Sex ist gut. Sex ist vollwertig: Warum Dänen mehr Sex nach sich ziehen und welches wir daraus lernen können
Kopenhagen am Donnerstag vor Valentinstag ist berauschend romantisch. Das ist keine Übertreibung – man kann die Stimmung in der dänischen Hauptstadt förmlich einatmen und sich davon mitreißen lassen.
Die Kanäle sind zugefroren, was nur etwa alle 13 Jahre vorkommt, und Paare laufen darauf Schlittschuh. Die gemütlichen Bars sind schon von weitem zu sehen, weil sie mit Lichterketten geschmückt sind – offenbar nicht nur zu Weihnachten. Alle Menschen sehen schön aus.
Aber nichts davon erklärt auch nur annähernd, warum junge Dänen in Dänemark, im Gegensatz zur Generation Z in den anderen Industrieländern, immer noch Sex haben. Der Winter ist nicht einmal ihre wildeste Jahreszeit. „Im Frühling verändert sich die Atmosphäre“, erzählt der 35-Jährige Ben, halb Brite, halb Däne. Seine Freundin Anna, ebenfalls 35 und ursprünglich Ungarin, fügt hinzu: „Nach dem Winterschlaf kann man die sexuelle Energie spüren.
Alle sind in Stimmung. Alle schwimmen in den Kanälen, viele Frauen sind oben ohne – sie sind wie Heringe.“ (Das heißt: Sie sind typisch dänisch, sie lieben das Wasser und sie tragen keine Kleidung … glaube ich.) Ben und Anna sind natürlich Millennials und nicht die Generation Z, aber sie haben den Vorteil der Perspektive von Außenstehenden.
Kein Heteropessimismus oder Boy Sober
Einige Daten aus der Welt zu diesem Thema sind ziemlich deprimierend: Laut einer US-Studie aus dem Jahr 2023 gaben 24 Prozent der Erwachsenen im Alter von 18 bis 29 Jahren in den USA an, im vergangenen Jahr überhaupt keine sexuellen Aktivitäten gehabt zu haben. Bei einer weltweiten Umfrage zu Sexualgewohnheiten von Feeld und Kinsey im folgenden Jahr gaben 37 Prozent der Generation Z an, im letzten Monat keinen Sex gehabt zu haben, verglichen mit 19 Prozent der Millennials und 17 Prozent der Generation X.
In Großbritannien gaben in einer YouGov-Umfrage aus dem Jahr 2020 nur ein Viertel der Menschen aller Altersgruppen an, in der vergangenen Woche Sex gehabt zu haben. In Dänemark waren es dagegen fast die Hälfte der heterosexuellen Männer und 43 Prozent der heterosexuellen Frauen, ebenfalls über alle Altersgruppen hinweg (Die Umfragedaten zu Sexualität in Dänemark sind erwartungsgemäß die besten weltweit).
Der internationale Trend hat sein eigenes Vokabular – „Heteropessimismus“, „freiwillige Zölibatäre“, „Boy Sober“ (das sind Mädchen, die Jungen abgeschworen haben; die Jungen sind nicht nüchtern). In Dänemark liegt das Alter, in dem junge Menschen sexuell aktiv werden, dagegen seit den 1950er Jahren unverändert bei 16,4 Jahren (das Schutzalter, also ab wann man juristisch einwilligungsfähig in sexuelle Handlungen ist, liegt wie in vielen skandinavischen Ländern bei 15 Jahren). Die dänische Generation Z hat nicht weniger Sex als frühere Generationen, und die meisten Menschen geben an, mit ihrem Sexualleben zufrieden zu sein.
Mehr Sex, aber weniger Beziehungen
„Das ist auch mein Eindruck“, erklärt der 23-jährige Carl Christian, Psychologiestudent an der imposanten Universität Kopenhagen im Zentrum der Hauptstadt. „Aber ich weiß nicht, ob das aus den Nachrichten oder aus meinem eigenen Leben stammt. Zumindest in meinem Umfeld sind Situationsbeziehungen sehr verbreitet.
