US-Angriff vor Sri Lanka: „Unangenehme Fragen reichlich Indiens Autorität“

Mit der Versenkung der iranischen Fregatte IRIS Dena vor der Küste Sri Lankas durch ein amerikanisches U-Boot ist der Krieg im Indischen Ozean angekommen. Vor allem für die Regionalmacht Indien hat diese Entwicklung möglicherweise weitreichende strategische Konsequenzen.
„Dies ist ein ernstes Problem für Sri Lanka und auch für den Indischen Ozean, und ich bin sicher, auch für Indien“, sagte der sri-lankische Oppositionspolitiker Namal Rajapaksa dem indischen Sender NDTV. Fachleuten zufolge war es das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass ein amerikanisches U-Boot ein Schiff versenkte.
Dem amerikanischen Verteidigungsminister Pete Hegseth zufolge hatten die USA in den frühen Morgenstunden am Mittwoch vor Sri Lanka ein iranisches Kriegsschiff mit einem Torpedo abgeschossen. Colombo hatte darauf für die Rettungsarbeiten zwei Schiffe und mehrere Flugzeuge geschickt. Wie die Behörden berichteten, waren 32 der insgesamt 180 Besatzungsmitglieder aus den Gewässern gerettet worden, die südlich der unter Touristen beliebten Stadt Galle, aber außerhalb der sri-lankischen Territorialgewässer liegen sollen.
Iranische Fregatte war zuvor Gast Indiens
Demnach wurden bereits mehr als 80 Leichen geborgen worden. Im Karapitiya-Krankenhaus, wohin die Geretteten gebracht wurden, wurden sie laut Medien mit Schnittwunden, Verbrennungen und Knochenbrüchen behandelt.
In Indien sehen viele in dem Angriff einen Affront, weil das Schiff aus dem indischen Visakhapatnam gekommen war, wo es als Gast Indiens an einer Flottenparade sowie der Marineübung „Milan 2026“ teilgenommen hatte. Der ehemalige Chef der indischen Marine, Admiral Arun Prakash, bezeichnete den Angriff bei „India Today“ deshalb als „unverantwortliche Handlung“ auf der indischen „Türschwelle“. Der Politikwissenschaftler Brahma Chellaney nannte den Vorfall auf der Plattform X eine „strategische Blamage“. Washington habe Indiens maritimes Umfeld zum Kriegsgebiet gemacht und damit „unangenehme Fragen über Indiens Autorität in seinem eigenen Hinterhof“ aufgeworfen. Aus Sicht Neu Delhis sei das ein „unfreundlicher Akt“, der Indiens Anspruch auf eine regionale maritime Führungsrolle untergrabe.
Iran ist wichtiger Öllieferant Indiens
Den Beobachtern zufolge hat sich der Angriff zwar in internationalen Gewässern ereignet, aber klar in Indiens Einflusszone. Für die indische Regierung wird damit eine ohnehin schwierige Lage noch komplizierter. Seit Beginn der amerikanisch-israelischen Angriffe hatte Indien einen Balanceakt versucht. Auf der einen Seite sind die USA und Israel enge Verteidigungspartner etwa bei der Lieferung wichtiger Militärtechnologie. Zudem unterhält Indien enge Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien. Knapp neun Millionen Inder arbeiten im Nahen Osten, die von den Kriegshandlungen betroffen sind. Die Hälfte der indischen Ölimporte wird durch die Straße von Hormus angeliefert.
Darüber hinaus ist Iran ein wichtiger Öllieferant Indiens. Neu Delhi hat in den iranischen Hafen Tschabahar investiert und teilweise den Betrieb übernommen, um eine alternative Handelsroute nach Afghanistan und Zentralasien zu entwickeln, die den verfeindeten Nachbarn Pakistan umgeht. Die Regierung in Neu Delhi hatte aufgrund dieser schwierigen Ausgangslage den amerikanisch-israelischen Angriff deshalb nicht verurteilt, aber ihre „tiefe Besorgnis“ ausgedrückt. Sie rief alle Seiten zu Zurückhaltung, Dialog und Respekt vor der Souveränität und territorialen Integrität „aller Staaten“ auf.
Als weiterer Affront Israels und der USA gegenüber Indien wird aber auch gewertet, dass der Angriff in Teheran nur wenige Tage auf den Besuch des Ministerpräsidenten Modi in Israel folgte. Indem Netanjahu Modi persönlich vom Flughafen abgeholt hatte, signalisierten die beiden Länder Nähe. Modi hatte zudem als erster indischer Regierungschef eine Rede vor der Knesset gehalten. Die oppositionelle Kongresspartei erklärte nach der Attacke, Modis Israelbesuch erwecke den Eindruck einer „parteiischen Ausrichtung und stillschweigenden Billigung“ der israelischen Angriffe. Der Parteisprecher Jairam Ramesh sagte, der gemeinsame Angriff der USA und Israels auf Iran sei angesichts ihrer militärischen Aufrüstung in den letzten Monaten „voll und ganz zu erwarten gewesen“.
Auch in einigen befreundeten Ländern wird registriert, dass Indien, das sich als „Stimme des Globalen Südens“ sieht, die Angriffe auf Iran nicht kritisiert hatte. In diesem Jahr ist Neu Delhi auch Gastgeber des Gipfels der BRICS-Gruppe, der Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate angehören. Indische Muslime hatten zudem ihre Trauer über die Tötung des iranischen Führers Ali Khamenei kundgetan. In verschiedenen Städten wie Lucknow, der Hauptstadt des Bundesstaats Uttar Pradesh, hatten Kundgebungen stattgefunden. In der mehrheitlich muslimischen Kaschmir-Region kam es zu Protesten, die von der Polizei durch Tränengasschüsse aufgelöst wurden.
Source: faz.net