Interview mit Marc-Uwe Kling: „Ich kriege Zustände zusammen mit diesen Zuständen“

Der erste Sonnentag nach einem langen grauen Ber­liner Winter. Marc-Uwe Kling sitzt im Erdgeschoss des Ullstein Verlags in der Friedrichstraße und signiert 900 Exemplare seines neuen Buchs, das gerade druckfrisch eingetroffen ist. Fürs Interview möchte er gerne in den Garten ­gehen. Dort wärmt die Sonne zaghaft die Ziegelmauern, eine Amsel singt. Man könnte meinen, alles wäre in Ordnung. Ist es aber nicht. Deswegen hat Kling „Die Känguru-Rebellion“ geschrieben. Es knüpft an die Reihe seiner als Radio-Podcast konzipierten Gespräche zwischen einem Menschen namens Marc-Uwe und einem politisch radikalen ­Känguru an. Als Buch- und Hörbuch-Sammlungen wurden sie millionenfach verkauft. An diesem Wochenende wird der 1982 geborene Autor für sein Werk mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor geehrt.

Mein Sohn ist ganz aufgeregt, dass ich Sie treffe. Seit er die „Känguru-Chroniken“ gelesen hat, ist er politisiert und ­tapeziert halb Berlin mit Anti-AfD-Stickern. „Bring Marc-Uwe Schokolade“, hat er gesagt, „Schnapspralinen mag er nicht, die mag nur das Känguru!“

Das ist einer der größten Fehler, die ich in meinen Büchern gemacht habe: da nicht zu lügen und irgendwas zu nehmen, was ich mag und das Känguru nicht. Jetzt kriege ich laufend Schnapspralinen fürs Känguru geschenkt, und ich mag sie wirklich nicht.

Vor siebzehn Jahren erschien der erste Band der „Känguru-Chroniken“. Was hat sich seitdem beim Schreiben für Sie verändert?

Ich hatte sehr lange keine Känguru-Geschichten mehr geschrieben, der letzte Band ist ja vor acht Jahren erschienen. Da war ich mir selbst nicht sicher, ob das noch klappt, aber es war wie Fahrradfahren. Sobald das Känguru und ich wieder ins Gespräch gekommen sind, hat es sich auch genauso geschrieben wie früher, und leider sind auch noch viele der Probleme wie früher. Nur verschärft.

Im letzten „Känguru“-Comic sagt Marc-Uwe, er würde keine weiteren Geschichten mehr schreiben, es sei denn, er brauche das Geld oder die Welt brauche das Känguru. Ich vermute mal, dass es nicht am Geld lag, dass jetzt die „Känguru-Rebellion“ vorliegt?

Ich brauche das Geld nicht, nee.

Warum also braucht die Welt das Känguru?

Na, weil man von den Zuständen Zustände kriegt! Und aktuell ist es so, dass ausgerechnet die Leute, die die Zustände noch schlimmer machen, davon profitieren, dass alles so ungerecht ist. Trump zum Beispiel ist Präsident geworden mit der Behauptung, ein Outsider zu sein und das ungerechte System zu stürzen. Und jetzt ist er an der Macht und macht alles noch ungerechter. Und dagegen muss man rebellieren. Es reicht eben nicht, einfach den Status quo verteidigen zu wollen und zu sagen: Es ist doch okay, so, wie es ist. Man muss anerkennen, dass es für viele eben nicht okay so ist, wie es ist. Sondern dass die Zustände jetzt schon sehr unfair sind. Und solange wir das nicht anerkennen, solange wird man auch des Rechtspopulismus nicht Herr werden können. Weil eine SPD, die sich nicht anguckt, was sie unter Schröder verbockt hat mit ihrer Agenda 2010, und einfach mal sagt: Ja, das System ist un­gerecht, und wir haben dazu beigetragen, einfach kein glaubwürdiger Agent of Change sein können wird. Man muss ­darüber hinausgehen, den Status quo erhalten zu wollen. Man muss wirklich ein besseres System, einen besseren Staat, eine bessere Welt schaffen wollen.