Vielleicht würde bei uns ein Mädchen im Teenageralter weniger damit prahlen, wenn es seine Jungfräulichkeit verloren hat. Aber man verurteilt Frauen in ihren 20ern nicht dafür, dass sie sexuell aktiv sind; wir freuen uns viel eher, wenn wir hören, dass unsere Freundinnen jemanden Nettes in einem Club kennengelernt haben.“
Die Dänen hätten häufiger Sex, meint Frida, ebenfalls 23 und Psychologiestudentin, „weil es eher akzeptiert ist, dass man eine intime Beziehung zu jemandem hat, mit dem man nur befreundet ist. Es braucht dagegen viel, um jemanden dazu zu bringen, sich auf eine feste Beziehung einzulassen.“ „Die Dänen trinken viel – das ist auch eher förderlich“, fügt die 24-jährige Christine hinzu, die Globale Entwicklung studiert.
Dazu kommt sicherlich ein wirtschaftlicher Faktor: Nur elf Prozent der Dänen leben im Alter von 24 Jahren noch bei ihren Eltern, verglichen mit 18 Prozent in Großbritannien; in Deutschland lebten 2023 noch mehr als ein Viertel der 25-Jährigen bei den Eltern, im Süden Europas sind die Zahlen noch viel höher.
Mehr weibliche Lust in der Sexualerziehung
In Dänemark gibt es zudem keine Studienkredite; Studierende erhalten mehr als 600 Euro pro Monat für ihr Studium; es ist auch sehr üblich, zwischen Schule und Universität ein oder oft sogar zwei Jahre Pause zu machen, sodass alle zu Beginn ihres Studiums selbstbewusster sind.
Frida verbrachte das letzte Semester an der University of California in Berkeley und erzählt: „Ich habe mit meinen amerikanischen Freunden über viele Dinge gesprochen, auch über Dating. Mir ist aufgefallen, dass sich für sie alles um die Uni und das Studium zu drehen schien. Es ist einfacher, eine Pause einzulegen, wenn man nicht jede Minute optimal nutzen muss.“
Laut der 25-jährigen Public-Health-Studentin Katinka (sie ist mit Christine in einer Bar unterwegs; die beiden waren zusammen auf der Grundschule) hat es eine stille Revolution in der Sexualerziehung gegeben. Als sie zur Schule ging, lernten sie gute praktische Grundkenntnisse, erklärt sie, etwa mit 13, wie man ein Kondom überzieht. Aber heute „ist die Sexualerziehung allmählich sexpositiver geworden. Der Fokus liegt auch mehr auf der weiblichen Lust. Ich würde definitiv sagen, dass es inklusiv ist.“
„Als wir zur Schule gingen, wurde Frauen nicht wirklich viel Aufmerksamkeit geschenkt“, fügt Christine hinzu, „und es war sehr heteronormativ. Je inklusiver man ist, desto mehr spricht man darüber und desto mehr wird einem bewusst, dass es für alle angenehm sein sollte.“ Die Flirtkultur in Dänemark sei nicht patriarchalisch. „Die Frauen wählen aus“, sagt Anna. „Die Männer sind eher schüchtern.“
Sexspielzeug ohne Scham
Die positive Einstellung zum Thema Sexualität ist auch in den Ministerien zu spüren. Während der Corona-Pandemie erklärte der Gesundheitsminister: „Sex ist gut. Sex ist gesund. Natürlich kann man auch in dieser Situation Sex haben.“
„Sie waren besorgt, dass Social Distancing für junge Menschen sehr schwer zu bewältigen sein würde“, erzählt Thomas Hübertz von Checkpoint, einer Einrichtung der dänischen Aids-Stiftung, die Tests auf sexuell übertragbare Infektionen (STI) durchführt und junge Menschen aufklärt. „Wir hatten noch nie so viele sexuell übertragbare Krankheitsfälle wie im Jahr der Corona-Pandemie.“ Was Chlamydien-Infektionen angeht, ist Dänemark mit Abstand der Hotspot der OECD.
