Basquiat im Louisiana Museum: Kopf an Kopf

Warum hat er diese Bilder für sich behalten? Waren sie bloß Versuche oder Ideen für mögliche spätere Werke – also eine Materialsammlung auf Papier? Erschienen sie ihm zu persönlich? Oder waren sie in seinen Augen nicht gut genug für den Blick der Öffentlichkeit? Niemand kann sagen, weshalb Jean-Michel Basquiat Dutzende Zeichnungen von Köpfen, die er mit Anfang zwanzig – also zu Beginn seines kometenhaften Aufstiegs – mit Ölkreide zeichnete, zeitlebens nie ausstellte.

Zwei Jahre nach seinem Tod erstmal gezeigt

Nach seinem Tod 1988 mit 27 Jahren an einer Überdosis Heroin wurden sie rasch Teil seines Nachruhms. Eine ganze Wand füllte 1990 die Galerie Robert Miller in New York mit fast dreißig Kopfzeichnungen, als sie in Vertretung des Nachlasses „Basquiat on Paper“ präsentierte. An der als „Miller Wall“ bekannt gewordenen Petersburger Hängung für den aus der Street-Art Gekommenen orientiert sich nun wieder die Schau „Headstrong“ des Louisiana Museum bei Kopenhagen – die sich ganz auf von Basquiat zwischen 1981 und 1983 gezeichnete Köpfe konzentriert.

Mit Klebeband: Jean-Michel Basquiat, „Untitled (Bust)“, 1984, Acryl und Collage auf Papier, 76,2 mal 57,1 Zentimeter
Mit Klebeband: Jean-Michel Basquiat, „Untitled (Bust)“, 1984, Acryl und Collage auf Papier, 76,2 mal 57,1 ZentimeterEstate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York. Foto Colour Themes

Immerhin acht von ihnen stehen Besuchern gleich im ersten Ausstellungsraum ge­genüber, zu einer Gruppe auf einer Wand arrangiert. Insgesamt sind 49 Zeichnungen und ein Gemälde in den Sälen zu sehen. Es ist, als würde man beim Spaziergang durch eine Metropole eine extreme Type nach der anderen en passant ins Auge fassen können, nicht linear gereiht oder geordnet, sondern in lebendigem Neben-, Un­ter- und Übereinander.

Keine Figur gleicht der anderen. Jede ist individuell, doch keine scheint ein Porträt abzugeben. Die Zeichnungen bieten keine Ansichten, sondern evozieren Innensichten. Aus einem fast skelettierten Schädel starren Augäpfel; schwarzes Drahthaar entspringt der En-Face-Darstellung des Gesichts eines Mannes mit aufgerissenem Mund; an eine Micky Maus mit Dornenkrone lässt eine Zeichnung denken, die aus dem Spiel mit den Möglichkeiten einer einzigen schwarzen Linie entstanden ist.

Über den Kopf hinaus: Jean-Michel Basquiat, „Head“, 1982/83, Ölkreide auf Papier, 75,9 mal 56,5 Zentimeter
Über den Kopf hinaus: Jean-Michel Basquiat, „Head“, 1982/83, Ölkreide auf Papier, 75,9 mal 56,5 ZentimeterEstate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York / Foto Colour Themes

Dann füllt die Ölkreide wieder malerisch Gesichtsflächen aus, grellblau zum Beispiel, und verengt Augen zu rot glühenden Schlitzen. Schwarz umreißt ein maskenartiges Antlitz in Rot mit Ausspa­rungen für Augen, Nase und Mund. Auf einem Querformat findet sich ein Heiligenschein, wie aus Stacheldraht gewunden, über dem gelb überzeichneten Antlitz einer Figur, die als Heilsgestalt eines Erleuchteten erscheint. Ein dunkles Haupt trägt eine Papierkrone. Aufgerissene Augen und gefletschte Zähne brechen Lücken ins Schwarz des nächsten Kopfs: Über ihm eine Doppelaureole, die an Ekstase, Schmerz oder heiligen Zorn denken lässt.

Die Assoziationsmöglichkeiten sind schier endlos

Ohne Körper, Gliedmaßen oder Umgebung prangen die meisten Köpfe zentral auf den Papierbögen, isoliert in einem unbestimmten Bildraum, meist ohne die für Basquiat typische Beigabe von Textfragmenten, Symbolen oder Zahlen. Mal lassen sie an Cartoons denken, dann an Voodoo-Puppen – und damit die haitianische Heimat von Basquiats Vater –, an einen Robotermenschen wie den von Yul Brynner in der „Westworld“-Verfilmung von 1973 verkörperten Revolverhelden, an Frankensteins Monster, Football-Spieler mit Helm, Graffitivisagen oder Knochenmenschen. Das ganze Basquiat-Universum, zeigen diese frühen Zeichnungen, hatte der Künstler von Anfang an in seinem Kopf, es musste nur expandieren.

Mit gefletschten Zähnen: Jean-Michel Basquiat, Untitled, 1982, Ölkreide auf Papier, 161,3 mal 111,8 Zentimeter
Mit gefletschten Zähnen: Jean-Michel Basquiat, Untitled, 1982, Ölkreide auf Papier, 161,3 mal 111,8 ZentimeterEstate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York. Photo: Courtesy of Colour Themes

Als Kind las Basquiat nach einem Autounfall viel Zeit im Krankenhaus den anatomischen Klassiker „Gray’s Anatomy“. Spuren davon kann, wer mag, in den Zeichnungen ebenso finden wie sich an die Röntgenaufnahmen in Thomas Manns „Zauberberg“ erinnert fühlen. Als mögliche kunsthistorische Referenzen können Charakterstudien der Renaissance ebenso angeführt werden wie Zeichnungen von George Grosz oder Pablo Picasso. Der Assoziationsraum ist offen und, weil unserer auf eine auf ein menschliches Gegenüber gepolte Wahrnehmung zur Betrachtung von Gesichtern tendiert, jedem zugänglich.

