„La Stampa“ verkauft: Was wird aus Italiens liberal-konservativem Vorzeigeblatt?

Der seit Monaten geplante Verkauf der Turiner Tageszeitung „La Stampa“ ist unter Dach und Fach. Die Medienholding GEDI aus dem Einflussbereich der Industriellenfamilie Agnelli hat nach übereinstimmenden Presseberichten am Mittwoch einen Vorvertrag zum Verkauf des 1867 gegründeten Blattes an das Konsortium SAE mit Sitz in Sassari auf Sardinien geschlossen. Für die ebenfalls zu GEDI gehörende Tageszeitung „La Repubblica“, die in Rom erscheint, hat die vom Agnelli-Erben John Elkann geführte Holding noch keinen Käufer gefunden. Nach Medienberichten dauern die Verhandlungen über den Verkauf der „Repubblica“ zwischen GEDI und einem griechischen Reeder- und Medienkonglomerat mit saudischem Einfluss an.
Dem Verkauf der „Stampa“ an das von dem Medienunternehmer Alberto Leonardis geführte Konsortium SAE waren ebenfalls monatelange Verhandlungen vorausgegangen. Er umfasst neben der gedruckten Tageszeitung, die am Donnerstag zunächst nicht erschien, alle dazugehörigen Beilagen und Nebenpublikationen, die digitalen Aktivitäten, das Pressezentrum in Turin sowie das Vertriebsnetz für lokale Anzeigen. Die Übernahme erfolgt über eine neu zu gründende Gesellschaft unter Kontrolle der SAE-Gruppe, deren Akronym für „Sapere Aude Editore“ steht. An der Gruppe sollen in der Region Piemont verwurzelte Unternehmen und Investoren aus weiteren Regionen Nordwestitaliens beteiligt werden.
„Nachhaltiges und langfristiges Redaktionskonzept“
In einer gemeinsamen Erklärung von Käufer und Verkäufer heißt es: „Die Erfahrung der SAE-Gruppe, die in ganz Italien im Bereich Informations- und Kommunikationsdienstleistungen tätig ist, bildet eine solide Grundlage für die Verwirklichung eines nachhaltigen und langfristigen Redaktionsprojekts. Ziel dieses Projekts ist es, die Kontinuität der traditionellen Ausrichtung der Zeitung zu gewährleisten, ihre redaktionelle Unabhängigkeit zu bewahren und ihre enge Verbundenheit mit der Region zu sichern. Der Abschluss der Transaktion wird für das erste Halbjahr 2026 erwartet. Der Verkauf steht unter dem Vorbehalt der üblichen gewerkschaftlichen und kartellrechtlichen Verfahren.“
Vorstandschef von SAE ist Alberto Leonardis, ein 1965 in L’Aquila in der mittelitalienischen Region Abruzzen geborener Manager, der seine Laufbahn in der Leiharbeits- und Telekommunikationsbranche begann und erst seit rund fünf Jahren im Verlags- und Zeitungsgeschäft tätig ist. Dabei kaufte Leonoardis verschiedene Regionalzeitungen auf, von denen er mehrere nach kurzer Zeit wieder veräußerte. Von GEDI übernahm er zuletzt mehrere Regionalblätter, von Sardinien bis zur norditalienischen Region Emilia-Romagna. Einige Zeitungen gewannen dabei an Profil, andere blieben farblos. Für den Kauf der „Stampa“, der ersten Tageszeitung mit nationalem Profil durch SAE, soll ein Preis von 22 Millionen Euro vereinbart worden sein. Bis etwa Juni soll die Transaktion abgeschlossen werden. Kreditverhandlungen von SAE mit Banken scheiterten zunächst, später gelang es Leonardis, regionale Investoren ins Boot zu holen.
Der neue Eigentümer bezeichnet sich als „libertärer Sozialist“
Der Unternehmer hat sich bei Gelegenheit als „libertärer Sozialist“ bezeichnet, was mit der wirtschaftsliberalen Linie der Turiner Zeitung schwer zusammenzubringen ist. Nach der Bekanntgabe der Vorverkaufsvereinbarung forderte der italienische Journalistenverband von SAE, das Unternehmen solle „seine Bereitschaft und seine Solvenz zur Fortzahlung der Gehälter und zur Sicherung der Arbeitsplätze für die Journalisten und die Verlagsmitarbeiter unter Beweise stellen“. Der christdemokratische Regionalpräsident Alberto Cirio sagte, im Piemont werde man den Verkauf des Traditionsblatts und die folgenden Entwicklungen „genau beobachten“. Turins sozialdemokratischer Bürgermeister Stefano Lo Russo sagte, er behalte „den Geschäftsplan und die Beschäftigungslage“ bei „La Stampa“ „im Auge“.
Die Blattlinie der „Stampa“, deren Geschichte über Jahrzehnte mit dem Gründer und langjährigen Chef des Fiat-Konzerns Giovanni Agnelli (1921 bis 2003) verbunden war, ist seit Jahr und Tag liberal und wirtschaftsfreundlich. Der Blick des Turiner Blatts war immer zugleich piemontesisch und kosmopolitisch, geprägt vom weltoffenen Geist im einstigen Herz der italienischen Automobilindustrie. Unter der Ägide des Agnelli-Enkels John Elkann an der Spitze von GEDI kommt diese historische „Familienbindung“ nun zu einem Ende. Dem Vernehmen nach befinden sich auch die langwierigen Verhandlungen über den Verkauf der „Repubblica“ zwischen GEDI und der griechisch-saudischen Kyriakou-Gruppe in der Endphase. GEDI und Elkann war es offenbar nicht gelungen, neben den Griechen auch inländische Kaufinteressenten für die defizitäre linke Tageszeitung zu finden. Offenbar konnte sich Kyriakou mit der Forderung durchsetzen, von GEDI neben der „Repubblica“ auch mehrere profitable Radiosender zu erwerben. Die Redakteure von „La Stampa“ und „La Repubblica“ waren während der Verhandlungen mehrfach in Streik getreten, weil sie sich von GEDI über die Verkaufsgespräche unzureichend informiert sahen.
In einer Mitteilung des Redaktionskomitees der „Repubblica“ heißt es, mit dem Verkauf der zahlreichen Lokalblätter in den vergangenen Jahren und jetzt der „Stampa“ komme die Geschichte der GEDI-Medienholding zu einem Ende. „Es fehlen nur noch die „Repubblica“, die „Huffington Post“ und die Radiosender Deejay, Capital, m2o“, schreiben die Redakteure: „Es war ein langes und verheerendes Blutbad für alle, die das Pech hatten oder noch haben, zu einem Verlagsprojekt gestoßen zu sein, das von Anfang bis Ende wirtschaftlich vollkommen unrentabel verfolgt wurde. Und das dazu eines war, das offensichtlich andere als verlegerische Ziele verfolgte.“ Die Verkaufsverhandlungen der „Stampa“, einer „seit gut einem Jahrhundert im Besitz der Familie Agnelli befindlichen Zeitung“, hätten für die Redaktion und die Öffentlichkeit „im Dunkeln stattgefunden – ohne jegliche Arbeitsplatzgarantie und ohne Gewissheit über redaktionelle Unabhängigkeit“, heißt es in der Erklärung. Dieses Schicksal drohe auch der „Repubblica“.
Source: faz.net