Mitleid mit Ina Aogo, unserer Front-Frau in Dubai

Nicht nur auf X wird Ina Aogo, Vorzeige-Influencerin in Dubai, gerade wüst beschimpft. Nur weil sie versucht, ihr „normales“ Leben (Shoppen, Reiten, Werbung machen) und fliegende Raketen in Einklang zu bringen. Das hat sie nicht verdient.

Am Mittwoch ist Ina Aogo dann wirklich der Kragen geplatzt. Sie musste sich einfach hinters Steuer ihres SUV, der vor der Doppel-Garage ihres Hauses stand, setzen und ein Insta-Reel drehen. „Ganz kurz“ etwas loswerden, weil es sie „so krass“ aufrege.

Also, fährt die deutsche Influencerin fort (cremefarbenes Prada-Tank-Top passend zum cremefarbenen Leder-Interieur), wohnhaft in einer Gated Community in Dubai, Vereinigte Arabische Emirate: „Seid Ihr komplett verrückt geworden da in Deutschland? Was ist los? Was ist los bei Euch? Wir sind hier in einer absoluten Ausnahmesituation. Dass Ihr da keine Empathie besitzt?“

Ja, was ist da nur los, fragen sich nicht nur Ina Aogo und all ihre Influencerfreundinnen in Dubai? Das fragen sich sehr viele, die auf Instagram oder X nahezu jedes Video von Aogo oder Fiona Erdmann und minder prominenten Kolleginnen kommentieren. Sind wir Deutschen, sind viele Follower auf Instagram tatsächlich so kaltherzig, neidzerfressen und verblendet, dass „wir“ ihr und all ihren Influencerfreundinnen ihr paradiesisches Leben in Dubai (oder Leben im paradiesischen Dubai?) so wenig gönnen? Ist denn niemand bereit, Anteil zu nehmen an ihrer Traumatisierung, die die vom Iran auch nach Dubai geschossenen Raketen auch ihr bereiten? In einem Video erzählte sie, anders als viele ihrer Kollegen, die ein wenig mehr im Sinne der Regierung betonen, wie sicher sie sich fühlen, wie „total traumatisiert“ sie sei, seit die Raketen auch auf Dubai fliegen. Als der Staubsauger eingeschaltet wurde (offenbar nicht von ihr), habe sie sich zu Tode erschrocken. Sie reagiere auf einmal so sensibel auf Geräusche, können nun nachvollziehen, wie Menschen empfinden, die im Krieg waren. Und was gibt es für diese ehrliche Beichte? Nur Häme.

Um Nicht-Wissende – keine Schande, man muss diese Frau wirklich nicht kennen – einmal in den aktuellen Frontverlauf im Influencer-Battle zu holen, kurz die Basis-Fakten. Ina Aogo, die am 7. März 2026 37 Jahre alt wird, ist eine gelernte Friseurin und Kosmetikerin („Hair- und Make-up-Stylistin“), die seit 2016 mit dem Ex-Bundesligaprofi Dennis Aogo verheiratet (HSV, Schalke, Stuttgart), der mittlerweile als Spielerberater arbeitet. Das Paar hat zwei Kinder und lebt seit sechs Jahren in Dubai. Aogo ist zudem leidenschaftliche Dressurreiterin, ihr Pferd steht im gleichen Reitstall, in dem auch Anna-Maria Ferchichi reitet, die Frau von Bushido.

Während der Stern ihres Ehemannes als öffentliche Figur verblasste (als Spieler konnte er die großen Erwartungen nie ganz erfüllen, als TV-Experte auch nicht), drängte Ina Aogo umso machtvoller ins Rampenlicht. Sie nahm Podcasts auf („Spielerfrauen on Air“; aktuell „Liebe hat (k)einen Preis“ mit ihrem Mann), hatte eine Doku bei „Bild“ („Ina Aogo – eine Spielerfrau erzählt alles“), machte Reality-TV („Promi Big Brother“) und spielt, wie man sieht, mal clever, mal plump mit den Klischees, die Frauen wie sie auch 2026 begleiten.

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Auf Instagram folgen Ina Aogo 226.000 Follower, die sie dort an ihrem Leben teilhaben lässt und ihnen, wie das Influencer machen, täglich Tipps gibt, was man so kaufen könnte, um sich ein ähnliches (steuerbefreites) Leben zu simulieren. Ein Leben zwischen Shopping, (von Deutschen geführten) Bio-Supermarkt, Strand („Es sind nur ein, zwei Minuten mit dem Auto (!)“) und Kurzurlauben in Abu Dhabi oder sonst wo. So weit, so absolut egal – wäre nicht Ina Aogo in den vergangenen Tagen zu einem der Gesichter der (mentalen) Krise geworden. Mehr oder minder fassungslos bestaunt wie ein exotisches Tier von allen, die das Influencer-Game nicht kennen (oder kennen wollen). Dabei hat sie, streng genommen, nur ihren Job gemacht. Und eben ein bisschen Kriegsberichterstattung. Und das bekommen viele offenbar nur schwer zusammen.

In einem Video etwa berichtet sie davon, dass die Situation ihr schwer auf den Magen schlage. Als patente Influencerin aber hat sie zum Glück das passende Mittelchen dabei – die „Diet Bacs“ und „Daily Bacs Woman“ von „My Bacs“, die ihre Darmflora sehr unterstützen. Einen Rabattcode hatte sie natürlich auch parat. Aber auch hier: kein Mitleid, nur Missgunst.

Dabei liefert Ina Aogo, so sieht sie es, einfach nur wertvollen Content. Lässt ihre Follower an ihrem Leben teilhaben und zu dem gehören natürlich – Stichwort: „Mental health“ – auch ihre Ängste. Man könnte also sagen: Sie möchte einfach aufklären. Deshalb hatte sie von den durch die Luft sausenden Raketen berichtet und ihren Ängsten. Hatte versichert, dass sie sich dennoch absolut sicher fühle – um sich im nächsten Video aus einem Hotel „eine Stunde außerhalb von Dubai“ zu melden, weil sie das Gefühl hatte, einfach mal rauszumüssen. Und dass jetzt in Deutschland vermutet würde, alle Influencer würden nur noch die gleichen heile Welt Bilder posten, als ob sie „vom Government ein Briefing bekommen hätten“, das sei absurd. Sie habe eben nur geschaut, was ihre Freundinnen hier posten und davon genommen, was ihr gefallen habe. Wer anderes behaupte, der lüge. Das sei absurd (was in ihrem Fall mit Einschränkungen auch stimmt). Auch die Behauptung, dass jetzt alle aus Dubai zurückwollten, sei eine Unterstellung: „Ich kenne niemanden, der hier sagt, er will wieder nach Deutschland.“

Für Ina Aogo, die so tapfer den iranischen Raketen, ihren Traumata und dem Hass aus der ehemaligen Heimat trotzt – und einfach ihren Job macht („zehn Stunden am Handy“), hat sich ihr Einsatz gelohnt (ihr letztes Reel erzielte erstmals 200.000 Views!). Und es ist Rettung in Sicht. Sie hätten Tickets für einen Flug bekommen in zwei Tagen, konnte sie nun berichten – es geht nach Thailand.

Unsere Frau in Dubai hat sich den Fronturlaub redlich verdient.

Source: welt.de