Allgegenwärtig aber ist der Tod in diesen Bildern. Als körper­liche Hülle scheinen die Köpfe vom Überdruck eines Seelenlebens unter der Schädeldecke gesprengt zu werden. Oft sehen sie – allesamt männlich – aus, als stünden sie unter Strom. Da, wo der Kopf zur Ganzkörperfigur ergänzt wurde, scheinen Organe durch. Lässt sich das als Ausdruck des Kampfs um Identität und Sichtbarkeit, wie ihn der schwarze Künstler mit multikulturellen Wurzeln im weiß dominierten Kulturbetrieb führen musste, deuten? Der familiären Vertrautheit mit der Verwundbarkeit der Psyche? Oder eines Körperempfin­dens unter Drogen?

Solchen biographischen Fragen und überhaupt dem zum Mythos gewordenen Leben Basquiats („einflussreich wie Michael Jackson“) geht die Ausstellung lieber aus dem Weg. Bei aller Grenzüberschreitung erfüllte der Künstler mit seinem Leben die tradierten Vorstellungen vom sich selbst destruktiv-kreativ verausgabenden Genie; in der zeitgenössischen popkulturellen Variante werden solche Wunderkinder dem fiktiven „Klub 27“ der mit 27 Jahren Gestorbenen zugerechnet: wie Jimi Hendrix – oder eben Basquiat.

Nicht für den Markt geschaffen, aber auf dem Markt

Der Kurator Anders Kold möchte die Basquiat-Köpfe als Werkgruppe gesehen wissen, die Einblick in die systematische Arbeitsweise, den unerschöpflichen Einfallsreichtum und meisterhafte Beherrschung der zeichnerischen Mittel durch ein­en Frühvollendeten gewährt. Erst einmal einen Kopf ins Bild setzen – so legte Basquiat später viele seiner Gemälde an. Doch die speziellen Köpfe von den Blättern tauchen in ihnen nicht mehr auf. Sie wurden also von ihm nicht als Vorstudien behandelt. Fußabdrücke und Schmutz auf den Bögen verraten, dass sie auf dem Boden liegend gefüllt wurden. Die Linienführung lässt auf schnelles Arbeiten schließen, vom leeren Bogen bis zur Vollendung binnen Stunden. Unsigniert und privat verwahrt, waren diese Zeichnungen nicht für den Markt bestimmt.

22,9-Millionen-Dollar-Werk: Jean-Michel Basquiat, „Untitled“, 1982, Ölkreide auf Papier, 161,3 mal 111,8 Zentimeter
22,9-Millionen-Dollar-Werk: Jean-Michel Basquiat, „Untitled“, 1982, Ölkreide auf Papier, 161,3 mal 111,8 ZentimeterEstate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York. Foto Colour Themes

Auf diesem freilich reüssieren sie seit Jahrzehnten und stiegen zuletzt sogar eher im Wert als großformatige Gemälde Basquiats. Einer der im Louisiana ausgestellten Köpfe – fast eine Halbfigur –, „Untitled“ von 1982, wurde im November 2024 bei Christie’s in New York für knapp 23 Millionen Dollar brutto versteigert – Rekordauktionspreis für eine Zeichnung des Künstlers. Dessen teuerstes Werk ist das Ge­mälde eines Kopfes, der in der Ausstellung den krönenden Abschluss bildet: Ein großer Schädel auf türkisblauem Grund, ebenfalls „Untitled“ und aus dem Jahr 1982. Bei Sotheby’s in New York stieg er 2017 auf 110,5 Millionen Dollar brutto. Die Voreigentümer hatten 1984 für das Gemälde gerade einmal 19.000 Dollar gezahlt. Inzwischen war es in wichtigen Museen zu sehen, ist dadurch noch teurer geworden und gehört nach einem Privatverkauf dem Unternehmer Kenneth Griffin. Der wiederum hat seine Vorliebe für Knochiges zuletzt auch mit einen 45,6-Millionen-Dollar-Ankauf eines Stegosaurier-Skeletts unter Beweis gestellt.

Solche Seitengeschichten gehören nicht zu dem, was diese erste Einzelschau Basquiats in Skandinavien gerne erzählen möchte, dabei sind sie wesentlich: „Headstrong“ baut affirmativ mit am Mythos und festigt den Marktwert Basquiats weiter, was das Engagement der Privatsammler, namentlich Griffins, die großzügig ihre Schätze zur Verfügung stellten, mindestens so sehr beflügeln dürfte wir kuratorisches Ingenium.

Fest in der Gegenwart, als Zeitgenosse noch Jahrzehnte nach seinem Tod, ver­orten schließlich die vom Louisiana Channel produzierten, Gesprächsvideos Basquiat, die zum Ausklang im Museum und im Internet zu sehen sind. Alvaro Barrington, Arthur Jafa, Julie Mehretu, Dana Schutz und Ouattara Watts sprechen über Basquiats Werk (oder Basquiat selbst), seine Einzigartigkeit, sein Fortwirken, seine Inspirationskraft. Am Ende bleibt er trotzdem ein nicht Greifbarer, dessen Kopfbilder wohl gerade deshalb so dauerhaft faszinieren, weil sie von ihren Betrachtern mit immer neuen Emotionen und Erfahrungen aufgeladen werden können – mehr, als Basquiat je hätte ahnen können.

Basquiat – Headstrong, im Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, bis zum 17. Mai. Der Katalog kostet 42,95 €.

Source: faz.net