Krieg im Nahen Osten: Das Ende welcher islamischen Revolution

Monsieur Kepel, wie würden Sie die Ereignisse rund um den Irankrieg beschreiben – als einen Wendepunkt in der Geschichte des Nahen Ostens?

Es ist wirklich ein neues Kapitel, das hier aufgeschlagen wird. Dieses Kapitel begann 1979 mit der islamischen Revolution, die grundstürzend war, weil sie den Beginn des radikalen politischen Islams markierte.

… der eine neue Art von Terrorismus in die Welt trug.

Ja. Es ist außerdem wichtig, sich daran zu erinnern, dass es seinerzeit zu jenem Bündnis zwischen Islamismus und Linksextremismus kam, dessen Nachhall wir gerade heute noch in unseren Universitäten hören und in Frankreich auch sonst beobachten können, beispielsweise in dem Bündnis zwischen La France insoumise und den Muslimbrüdern. Denn 1979 war auch der Zeitpunkt, an dem die marxistischen Kategorien von Frantz Fanon, dem Autor von „Die Verdammten dieser Erde”, vom Sohn des Ajatollahs ins Persische übersetzt wurden, und zwar übersetzt in koranische Kategorien.

Es gab also eine Art Verschmelzung zwischen dem politischen Vokabular des Marxismus und dem religiösen Vokabular des Islams?

Ja, und dass man die ganze Sache damals „islamische Revolution” nannte, war in diesem Sinne völlig gerechtfertigt. Diejenigen, die die Ajatollahs damals begleiteten, die Marxisten, landeten meistens im Gefängnis oder wurden gehängt. Dennoch kam es zu dieser Art antiimperialistischer Tendenz der islamischen Revolution, und das erklärt, warum es auch heute möglich ist, dass sich die Solidarität mit Gaza und mit der Hamas in der Unterstützung der europäischen extremen Linken für den angeblich von Zionisten und Imperialisten bombardierten Iran niederschlägt.

Gilles Kepel
Gilles Kepelpicture alliance / dpa

Wenn das Kapitel der islamischen Revolution jetzt aber an sein Ende kommt, wie Sie sagen, bedeutet das zwangsläufig, dass wir auch das Ende des iranischen Regimes als solches erleben werden?

Die außergewöhnliche Stärke der israelischen und der amerikanischen Geheimdienste, die imstande waren, nahezu die gesamte iranische Führung zu lokalisieren und zu bombardieren, ist beeindruckend. Aber sie ist auch an Grenzen gestoßen, denn die Maschinerie der Revolutionsgarden funktioniert weiter – nach der Fassungslosigkeit über den Tod von Khamenei am ersten Tag hat Iran am zweiten Tag seine Fähigkeit zur Gegenwehr gezeigt.

Neu und auffällig waren vor allem die iranischen Angriffe auf die arabischen Nachbarn am Golf.

Und dort insbesondere auf Bahrain und auf Dubai. Diese etwas künstliche Welt der Influencer, der Menschen, die keine Steuern zahlen und in der Sonne leben, ist plötzlich zusammengebrochen. Das Modell der Ölmonarchien, die in einer Art verzauberter Zwischenwelt leben, hat seine extreme Fragilität gezeigt. Gerade erst habe ich gelesen, dass die Iraner Rechenzentren angegriffen haben, weil in den Ländern am Golf mit ihrer billigen Energie sehr viele Rechenzen­tren angesiedelt sind, darunter auch chinesische. Die Iraner stören also die gesamte kybernetische Funktionskette. Das ist völlig neu und scheint von Amerikanern und von Israelis nicht vorhergesehen worden zu sein.

Die Frage ist wohl, wie lange Iran das durchhalten kann.

Das iranische Regime verfügt meiner Meinung nach nicht mehr über viele Ressourcen, da es sich mit den Unruhen im Januar von seiner Bevölkerung abgeschnitten hat.

Es gab schon früher Proteste in Iran.

Ja, aber die Menschen, die nach der Ermordung von Mahsa Amini im Jahr 2022 protestierten, waren moderne, liberale Frauen und Kurden, die ohnehin nicht zur Basis des Regimes zählten. Im Januar indes protestierte die kleine Mittelschicht, die von der Umverteilung der Öleinnahmen lebte und durch Finanzspekulationen der Banken und Revolutionsgarden ruiniert worden ist. Mit ihnen hat das Regime seine soziale Basis verloren. Es hält sich jetzt nur noch durch diesen Staat im Staat, den die Revolutionsgarden bilden.

