„Die AfD hat sich im Westen mehr wie verdoppelt, im Osten legt sie weniger zu“

Was können wir bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern erwarten? Der Kölner Soziologe Ansgar Hudde kennt einerseits die bekannten Muster: Die AfD punktet vor allem unter Männern und kann mit Zuwächsen nicht nur im Osten rechnen. Insbesondere junge Frauen wandern von den Grünen zur Linkspartei ab, das BSW hat im Westen kaum Chancen.

Doch Hudde interessiert der Blick in Details, er hat sich die einzelnen Stimmbezirke genauer angeschaut. Seine wichtigste These: Die von einem „Grün-Links-Wahlmuster“ geprägten Zentren der Großstädte sind alles andere als repräsentativ. Die Mehrheit der Deutschen lebt außerhalb von politisch homogenen Blasen – in diesen aber konzentriert sich die Mehrheit der Meinungsführenden.

der Freitag: Herr Hudde, nach der letzten Bundestagswahl kursierten in den Medien Karten, auf denen der Osten blau und der Westen schwarz eingefärbt waren – mit ein paar versprengten roten oder grünen Punkten in Groß- und Universitätsstädten. Hat sich Deutschland auseinandergelebt?

Ansgar Hudde: Solche Karten zeigen nur, welche Partei im jeweiligen Wahlkreis auf Platz eins liegt. Oft liegen aber nur wenige Prozentpunkte zwischen der stärksten und der zweitstärksten Partei. So verkennt man schnell, wie viel politische Vielfalt dahinter steckt, man bekommt ein schiefes Bild. Es gibt in Deutschland schon bedeutsame politische Unterschiede zwischen den Regionen. Aber die Mehrzahl der Bürger wohnt in Nachbarschaften, in denen das Wahlverhalten halbwegs nah am Bundestrend ist. Die politischen Blasen sind in der Minderheit.

Sie identifizieren vier typische Wahlmuster: Typischdeutschland, Konservativ, AfD-trifft-Linke, Grün-Links. Ganz schön plakative Begriffe?

Das Typischdeutschland nenne ich so, weil die Stimmverteilung hier ungefähr dem allgemeinen Trend entspricht. Zwei Drittel der Deutschen wohnen in Nachbarschaften mit diesem Wahlmuster. Man findet sie überall im Bundesgebiet, besonders häufig aber in westdeutschen Klein- und Mittelstädten. Im Konservativ-Wahlmuster sind die Freien Wähler auffällig stark, typisch dafür ist das ländlich geprägte Bayern, alles links der CSU schneidet hier schlecht ab. Im AfD-trifft-Linke-Muster liegt die AfD klar auf Platz eins, aber auch die Linke ist stärker als im Durchschnitt. Bei der Wahl 2025 war in diesem Milieu auch das BSW mit zehn Prozent überproportional vertreten. Dagegen sind alle Parteien schwach, die schon mal an einer Bundesregierung beteiligt waren.

Das trifft auf Ostdeutschland zu?

Dieses Wahlverhalten ist in Ostdeutschland außerhalb der Großstadtzentren in der Mehrheit, man findet es aber auch in manchen Bezirken im Westen, etwa im Ruhrgebiet oder in der Westpfalz. Als Letztes habe ich das Grün-Links-Muster identifiziert: Hier sind die Grünen und die Linke sehr stark, während rechte Parteien wenig Stimmen bekommen. Dieses Wahlverhalten finden wir in den Zentren der Groß- und Universitätsstädte in Ost wie West, also nicht nur in Münster oder Heidelberg, sondern auch in Erfurt oder Leipzig. Die Abweichung vom Bundestrend ist hier am größten. Insgesamt wohnt nur ein Zwölftel der Deutschen hier – darunter allerdings besonders viele derjenigen, die mit Politik, Wissenschaft oder Medien zu tun haben.

Wo genau haben Sie diese besonders untypischen Nachbarschaften gefunden?

An der Spitze stehen zwei Stimmbezirke an der Leipziger Eisenbahnstraße und zwei aus dem Stadtteil Vauban in Freiburg, Gegenden also, die eine gewisse bundesweite Prominenz haben. Zur Bekanntheit der Eisenbahnstraße in Leipzig haben Medienberichte mit Titeln wie „Die kriminellsten 1,5 Kilometer Deutschlands“ beigetragen. Es handelt sich um ein Altbauviertel, das sämtliche Klischees der Gentrifizierung erfüllt, es ist stark migrantisch geprägt, aber auch Studierende und andere junge Leute ziehen hin. Es gibt viele türkische oder arabische Geschäfte, dazu Hipster-Cafés und vegane Imbissbuden.

Zeitungsartikel über Freiburg-Vauban haben dagegen Titel wie „Im Eldorado der Öko-Spießer“. Der neu gebaute Stadtteil auf einem früheren Militärgelände ist durch Familien aus der akademischen Mittelschicht geprägt, dort leben aber auch viele Studierende. 2021 waren die Grünen extrem stark, 2025 sowohl Grüne als auch Linke. Die vier Stimmbezirke standen schon 2021 in der Rangliste ganz oben, 2025 hinzugekommen ist ein Bezirk in Berlin-Kreuzberg rund um das Kottbusser Tor und ein Bezirk in Hamburg-Mitte, auf der Insel Veddel.

Neben der akribischen Auswertung von Statistiken haben Sie auch Besuche vor Ort gemacht und Gespräche geführt. Sie waren in Herford und Maintal, in Abensberg, Gera oder Köln. Was ist Ihnen aufgefallen, das sich aus den reinen Zahlen nicht erschließt?

