Städel nun Endowment-Museum: Museum dieser Zukunft?

Seit heute ist die deutsche Museumslandschaft eine andere. Frankfurts Städel ist nun ein „Endowment“-Museum mit dem Ziel, ein geplantes Grundstockvermögen von erstaunlichen hundert Millionen Euro aufzubauen. Andere Häuser in Deutschland werden kaputtgespart. In der Berliner Gemäldegalerie am Kulturforum brummen die brutal in den Parkettboden eingesägten Entfeuchter – Intarsien des Scheiterns –, weil es über Jahre hinweg in eine der weltweit führenden Bildersammlungen hineinregnete wie 2023 auf Rembrandts „Anslo“. Das Frankfurter Städel Museum hingegen besitzt seit einiger Zeit eine dank privater Spenden ermöglichte Dachterrasse mit atemnehmendem Blick auf die Mainhattan-Silhouette, ist im Innern glänzend hergerichtet und verfügt über den gerade jetzt im Frühling schönsten Skulpturenpark Deutschlands, ebenfalls privat bezahlt. Zusammen mit dem Liebieghaus zählte der Verbund 425.199 Besucher im vergangenen Jahr (zum Vergleich: Das Kunstgewerbemuseum hatte 2023 etwas mehr als 62.000, die Gemäldegalerie 192.948, neuere Zahlen wurden noch nicht veröffentlicht).

Städel Direktor Philipp Demandt vor der neu erworbenen Altenberger Madonna
Städel Direktor Philipp Demandt vor der neu erworbenen Altenberger MadonnaFrank Röth

Nun muss man realistisch sein: Weitere Häuser in Deutschland werden das Modell eines Endowment-Museums nicht nahtlos übernehmen können, das nach amerikanischem Vorbild wie dem New Yorker Metropolitan oder der dortigen Frick Collection Unabhängigkeit stiften soll. Das Städel ist seit der generösen Gabe wertvoller Gemälde des Mittelalters und der Neuzeit durch den Frankfurter Bankier Johann Friedrich Städel im Jahr 1815 ein Stiftungsmuseum. Die übrigen deutschen Museen indes sind überwiegend staatlich, städtisch oder privat. Bei letzteren handelt es sich ohnehin oft um Stiftungen. Bei den von Bund, Ländern oder Städten finanzierten wird man Einflussnahme von externen Spendern fürchten und eher Abstand davon nehmen. Die Stiftungsstruktur des Städels aber ermöglichte diesen für Deutschland noch neuen Weg.

Außergewöhnliches Engagement der Frankfurter Gesellschaft

Das Städel war immer schon ein Bürgermuseum. Reinweg positiv zu sehen ist dieses außergewöhnliche Engagement der Gesellschaft in „ihrem“ Museum. Alte Frankfurter Familien ebenso wie neu in die Stadt Gezogene beteiligen sich im Städel-Förderverein, der mehr als 10.000 Mitglieder zählt. Weit weniger positiv ist, dass nur etwa 15 Prozent des jährlichen Städel-Budgets von Stadt und Land stammen, was für große zukunftsträchtige Sprünge deutlich zu wenig scheint. Die Frankfurter Kulturpolitik kann sich insofern glücklich schätzen, dass ihr zwei der wichtigsten Museumshäuser nicht oder kaum auf der Tasche liegen: 85 Prozent werden hier von bürgerschaftlichem Engagement finanziert, durch Ticketverkäufe der nach Hunderttausenden zählenden Besucher sowie Mäzene, Unternehmen und Stifter, die Kapital und sogar Immobilien in das neudeutsche Endowment einbringen – ein respektables Viertel der hundert Millionen Euro ist bereits bei Verkündung durch zugesicherte Vermächtnisse erreicht.

Besucher auf der Dachterrasse des Städel Museums in der Nacht der Museen im Mai 2024
Besucher auf der Dachterrasse des Städel Museums in der Nacht der Museen im Mai 2024Andreas Arnold

So kommt es vielleicht nicht zur Unzeit, wenn das Städel sein Vorhaben kurz vor der Kommunalwahl verkündet. Künftig nimmt das Museum sein Schicksal signifikant mehr in die eigene Hand. Das ist vielleicht kein Misstrauen politischer Abhängigkeit gegenüber, sicher jedoch eine klare Ermächtigungsstrategie, die aus dem lange vorbereiteten Schritt spricht: Das Museum weiß selbst am besten, was gut für es ist und was es benötigt, um zukunftssicher zu sein. Was inhaltlich bedeutet, dass man äußerem Drängen nach modisch woken Themen auch künftig nicht nachgeben muss. Da ist finanzielle Unabhängigkeit gleichbedeutend mit Abschirmung vor Einflussnahme.

Wie schützt man sich vor Einflussnahme?

Doch gibt es eine solche eventuell von den Stiftern des Endowment? Wer gibt schon teils höhere einstellige Millionenbeträge und will keine Gegenleistung dafür? Nach Auskunft von Direktor Philipp Demandt hat noch kein Mäzen des Hauses jemals irgendwelche „Wünsche“ inhaltlicher oder repräsentativer Art geäußert. Im New Yorker Met wie auch der Londoner National Gallery war das ein reales Problem; Säle mit Namen von in Ungnade gefallenen Stifterfamilien wie jener der Sacklers mussten umbenannt werden. Auch andere Risiken habe man durchaus im Blick. Bis das Anschubkapital des Endowment Wirkung zeige, fahre das Städel mehrgleisig und insofern mit doppelter Kraft. Alle Förderer wüssten das, sodass auch weiterhin auf Unterstützung für das ambitionierte Programm der kommenden Jahre zu hoffen sei.

Auch wenn das Modell Städel nur bedingt auf andere deutsche Museen übertragbar ist, empfiehlt sich eines gewiss: Bevor Private im derzeitigen Boom der Privatmuseen das dreißigste Unternehmensmuseum auf der grünen Wiese gründen, wäre es wohl seitens künftiger Mäzene ratsam, die Sammlungen mitsamt ausreichendem Kapitalstock den alten Museen anzuvertrauen. Wie der Fall Johann Friedrich Städels und seiner heutigen Nachfolger belegt, kann man sich und seine Kunst kaum sinnvoller verewigen.

Source: faz.net