„Schwadroniert in AfD-Manier“ – Theater-Beschäftigte fordern Absage von Schwarzer-Lesung

Feministin Schwarzer will am Sonntag ihr neues Buch im Hamburger Schauspielhaus vorstellen. Dagegen wehren sich mehrere Hundert Menschen des Theaterbetriebs.

In einem Offenen Brief haben 340 Beschäftigte von Theatern das Deutsche Schauspielhaus Hamburg aufgefordert, eine für Sonntag geplante Lesung mit der Feministin Alice Schwarzer abzusagen. Schwarzer will in dem Theater ihr Buch „Feminismus pur. 99 Worte“ vorstellen. Die Unterzeichnenden fordern: „Keine Bühne für Hetze! Keine Bühne für Alice Schwarzer!“.

Die Theatermacherinnen und -macher kritisieren, Schwarzer kämpfe „seit Jahren gegen Selbstbestimmung, Arbeitsrechte und soziale Teilhabe von Trans-Menschen und Sexarbeiter*innen“. Sie positioniere sich gegen das Selbstbestimmungsgesetz, beharre auf biologistischen Vorstellungen von Geschlecht, nenne Trans-Geschlechtlichkeit einen „Trend“ beziehungsweise ein „Freizeitvergnügen“ und spreche „in AfD-Manier“ von einer Gefahr für „Kinder und Jugendliche, denen der Geschlechtswechsel verlockend leicht gemacht“ werde. Zuletzt habe Schwarzer in einer Kanzlerinnenschaft der AfD-Co-Vorsitzenden Alice Weidel ein „ermutigendes“ Zeichen für Frauen sehen wollen.

Das Schauspielhaus bezog auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) Stellung zur Forderung nach einer Absage der Lesung. Schwarzer sei eine prägende Figur in der westdeutschen Emanzipationsbewegung, die sich seit 50 Jahren zu so vielen Themen äußere, „dass wir es problematisch finden, sie auf eine ihrer Positionen zu reduzieren, so diskussionswürdig einige von ihnen sind“, erklärte eine Sprecherin des Theaters.

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Schwarzer sei „eine streitbare Person“ und „eine streitfreudige, die nicht nur die Debatte sucht, sondern sich Diskussionen auch stellt“. Manche Thesen Schwarzers spiegelten in der Gesellschaft kursierende Aussagen, weshalb sie diskutiert werden sollten, dabei könne ihnen auch widersprochen werden.

Schauspielhaus: Schwarzer nicht den Mund verbieten

Die im Brief genannten Positionen, die einzelne von Schwarzer formulierte Thesen interpretierten und werteten, respektiere das Schauspielhaus. „Auch sie sind Teil einer Meinungsvielfalt, wie sie essenziell für unsere Demokratie ist“, sagte die Sprecherin. Zugleich erklärte sie: „Die Forderung, die der offene Brief aus der Interpretation und Wertung herleitet, Alice Schwarzer den Mund zu verbieten und ihr keine Möglichkeit zu geben, ihre Sicht der Dinge offen zu diskutieren, tragen wir nicht mit.“

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Das Buch, das Schwarzer zusammen mit der Schauspielerin Nina Gummich vorstellen werde, sei als „Einladung zum Dialog“ konzipiert, „und das gilt ganz ausdrücklich auch für die Veranstaltung selbst“, sagte die Schauspielhaus-Sprecherin. Mehr als die Hälfte der Zeit sei für das Gespräch mit dem Publikum vorgesehen.

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Die Theater-Sprecherin erklärte abschließend: „Wir begreifen das Theater als Forum, das situative Zusammenkommen von Menschen in einem Raum und den direkten Austausch als eine seiner stärksten Möglichkeiten. Der ‚eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments‘ (Habermas) kann an diesem Ort große Wirksamkeit entfalten.“

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Von Schwarzer erhielt epd kein Statement. Sie sei zurzeit nicht erreichbar und zudem nicht die richtige Ansprechpartnerin, erklärte die Redaktion der von Schwarzer herausgegebenen Zeitschrift „Emma“. Die Redaktion verwies stattdessen auf das Schauspielhaus.

epd/doli

Source: welt.de