten. Die Vorgesetzten bekamen Hinweise, unternahmen aber erst mal nichts.

Als aufgrund der Häufung der Vorkommnisse und aus Angst vor dem Skandal dann doch Ermittlungen in Gang gebracht werden, beschließen die Beamten sich dazu, die Frauen erst mal nicht zu informieren, „um sich nicht zu traumatisieren“ – sie haben ja scheinbar nichts mitbekommen. Einige Opfer leiden dementsprechend monatelang an Geschlechtskrankheiten, von denen sie nicht mal wussten, woher sie diese haben.

Es gibt für Frauen keinen sicheren Raum

In Arnsberg, im Hochsauerlandkreis, vergewaltigte ein ehrenamtlicher Außenstellenleiter des Weißen Rings – jener Organisation also, die Opfer von Kriminalität betreuen und schützen soll – eine Frau, die sich als Opfer einer Straftat hilfesuchend an ihn gewandt hatte. Der 74-jährige ehemalige Polizist wurde letztes Jahr zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt; bereits 2019 hatte es Beschwerden gegen ihn gegeben, die Organisation glaubte der Frau damals nicht.

Warum diese Aufzählung? Um zu zeigen: Es gibt für Frauen keinen sicheren Raum. Nicht das Krankenhaus, nicht die Opferschutzbehörde, nicht die eigene Wohnung, nicht mal die Bäckerei. Es ist, als ob Frauen sich permanent im Kalten Krieg mit der Hälfte der Welt befinden, in der jeder ein Agent im Auftrag der Misogynie sein könnte.

Das in der Montage als zu dramatisch zu empfinden, ist Teil der Selbstimmunisierung patriarchaler Sicherheitserzählungen, indem die Wirklichkeit einer Frau zuerst bestritten, dann instrumentalisiert, dann gegen sie verwendet wird. Die Existenz von K.O.-Tropfen im Nachtleben wird als feministische Paranoia abgetan und Männer flippen aus, wenn eine Frau einen Deckel auf ihr Getränk legt oder die Freundin bittet, es zu bewachen. Als die Realität dann nicht mehr zu leugnen ist, wird der Rat erteilt, das eigene Getränk besser zu bewachen. So wird die Prävention zu einer weiteren Leistung, die Frauen zu erbringen haben.

Was wäre die Alternative zur Erschöpfung?

Es reicht nicht, einfach vor sich hinzuleben mit der erhofften Selbstverständlichkeit einer Existenz, in der man nicht vergiftet, missbraucht, vergewaltigt oder ermordet wird. Man muss von klein auf, bis ins hohe Alter, im öffentlichen wie im privaten Raum, aktiv daran arbeiten, nicht vergiftet, missbraucht, vergewaltigt oder ermordet zu werden. Die Verantwortung für die Gewalt anderer wird zur persönlichen Aufgabe derer, gegen die sie sich richtet.

Frauen und Mädchen lernen früh, sich durch die Augen anderer zu sehen, ihren Wert an ihrer Sichtbarkeit für Männer zu messen. Männer wundern sich dann, dass Frauen Angst haben. Das Anzweifeln weiblicher Lebensrealitäten ist die effizienteste Form symbolischer Gewalt.

Der Schutz, den die Politik bietet, ist entweder autoritär – er instrumentalisiert die Angst vor männlicher Gewalt für rassistische Sicherheitskonzepte – oder liberal-feministisch, begünstigt ökonomisch Privilegierte und ignoriert die patriarchalen Strukturen, die nicht reformiert, sondern aufgelöst werden müssen.

Was wäre die Alternative zur Erschöpfung? Nicht Resignation, nicht individuelles Empowerment, das prekär Lebende benachteiligt, nicht autoritärer Schutz, der Frauen in Sicherheitsdiskurse einbindet, ohne sie zu fragen. Vielleicht beginnt sie dort, wo das Kontinuum nicht mehr zerteilt wird. Dort, wo Männer aufhören, so zu tun, als entdeckten sie diese Gewalt immer wieder neu.

8. März Frauenkampftag

Wie schön das Leben sein könnte, hätten wir als Frauen nicht immer noch mit der tagtäglichen Misogynie zu tun, mit Krieg und Patriarchat.

Essays von Autorinnen, die sich der männlichen Dominanz und den Epsteins und Trumps dieser Welt entgegenstellen: mit Solidarität und Liebe

Samira El Ouassil, 1984 geboren, ist Autorin des Buches Erzählende Affen – Lügen, Mythen Utopien: wie Erzählungen unser Leben bestimmen (Ullstein, 2021). Als Kolumnistin schreibt sie auch regelmäßig für Übermedien und den Spiegel