Da ist zum Beispiel Peech: ein Sexshop im Stadtzentrum, der wie eine Mischung aus Nagelstudio und Boutique aussieht und ganz offen mit seinem Sortiment umgeht. „Wir wollten Dinge anbieten, die ästhetisch ansprechend sind“, erklärt die 30-jährige Mitbegründerin Clara Filippa Andersen, „denn wenn etwas schön ist, nimmt es einem einen Teil der Scham.“
Sexspielzeug, sagt sie, sei früher „entweder super pervers gewesen oder etwas, das man brauchte, um ein Problem zu lösen. Deshalb waren diese Produkte immer stigmatisiert. Aber ich finde sie wirklich toll, weil ich denke, dass sie eine Möglichkeit sind, den eigenen Körper und die eigenen erogenen Zonen kennenzulernen.“
Pornos als Kunstwerk oder Teil der liberalen DNA
Dänemark war 1969 das erste Land weltweit, das Pornografie entkriminalisierte. Die Debatte hier ist differenzierter als fast überall sonst, da sie ohne Probleme einen Mittelweg findet zwischen „alle Pornos trennen uns von unserer authentischen Sexualität“ und „jeder sollte mehr Sex haben wie Pornostars“. „Pornos sind nicht unbedingt schlecht“, erklärt Andersen. „Aber wenn man zu viel davon konsumiert und wir unseren eigenen Körper und unsere eigenen Grenzen nicht kennen, ist es schwierig, eine eigene Identität zu entwickeln.“
Als Folge dieser Gesetzgebung war skandinavische Erotika in den 60er und 70er Jahren in Dänemark sehr beliebt, erzählt Anna. Sie arbeitet ehrenamtlich in einem Programmkino, dem Huset Biograf: „Dort werden viele der schlechtesten Filme der Welt gezeigt, aber auch jede Menge Sexploitation und seltsame Pornofilme aus früheren Zeiten.“ Das liegt irgendwo zwischen einem kulturellen Kunstwerk und einem Teil der liberalen DNA. In Dänemark sprechen sie wirklich über diese Dinge.
„In Kopenhagen gibt es eine ausgeprägte Clubkultur“, fährt Anna fort. „Viele Tanzclubs halten sich an Regeln für einen sicheren Raum: keine Homophobie, keine Transphobie, keine Frauenfeindlichkeit, keine Grenzüberschreitungen, keine Fotos – sie haben Darkrooms.“
In Großbritannien würde man Darkrooms und so weiter nur mit Sexclubs und Schwulenclubs in Verbindung bringen, nicht mit Mainstream-Clubs für Heterosexuelle. „Einvernehmlichkeit spielt dabei eine große Rolle“, sagt sie. „Früher gab es Gruppen von Freiwilligen namens Club Mafia, die alle darüber aufklärten. Es hat die Kultur der Generation Z wirklich stark geprägt – die jungen Leute sind sehr sexpositiv.“
Vourteile und Stigmata bei Tests
Gab es schon zuvor eine starke gegenseitige Beeinflussung zwischen der schwulen und der heterosexuellen Kultur, hat die Generation Z das laut der 31-jährigen Peech-Filialleiterin Kathrine Graa noch beschleunigt. „Die Generationen Z und Alpha sind sehr flexibel, sie lassen sich nicht in Schubladen stecken. Wir nennen uns Peech, weil das in der Emoji-Sprache für Po steht. Und jeder hat einen Po.“
Zurück an der Universität, in den ehrwürdigen viktorianischen Hallen, ist es Nacht, und im Club der Studentenvereinigung ist ein Stand aufgebaut, an dem man einen Schnelltest auf Chlamydien machen lassen kann. Betreut wird er von der 29-jährigen Miranda und der 25-jährigen Nanna. Sie arbeiten für Checkpoint und decken mehrere Bedürfnisse ab. Erstens diejenigen, die von traditionellen Hausärzten nicht berücksichtigt werden.
„Man begegnet viel Vorurteilen, Stigmatisierung und Ignoranz“, erklärt Miranda. „Ich sage zum Beispiel, dass ich sexuell aktiv bin und keine Verhütungsmittel nehme. Dann ist es, als würde das Gehirn des Arztes explodieren – sie können sich nicht vorstellen, was da vor sich geht. Es kommt ihnen nicht einmal in den Sinn, dass man ein aktives Sexualleben haben kann, ohne heterosexuell zu sein.“
„Ihre Tests basieren auf Annahmen über typische, traditionelle sexuelle Aktivitäten, aber unsere basieren darauf, wo jemand Sex hatte: im Mund, in der Vagina oder im Anus.“ Laut Hübertz fragen Hausärzte üblicherweise „Warum sind Sie hier? Sie waren doch letztes Jahr schon da.“ Sie verstehen nicht, dass junge Menschen oft donnerstags, freitags und samstags ausgehen und bis zu zehn Sexualpartner haben können, sodass sie mehr als einmal im Jahr getestet werden müssen. Insgesamt sind die dänischen Gesundheitsbehörden jedoch sehr unterstützend.
