Frauenkampftag: Verbundenheit ist ein Mittel des Widerstands
Der 8. März steht nicht nur für Gleichberechtigung, sondern für ein gemeinsames Beharren auf Würde. Menschen können sich schützen und Räume schaffen, in denen Leben möglich wird
In einer Welt, die Dominanz bewundert, ist Fürsorge keine Schwäche, sondern ein Gegenentwurf, sagt Asha Hedayati
Foto: Heike Steinweg
Ich ringe jedes Jahr mit Texten zum 8. März. Nicht, weil ich die politische Bedeutung des Tages anzweifle, sondern weil ich mich frage, warum Kämpfe um Gleichstellung, gegen Benachteiligung und strukturelle Abwertung einen festen Kalendertag brauchen, um Gehör zu finden. Als ließe sich geschlechtsspezifische Gewalt, Armut oder Diskriminierung auf ein Datum beschränken.
In meiner Arbeit gibt es keinen Jahrestag für die alltägliche Gewalt. Machtverhältnisse durchziehen alles: Sie prägen Beziehungen, Gerichte, Behörden, sie ordnen, kontrollieren, entscheiden, wer gesehen, gehört, geschützt wird. Gewalt ist selten ein isolierter Akt. Sie wurzelt in ökonomischer Abhängigkeit, Wohnungsnot, rassistischen Zuschreibungen und der systematischen Abwertung von Sorgearbeit.
Autoritäre Bewegungen gewinnen an Einfluss, militärische Stärke wird als Tugend gefeiert. Ressourcen und Macht verteidigt man in einer Sprache, die Entschlossenheit preist und Verletzlichkeit verachtet. Räume für Gefühle, Kritik und Differenzierung schwinden.
Doch Entmenschlichung beginnt nicht erst mit Krieg oder repressiven Gesetzen. Sie beginnt dort, wo die Rechte, Grenzen und Selbstbestimmung marginalisierter Menschen systematisch missachtet werden, wo sie Gewalt, Ausbeutung oder Kontrolle ausgesetzt sind, wo Fürsorge und Schutz nicht selbstverständlich sind.
Ein System, das Härte über Empathie und Durchsetzungsfähigkeit über Bindung stellt, schafft die Grundlage für Gewalt – im Privaten wie im Politischen. Ich will nicht über die alltägliche Gewalt schreiben – sie hat ohnehin genug Raum. Ich will über das schreiben, was die Gewalt nicht erreicht: das Leben.
Beziehung statt Kontrolle, Leben statt Macht
Eine Mandantin von mir erlebte jahrelang unvorstellbare Gewalt und schaffte es mit großer Anstrengung, sich aus der Beziehung zu lösen. In einem Frauenhaus traf sie eine andere Frau. Gemeinsam organisierten sie Treffen. Andere Gewaltbetroffene, Nachbar*innen und Bekannte schlossen sich an.
Aus diesen Treffen wuchsen verlässliche Strukturen. Sie knüpften Netzwerke, gaben Kontakte weiter. Sie kochten zusammen, schufen Räume für Kinder, begleiteten zu Behörden. Neben Diskussionen über Femizide standen praktische Fragen des Alltags.
Der Widerstand, der hier entstand, war nicht laut oder spektakulär. Er zeigte sich in der Fürsorge füreinander, in der Weigerung, sich als Opfer definieren zu lassen. Verbundenheit wurde zum Mittel des Widerstands – leise, hartnäckig, wirksam.
Meine Mandantin überlebte nicht nur die Gewalt, sie begann wieder zu leben. In einer Welt, die Dominanz bewundert, ist Fürsorge keine Schwäche, sondern ein Gegenentwurf. Sie definiert Stärke neu: Beziehung statt Kontrolle, Leben statt Macht. Sie zeigt, dass Widerstand nicht die Last Einzelner ist, sondern in der Gemeinschaft entsteht.
Fürsorge und Solidarität sind keine Schwächen, sondern Werkzeuge
Der 8. März erinnert nicht an abstrakte Gleichberechtigung, sondern an das Prinzip, dass das gemeinsame Beharren auf Würde und Selbstbestimmung eine Kraft ist, die Härte infrage stellt. Hoffnung liegt in der Verbundenheit – in Menschen, die einander zuhören, sich schützen und Räume schaffen, in denen Leben möglich wird.
Vielleicht ist das der Kern dieses Tages: Fürsorge und Solidarität sind keine Schwächen, sondern Werkzeuge, um Ordnung zu hinterfragen und zu verändern. Das Leben selbst – in seinen kleinen Handlungen, in Nähe, Empathie und Liebe – ist die radikalste Antwort auf Entwertung, Ungleichheit und autoritäre Logiken. Und genau dort beginnt etwas, das sich nicht beherrschen lässt.
8. März Frauenkampftag
Wie schön das Leben sein könnte, hätten wir als Frauen nicht immer noch mit der tagtäglichen Misogynie zu tun, mit Krieg und Patriarchat.
Essays von Autorinnen, die sich der männlichen Dominanz und den Epsteins und Trumps dieser Welt entgegenstellen: mit Solidarität und Liebe