Man spürt die Stimmung vor Ort. Ich fand es spannend, beides zusammen zu beobachten, die Zahlen zum Wahlverhalten und die persönlichen Eindrücke. Ich kann mir seither viel besser vorstellen, wie die Stimmung ist, wie die Nachbarschaft aussieht und wie sie sich anfühlt. Und andersrum genauso: Bin ich irgendwo unterwegs, kann ich ziemlich gut einschätzen, wie dort wohl gewählt wird.

Forschungsprojekte brauchen Zeit. Ihre wichtigste Datengrundlage war daher nicht die Bundestagswahl 2025, sondern die Wahl von 2021. In diesen vier Jahren aber kam es zu gravierenden Verschiebungen im Wahlverhalten: Vor allem SPD und FDP haben an Rückhalt verloren, AfD und Linke zugelegt. Lässt sich Ihr Schema überhaupt noch weiter anwenden?

Ja, das Schema ist trotz dieser Änderungen sehr stabil, ich habe das auch für die letzte Wahl nachgerechnet. Die Einteilung in die vier Muster funktioniert immer noch. Wenn ich die Karten nebeneinander lege, muss man länger hinsehen, bis man Unterschiede entdeckt. Im Typischdeutschland ist das Wahlverhalten weiterhin nah am Bundestrend, im Konservativ-Wahlmuster ist es weiterhin konservativer. SPD, Grüne und Linke haben zusammen gerechnet 2025 ihr schlechtestes Ergebnis in über sechs Jahrzehnten eingefahren. Dieses Minus zeigt sich in allen Wahlmustern, im Grün-Links-Milieu der Groß- und Universitätsstädte aber am geringsten. In ihren Hochburgen haben diese Parteien weniger verloren. Allerdings gab es 2025 eine Verschiebung vor allem unter jungen Leuten und hier besonders bei den Frauen, weg von den Grünen hin zur Linkspartei.

Wenn Sie die Wahlergebnisse der letzten Jahre vergleichen, wie bedeutsam sind überhaupt diese Verschiebungen? Gibt es Erdrutsche, oder ist das eher ein schleichender Prozess?

Das Hauptbild ist die große Stabilität. Die meisten Unterschiede zwischen Stadt und Provinz oder auch zwischen den Bundesländern bleiben bestehen. Natürlich hat sich einiges verändert. Man findet jetzt mehr AfD-trifft-Linke-Nachbarschaften auch in westdeutschen Stimmbezirken, etwa in Gelsenkirchen, Kaiserslautern oder Pforzheim. Eine weitere interessante Verschiebung betrifft die ländlich-konservativen, katholisch geprägten Regionen im deutschen Nordwesten, im Emsland und im Münsterland. Dort bekam die AfD zunächst kein Bein auf die Erde, während die CDU sehr stark blieb. Diese Resistenz gegen die AfD bröckelt nun aber, sie ist dort inzwischen fast genauso stark wie im Bundesschnitt. Als Orte, in denen die AfD sehr schwach ist, sind damit fast nur noch die zentrumsnahen Gebiete von Groß- und Universitätsstädten übrig.

Was ist Ihre Prognose, wie sich die beschriebenen Wahlmilieus künftig entwickeln? Wird sich zum Beispiel der Gegensatz Ost-West allmählich auflösen?

Es kommt stets auf die spezifische Partei und auf die Perspektive an. Die Linkspartei zum Beispiel hat bei der letzten Wahl deutlich mehr im Westen dazugewonnen als im Osten. Die SPD hat in Ostdeutschland mehr als jede zweite Stimme verloren, im Westen „nur“ etwas weniger als jede Dritte. Die AfD ist im Westen von acht auf 18 Prozent gewachsen, im Osten von 22 auf 36 Prozent. Nun könnte man diagnostizieren, die Landesteile entwickeln sich weiter auseinander, weil die AfD im Osten 14 Prozentpunkte dazugewonnen hat, im Westen aber nur zehn. Die Analyse könnte aber auch sein: Die AfD hat sich im Westen mehr als verdoppelt, im Osten ist sie „nur“ um zwei Drittel angestiegen. Mittlerweile kommt ein größerer Teil der AfD-Stimmen aus dem Westen, was man als Zeichen einer Angleichung verstehen könnte.

Und nivellieren sich die Unterschiede zwischen Großstadt und Provinz oder gehen die Parteipräferenzen noch weiter auseinander?

Bei der Stadt-Land-Dimension ist das Bild klarer: Das Gefälle zwischen den Zentren der Groß- und Universitätsstädte und dem Rest der Republik nimmt zu. Bewegt man sich aber aus diesen Nachbarschaften heraus, sind die Unterschiede gar nicht mehr so groß. Dieser Trend hat sich schon früh angedeutet und mit der Bundestagswahl 2025 nochmal deutlich verstärkt. Ich gehe davon aus, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. Für Großstädter wie mich – und gerade auch für das politische Berlin – bedeutet das: Was ich vor der eigenen Haustür erlebe, ist keineswegs repräsentativ für die Stimmung im Land insgesamt.

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Ansgar Hudde, geboren 1991, hat in Erlangen Sozialökonomik und Geografie studiert und an der Universität Bamberg promoviert. Er forscht am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität Köln. In diesem Jahr ist er Gastwissenschaftler am Center for European Studies der Universität Harvard. Sein Buch Wo wir wie wählen – Politische Muster in Deutschlands Nachbarschaften ist im Campus Verlag erschienen. 262 Seiten, 32 Euro