Kontrollen nur bei Symptomen
Zweitens gibt es, wie bereits erwähnt, viele Chlamydien-Fälle. „Ich würde sagen, dass junge Menschen in Dänemark sehr schlecht darin sind, Kondome zu benutzen“, meint Nanna. „Ich glaube, dass sie vielleicht keine Angst haben. Viele Frauen denken: Wenn ich nicht schwanger werden kann, ist alles in Ordnung.“ HIV ist in Dänemark mehr oder minder ausgerottet – im Jahr 2024 wurden 103 Menschen neu diagnostiziert (bei einer Bevölkerung von etwa sechs Millionen). In Großbritannien waren es 3.043 bei einer Bevölkerung von etwa 70 Millionen, wobei die Krankheit dort ebenfalls im Allgemeinen als ausgerottet gilt.
„Wir probieren zum ersten Mal aus, diese Tests anzubieten“, erzählt der 23-jährige Laurits, der Mitglied des Studentenkomitees für Veranstaltungen ist. „Die Leute schämen sich weniger, als man denken würde.“ Das Einzige, über das es Beschwerden gibt, „ist dieser hier, für den Penis“, erzählt Miranda und hält einen Tupfer hoch, der dem beim Corona-Test ähnelt. „Er wird in die Harnröhre eingeführt. Die Leute machen sich selbst nervös und dann machen sie sich gegenseitig nervös. Aber es sind nur drei Sekunden lang ein halber Zentimeter.“
Ich frage sie, ob es wehtut, und denke dabei daran, wie mein Schwager die Erfahrung der Geburt als harmlos abtat, weil sie schnell vorbei war. Meine Schwester sah das, was die Schmerzen anging, komplett anders. „Nun, ich weiß es nicht. Ich habe es noch nicht ausprobiert“, antwortet Miranda fröhlich. „Bei dieser Veranstaltung waren alle so nett – sie freuen sich sehr, dass wir hier sind. Wir hatten Aufkleber mit der Aufschrift ,Echte Freunde lassen sich gemeinsam testen‘, aber die sind schon alle weg.“
In ganz Europa versuchen die Gesundheitsbehörden, Chlamydien-Tests auf Personen mit Symptomen zu beschränken, weil sie sich Sorgen um Antibiotikaresistenzen machen. Allerdings haben 80 Prozent der Frauen keine Symptome. Die Niederlande haben diese Regelung bereits eingeführt, und Belgien scheint ihrem Beispiel zu folgen. „Ich sehe Herausforderungen auf uns zukommen“, kommentiert Hübertz vorsichtig.
Wie entsteht eine „Karnickel-Generation“?
Die gängigste Hypothese zur Sexflaute der nicht-dänischen Generation Z ist eine Kombination aus sozialen Medien und Dating-Apps: Erstere isolieren alle und rauben ihnen ihre Fähigkeiten im realen Leben, letztere reduzieren alle auf eine zweidimensionale Version ihrer selbst, sodass jeder „sehr oberflächliche Gespräche führt und Menschen wegwischt, als wären sie keine Menschen“, sagt Frida.
Dänemark scheint auch nicht immun gegen Doomscrolling zu sein: „Viele Menschen haben Probleme mit der Sucht“, erklärt Christian. Ende vergangenen Jahres kündigte die Regierung Pläne an, die Nutzung sozialer Medien für Kinder unter 15 Jahren einzuschränken. Sie begründete das mit Bedenken, dass sie nicht zu früh schädlichen Inhalten ausgesetzt werden sollen. Den Sexualtrieb scheint das bei den jungen Dänen jedenfalls nicht zu beeinträchtigen.
Ich kenne mich mit dem Thema zu wenig aus, um eine pauschale Erklärung vorzulegen. Aber wenn jemand sagen würde, dass eine Kombination aus wirtschaftlicher Sicherheit, Inklusion, Gleichberechtigung der Geschlechter, Offenheit, sexpositiver Aufklärung und Politik, erotisch-experimenteller Kunst, Kultur und Kommerz sowie Hedonismus dazu geführt hat, dass in einer Welt voller Pandas eine „Karnickel-Generation“ entstanden ist, würde mich das nicht überraschen.