Eine iranische Rakete ist in der Region um Qamishli, Syrien eingeschlagen.
Eine iranische Rakete ist in der Region um Qamishli, Syrien eingeschlagen.EPA

Bislang verfügen sie über genügend Ressourcen, um der amerikanisch-israelische Offensive vorübergehend die Stirn zu bieten.

Es ist nicht sicher, dass das ewig so bleiben wird. Denn ein weiterer wichtiger Punkt ist der Ölmarkt. Die Straße von Hormus ist zwar blockiert. Die Blockade hat bislang aber keine großen Auswirkungen auf die westlichen Verbraucher, wohl allerdings auf China, weil ein großer Teil der chinesischen Gasimporte aus Iran stammt.

Die eigentliche Herausforderung beginnt wohl an dem Tag, an dem das System der islamischen Revolutionsgarden erschöpft sein wird. Nicht nur die arabischen Nachbarstaaten fürchten, dass Iran auseinanderbrechen könnte.

Es gäbe dann keinen Iran als solchen mehr, sondern ein Mosaik aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Als Benjamin Netanjahu das iranische Volk vor ein paar Tagen zum Aufstand aufrief, hat er sie aufgezählt: die Belutschen, die Aserbaidschaner, die Kurden, die Araber. Für die Region ist ein Iran, der aus kleinen Fürstentümern besteht, sehr gefährlich. Netanjahus Logik lautet hingegen: Wenn diese kleinen Fürstentümer sich gegenseitig bekämpfen, können sie nicht Israel angreifen. Diese Frage der Fragmentierung stellt sich. Noch sind wir nicht so weit, aber der Trend geht in diese Richtung.

Jahrzehntelang ging von Iran und seiner „Achse des Widerstands“ eine Ideologie aus, eine Denkweise, die die Welt in Gut und Böse teilte und mit der sich sehr viele Menschen nicht nur in Iran, auch in Syrien, Libanon und Irak identifizierten.

Ja, aber die Revolutionsgarden selbst haben keine Ideologien, sie sind pragmatisch, sie verdienen Geld. Die Ideologie ist das, was die Bevölkerung zusammenhält. Es wird immer Frauen im Tschador geben, die demonstrieren, und einen Nachrichtensprecher, der weint, wenn er im iranischen Staatsfernsehen den Tod von Khamenei verkündet – das war eine Reverenz an die Frömmigkeit des schiitischen Volkes. Aber ich glaube, dass die Ideologie ihre Kraft verloren hat.

So schnell? Sie ist über Jahrzehnte gewachsen und tief verwurzelt.

Aber es ist nicht mehr viel von ihr übrig. Der Widerstand ist tot. Seltsamerweise haben sich die Huthis im Jemen nicht bewegt, sie wurden nicht aktiviert. Die Hizbullah hat vage angegriffen und den Israelis einen Vorwand geliefert, sie zu liquidieren. Syrien existiert nicht mehr. Die Hamas betreibt nur noch begrenzten Terrorismus in Gaza und wartet darauf, dass sie an der Reihe ist. Die Einzigen, die derzeit noch ein wenig aktiv sind, sind die pro-iranischen schiitischen Milizen im Irak. Ich denke, dass die ideologische Dimension, die sehr wichtig war und mit dem 1979 entstandenen Islamo-Gauchismus aufgebaut wurde, zusammengebrochen ist. Heute bleibt nur noch die Fähigkeit der Revolutionsgarden, für eine gewisse Zeit Schaden anzurichten, von der sie hoffen, dass diese Zeit so lang dauern wird, bis die Amerikaner sagen: „Stopp. Wir hören auf, weil es Trump zu viel kostet und er sonst die Midterm-Wahlen verlieren könnte.“

Wie bewerten Sie die Möglichkeit eines Regimewechsels, etwa der Rückkehr des Sohnes des Schahs?

Die Frage ist, ob die Revolutionsgarden zusammenbrechen oder ob es unter den Wächtern Leute gibt, die verhandeln – und die versuchen, so viel Macht wie möglich zu behalten, um die Rückkehr des Schah-Sohnes zu verhindern. Er ist in der Exil-Diaspora sehr beliebt. Ich bin mir derzeit nicht sicher, wie beliebt er in Iran ist. Aber das wird sich zeigen.

Gilles Kepel gilt als einer der führenden Nahostexperten Frankreichs. Zuletzt erschien von ihm „Antiterrorisme. La traque des jihadistes (1994–2025)“ in den Éditions Plon.

Source: faz.net