Was müsste sich denn ändern?

Okay, pass auf: Es hängt schon ganz viel mit Überreichtum zusammen. Ganz viele unserer Probleme haben mit der Vermögensverteilung zu tun. Und ich glaube, man muss irgendwann anerkennen, dass Demokratie unter Überreichtum leidet. Wenn du überlegst: Was ist Demokratie?, und man denkt so ein bisschen klassisch: na ja, die Griechen mit den Bettlaken, die sich auf dem Marktplatz getroffen haben und ihre Meinungen ausgetauscht haben, dann ergäbe es auch ein Problem, wenn ein Grieche so reich wäre, dass er sich den Marktplatz kaufen könnte und dem einen sagt: Du kriegst einen Knebel. Und dem anderen: Du kriegst ein Megafon. Aber im Prinzip ist das passiert, als Elon Musk einfach Twitter gekauft hat. Es ist natürlich ein Problem für die Demokratie, wenn ein Überreicher sich einen richtig großen Brocken des öffentlichen Diskurses einfach kauft und dann nach seinem Gutdünken umgestaltet.

Das sehen wir auch im Fall von Jeff ­Bezos und der „Washington Post“.

That’s the point. Wenn die, die viel haben, nicht bereit sind, dazu beizutragen, dass das Land am Laufen gehalten wird, ist das sehr kurzsichtig gedacht. Dieses Bild vom „Self-made-Billionaire“, also einem Milliardär, der das alles selbst verdient hat, ist ja auch Blödsinn, weil er zum Beispiel auf eine öffentliche Schule gegangen ist. Die Waren, die er herstellt, werden auf Straßen transportiert, die der Staat zur Verfügung stellt. Wenn er krank ist, geht er ins Krankenhaus. Also gibt es in dem Sinne kein „Self-made“.

Wer viel hat, sollte also viel beitragen?

Genau. Und was mich so ärgert: Eigentlich sind die Lösungen da. Wenn man sich die Klimakrise anguckt zum Beispiel, technologisch ist das im Grunde alles gelöst. Wir könnten vom CO2 wegkommen und vom Verbrennen. Der Hauptgrund, warum wir das nicht tun, das sehen wir auch hier bei uns, ist fossiler Lobbyismus. Wir haben eine Wirtschaftsministerin, die agiert so, als wäre sie eigentlich eine Lobbyistin der Gasbranche. Und sie tut wenig, diplomatisch formuliert, um diesem Eindruck etwas entgegenzusetzen. Das heißt, am Ende steckt auch hinter der Klimakrise das Problem Überreichtum. Es gibt einfach Leute, die sehr, sehr viel Geld mit fossilen Brennstoffen verdienen, und zwar seit Jahrzehnten. Und die auch seit Jahrzehnten deswegen eine Desinformationskampagne fahren und alles tun, um Regulierung zu verhindern. Charles Koch und Konsorten in den USA haben Trump erst möglich gemacht. Man kann sich das heute kaum noch vorstellen, aber zu Zeiten von George H. Bush waren die Republikaner noch nicht die Partei der Klimawandelleugnung. Da war eigentlich Konsens: Ja, wir müssen etwas dagegen machen. Und dann haben Koch & Co. angefangen – vor dreißig, vierzig Jahren war das –, massiv Geld in Desinformation zu stecken.

Nicht nur Donald Trump und Elon Musk werden vom Känguru und Marc-Uwe ins Visier genommen, auch mit ­Söder und Merz ­gehen sie nicht gerade zimperlich um. Da wird von der Merz-weg-Halle ge­kalauert, und als Marc-Uwe einen Satz mit „Markus Söder“ beginnt, sagt das Känguru: „Wie kannst du nur, wasch dir den Mund!“ Was könnten unsere Poli­tiker denn besser machen? Können die überhaupt etwas besser ­machen?

