Touristen in Golfregion: Wadephuls Ruhe war richtig
Außenminister Johann Wadephul hat in dieser Woche zwei Fehler gemacht. Der erste war ein politischer. Er hat unterschätzt, wie stark die Menschen, die wegen des Krieges in Nahost zu Zehntausenden in der Golfregion gestrandeten waren, emotionalen Zuspruch brauchten. Statt seiner kühlen Analyse der Situation und der angemessenen Zuständigkeiten hätten sich viele Deutsche eine „Yes, I can, and yes, I care“-Ansprache gewünscht.
Sein zweiter Fehler war ein inhaltlicher. Er hat öffentlich versichert, dass das Auswärtige Amt bereits sechs Wochen vor dem Angriff der USA und Israels auf Iran eine Reisewarnung ausgegeben habe. Das stimmte aber nicht. Eine solche Warnung bedeutet einen starken Eingriff in viele Bereiche der Wirtschaft, ihr liegt eine akute Gefahr für Leib und Leben zugrunde.
Das Amt hat sie daher erst bei Kriegsbeginn ausgegeben. Vorher waren es nur „Reise- und Sicherheitshinweise“, die besagten, dass es „jederzeit zu Einschränkungen des Flugverkehrs, inklusive der Stornierung von Flügen sowie der Sperrung von Lufträumen, kommen“ kann. Diese Hinweise erlaubten Urlaubern allerdings keine finanzielle Rückerstattung.
Wegen dieser beiden Fehler wurde Wadephul gegrillt. Von der Opposition: „Sie haben als Bundesregierung einen Eid geschworen, den Leuten auch in einer solchen Situation zu helfen . . . Und da hilft es nicht, viermal zu sagen: ‚Ich habe euch doch gewarnt, Pech gehabt.‘“ (Omid Nouripour) Und von Teilen der Presse: „Minister Ahnungslos“ (Spiegel).
In den sozialen Medien: „Wie wär’s wenn man mal ein paar Maschinen in den Oman schickt und seine deutschen Staatsbürger da rüberschafft. Aber dazu ist der deutsche Staat wieder nicht im Stande wie es aussieht. Zum Kotzen sowas“. Und sogar aus den eigenen Reihen: „Das ist mir noch alles ein bisschen zu wenig. Das könnte noch verstärkt werden. Es sind zu wenig Maschinen im Einsatz . . . Deutschland sollte selbst noch einmal prüfen . . . mit Bundeswehrmaschinen zu helfen.“ (Markus Söder)
In der allgemeinen Empörung wurde allerdings übersehen, was eigentlich in dieser Woche passiert war: Johann Wadephul hatte in der Kommunikation Fehler gemacht, aber er lag mit seiner Analyse und Bedächtigkeit richtig. Er geriet nicht in Panik. Er leitete nicht alles in die Wege, was möglich war. Aber alles, was nötig war. Er ging Schritt für Schritt vor, sammelte Informationen und gab sie an die Touristen weiter, netzwerkte mit Reiseveranstaltern und Airlines.
Die Touristen mussten zwar in Hotels oder auf Schiffen warten, aber niemand kam zu Schaden. Am Samstag war Kriegsbeginn, schon am Montag hob eine Maschine der Fluggesellschaft Emirates wieder ab, am Dienstag landeten die ersten Flugzeuge in Frankfurt und München – ganz normale Linienflüge.
Am Donnerstag starteten oder landeten etwa 100 kommerzielle Flüge allein in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Für Samstag plante auch ein privater deutscher Reiseveranstalter, seine Gäste auszufliegen. Es war also nicht nötig, sofort die Bazooka Bundeswehr zu aktivieren. Reiseveranstalter und Airlines übernahmen ihre Verantwortung. Daneben charterte das Auswärtige Amt eigene Flugzeuge für Menschen, denen man das Warten nicht zumuten konnte.
Es ist gut, dass Wadephul in dieser brenzligen Situation besonnen handelte. Manch einer könnte in dieser Hinsicht von ihm etwas lernen.
Source: faz.net