Gedanklich schlicht, nichtsdestoweniger voller Unterweisungsdrang

Das Augustinermuseum in Freiburg ist renoviert und erweitert. Doch statt die Kraft der oberrheinischen Malerei leuchten zu lassen, inszeniert es einen pädagogischen Parcours durch die Kulturgeschichte. Ein Modellfall für den Zustand unserer Museen.

Freiburg im Breisgau. Alte Universität. Grün gefestigtes Bürgertum. Mitten in der Altstadt das Augustinermuseum. Ehemaliges Klostergebäude, 800 Jahre alt. Biergarten daneben. Die Tram fährt so eng an der Hauswand entlang, dass man immer meint, sie müsse mit dem Außenspiegel hängenbleiben. Alles sehr idyllisch. Pflichthalt für Touristen, die mit der Wurst vom Münsterplatz in der Hand vor der Hausbeschriftung stehen und die großen Buchstaben, anstatt sie von oben nach unten zusammenzusetzen, wie gewohnt von links nach rechts „Asesutregimuunum“ lesen und denken: Was sind die Freiburger doch für Schelme!

Seit über 20 Jahren ist die denkmalgeschützte Anlage ein politisch immer wieder zäh verteidigter Sanierungsfall. Dass die Bauzäune jemals abmontiert würden, erschien fast unwahrscheinlich. Die ersten beiden Bauabschnitte liegen schon eine ganze Weile zurück. Sie standen unter der behutsamen Regie des Frankfurter Architekten Christoph Mäckler.

Er hat sich, was noch immer sehr zu rühmen ist, jeglicher genialischer Baumeistergebärde enthalten und die Kirchenhalle des Klosters in ein Altmeistermuseum verwandelt, dessen wunderbare Fremdheit, Erhabenheit und Intensität, immer neu erstaunen lässt. Alle inszenatorische Kunst ist auf das einzelne Meisterwerk konzentriert, auf die frühgotische „Christus-Johannes-Gruppe“ genauso wie auf den „Sündenfall“ des Meisters H.L., Martin Schaffners „Jüngstes Gericht“, Nicolaus Hagenauers „Täufer“ oder Grünewalds famosen „Schneewunder“-Altarflügel.

Aber darum geht es schon gar nicht mehr. Das Augustinermuseum schläft längst wieder seinen ewigen Schlaf, geradeso wie die Galerien mit ihren Dunkelkammern für Beispiele aus der großartigen Glasfenster-Sammlung. Jetzt geht es um das mühsamst renovierte Konventgebäude, um 1600 Quadratmeter zusätzliche Ausstellungsfläche, wo nun in einer Art verwunderlicher Museumskonkurrenz ein Volkshochschulkurs zur „Stadt- und Kulturgeschichte“ stattfindet mit in kostbaren Vitrinen verhüllten Demonstrationsstücken „von der mittelalterlichen Ritterrüstung bis zum Protestschild der Klimabewegung“.

Der Übergang ist jäh und war wohl auch für das Büro Mäckler eine Herausforderung, der es sich so nicht mehr hat stellen wollen. Zumal es unterschiedliche Auffassungen über Diagnose und Therapie der verschimmelten Wände und pilzbefallenen Dachstühle gab. Die Stadt warf dem Architekten vor, den gravierenden Zustand des Gebäudes nicht zureichend eingeschätzt zu haben.

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Im Jahr 2021 trennten sich die Wege. Im letzten Bauabschnitt sah man nur noch Arbeiter mit Schutzanzügen und Atemmasken. Inzwischen, nachdem rund 95 Millionen verbaut worden sind, muten die entstandenen Räume so proper an, wie sie sehr wahrscheinlich auch zu Mönchszeiten nie gewesen sind.

Man kann den didaktischen Parcours in großartig hergerichteten Räumen und Fluren betreten, ohne der Grünewald-Tafel auch nur eine beiläufige Reverenz erwiesen zu haben. Man steht dann unversehens vor einer tadellosen Bastelarbeit zum Münsterbau, einem Flaschenzug mit Greifarm für schwere Steine und einem Ritterhandschuh aus Eisenblech.

Man spaziert durch die sogenannte Barockgalerie, wo die Bilder dicht an dicht hängen – ohne Beschriftung. Man kann es sich gegenüber auf Sitzpolstern gemütlich machen und auf kleinen Bildschirmen herumtasten, die einem die Malernamen verraten. Wenn sie alle besetzt sind, hat man Pech gehabt. Und wenn man im Museum nicht tasten will, sondern schauen, ist man einfach am falschen Ort.

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Eigentlich hätte der Barockmaler Frans Francken, dessen „Fünf Sinne“ in Kniehöhe hängen, es verdient, wenn man ihn oder das Werk seines Kollegen Johann Christian Wentzinger in größerem Zusammenhang zeigen würde. Aber dann wäre eben kein Platz für den „immersiven Raum Schwarzwald“, wo der Wind durch ein paar animierte Landschaftsbilder weht und die Kamine der Bauernhäuser zu rauchen beginnen.

Vor allem wären wir dann nicht in die Abteilung „Protest und Revolution“ geraten, wo in einer eindrucksvollen Großvitrine rechts die Gewehre der Soldaten hängen und links die Knüttel und Messer der Bauern und Bürger und zwischendrin bestickte Zierschühchen einem Paar ausgelatschte Lederfinken begegnen. Das alles ist von einer gedanklichen Schlichtheit, die Betrachter und Betrachterin auf Kita-Format schrumpfen lässt.

Nun könnte man ja alles als Provinzposse abtun, wenn es auf eine Art nicht doch auch symptomatisch wäre. Symptomatisch für einen hochgemuten Kunstbetrieb, der seine offensichtlichen Leerstellen nur noch mit Zeitgeist füllt. Gemäß der Icom-Standards („International Council of Museums“) hat die Freiburger Direktion (Jutta Götzmann) alles richtig gemacht. Barrierefrei, inklusiv, partizipativ, interaktiv, divers und der Cappuccino im Museumscafé ganz bestimmt laktosefrei. Für die Frauen eine kleine Fotosammlung „Frauen in Freiburg“, für die Klimaretter ein Original-Fridays-for-Future-Plakat aus dem Jahr 2019. Und sämtliche Neubeschriftung erst mal englisch, dann französisch und zum Schluss deutsch.

Wenn es so etwas wie einen „Nutriscore“ für Museen gäbe, wäre das neue Augustinermuseum zum bedenkenlosen Verzehr empfohlen. Denn immer ist irgendwo Kursus im Haus, und die ausgestellten Stücke sind nichts anderes als Belegmaterialien, Illustrationen zu Erzählgeschichten, wie die Folien beim klassischen Powerpoint-Vortrag. Dass man im Museum schauen, staunen, denken und nicht bloß herumspielen, tasten, wischen will, scheint allmählich dem Unterweisungsdrang völlig geopfert. Hier können, sollen alle mitmachen, „ihre Meinung äußern, in Dialog treten oder sogar eigene Objekte für die Ausstellung vorschlagen“.

Mal keine Meinung haben, einfach fassungslos und warum nicht ergriffen vor der oberrheinischen Malkunst des späten Mittelalters verweilen – das scheint längst nicht mehr Sache fortschrittlicher Museumsregie.

Source: welt.de