Auf jeden Fall. Es gibt ja diesen Satz: „Don’t let the perfect be the enemy of the good“ – lass das Perfekte nicht Gegner des Guten sein. Den würde ich total unterschreiben. Auch kleine Schritte in die richtige Richtung sind Schritte in die richtige Richtung. Aber aktuell gehen wir leider ganz oft in die falsche Richtung. Das ist alles so kurz gedacht. Es schmerzt. Teilweise denkt man auch, die haben es einfach nicht verstanden. Diese Generation von Friedrich Merz, die hat nicht verstanden, was das Problem ist mit den Plattformen zum Beispiel. Ich glaube, da fehlt einfach Wissen.

In „Die Känguru-Rebellion“ wird den Parteien, vor allem den Linken empfohlen, sich auf ihren „Markenkern“ zu konzentrieren. Was ist damit gemeint?

Als Fridays for Future die Schlagzeilen beherrschte, als es die großen Klimademonstrationen gab und dann den Klimawahlkampf und so weiter, da hatten die Grünen das beste Ergebnis ihrer Geschichte. Und zwar, weil fast alle Parteien vom Klima gesprochen haben. Damals wollte auch Söder Bäume umarmen. ­Etwas Ähnliches, wenngleich mit einem völlig anderen Thema, sehen wir jetzt mit der AfD und „Migration als Krise“. Man nennt das Issue Ownership. Nur weil die CDU anfängt, von Migration als Problem zu reden, nimmt sie damit der AfD nicht Wähler und Wählerinnen ab, sondern im Gegenteil: Sie schubst welche rüber. Das funktioniert immer wieder so. Man kann das in Studien angucken, man kann das in anderen Ländern angucken. Ich verstehe nicht, warum das nicht durchdringt. Im Wahlkampf hatte Friedrich Merz einmal gesagt, dass er einen Wirtschaftswahlkampf machen möchte. Und ich würde behaupten, wenn er dabei geblieben wäre, hätte die CDU wahrscheinlich mehr Prozentpunkte eingesammelt. Generell würde ich sagen, alle Parteien wären besser gefahren, wenn sie sich auf ihren Markenkern konzentriert hätten. Und zum Markenkern der SPD: Was der war, das haben die vergessen. Aber als kleiner Tipp, falls jemand aus der SPD dieses Interview liest: Euer Markenkern war einmal soziale Gerechtigkeit. Ich glaube, das ist ein ganz, ganz heißes Thema! Kümmert euch doch mal darum.

Um den Nachdruck, mit dem Sie das gesagt haben, wiederzugeben, müssten wir es eigentlich fett drucken. Aber noch mal zur CDU: Einmal taucht beim Känguru die Frage auf, ob Jens Spahn korrupt und intrigant oder einfach nur inkompetent sei. Marc-Uwe findet das eine „spah­nende“ Frage. Fast ­alle Experten seien der Ansicht: korrupt und intrigant. Nur die CDU sage: „Nein, inkompetent!“ Hat sich der Verlag gegen solche Passagen juristisch abgesichert, oder setzt man darauf, dass Jens Spahn Humor hat?

Die Behauptungen, Jens Spahn sei korrupt, intrigant und inkompetent, würde ich vor Gericht verteidigen. Möchte ich sehen, dass er mich dafür verklagt. Please do. Ja, bitte, bitte, bitte, lieber Jens: Lass uns vor Gericht herausfinden, was davon du bist. Ich glaube ja: all das.

Folgt man einem Satz Hannah Arendts, ist Rebellion der Versuch der Befreiung, die Revolution dagegen die Begründung der Freiheit. In „Die Känguru-Rebellion“ packt das Känguru nur einmal kurz seine Boxhandschuhe aus, dafür aber entwickelt es einen ganzen Katalog an Vorschlägen für eine bessere Welt. Ist es vielleicht doch eher ein Revolutionär als ein Rebell?

Es geht bei der Känguru-Rebellion nicht um Gewalt. Es geht darum, sich klarzumachen, dass man nicht einverstanden ist mit den Zuständen. Das ist der erste Schritt, den das Känguru in seiner Rebellion will. Und ja, vielleicht wird das nächste Buch dann „Die Känguru-Revolution“ heißen.

Source: faz.net