Mein Herz erschrickt: Merz, Trump und selbst die Linke erlauben gezieltes Töten im Iran?
Während andere EU-Staaten die Angriffe auf den Iran als völkerrechtswidrig bezeichnen, gibt Friedrich Merz im Weißen Haus den makellosen Verbündeten. Das war schon bei den Militärschlägen im Juni so – nur hat sich jetzt die Lage verändert
Viel geredet hat Friedrich Merz bei Trump nicht gerade
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Was konnte ihm Besseres passieren, als am vierten Tag des von den USA gegen den Iran geführten Krieges bei Donald Trump vorgelassen zu werden? Als erster Regierungschef aus Europa durfte sich Friedrich Merz an die Seite des Feldherrn setzen, stehen und ihm zuhören. „Es läuft sehr gut. Ihre Marine ist ausgeschaltet, ihre Luftwaffe ist ausgeschaltet, ihr Radar. So ziemlich alles wurde ausgeschaltet.“ Warum wehren sie sich dann noch, hätte Merz an dieser Stelle fragen können. Tat er aber nicht.
Offenbar war die Gunst der Stunde einfach zu überwältigend, als dass es sich anbot, Skepsis gegenüber einem auf externe Gewalt gegründeten Regime Change zu äußern oder einen Angriffskrieg zu beklagen, bei dem täglich Hunderte und demnächst vielleicht Tausende Iraner sterben müssen, bevor es ihnen besser geht. Trump ist schließlich nicht Putin. Und was ist das Völkerrecht schon wert, gemessen an der Aussicht, sich den USA in diesem Moment als makelloser Verbündeter zu empfehlen?
Bei der Sicherheitskonferenz sprach Merz noch von Selbstbewusstsein
Zwar hat Merz jüngst auf der Münchner Sicherheitskonferenz von einem europäischen Selbstbewusstsein gesprochen, das ab sofort gegenüber der Trump-Administration walten müsse. Aber sofort ist nicht gleich. Und bei der Pressekonferenz im Weißen Haus im Nebel der Propagandasprache abzutauchen, ist nicht Tarnung, sondern transatlantische Brauchtumspflege.
Merz hatte Trump schon bei den Angriffswellen gegen den Iran im Juni 2025 dafür gelobt, „die Drecksarbeit“ übernommen zu haben. Dies rhetorisch zu überbieten, fällt schwer, obwohl der sich gerade austobende Zerstörungswille der US- und israelischen Armee überbietet, was schon vor neun Monaten kaum noch steigerungsfähig schien.
Wie abwegig ist es da, von Merz zu erwarten, dass er sich gegen das gezielte Töten iranischer Führer verwahrt, die nicht mit der Waffe in der Hand niedergestreckt werden? Was bleibt vom christlichen Menschenbild eines christdemokratischen Kanzlers, der es nicht fertigbringt, die Todesumstände für Ali Khamenei wenigstens zu bedauern, bei denen die Grenze zum Mord keine mehr ist? Was sagt es über uns, wenn wir das achselzuckend hinnehmen oder gutheißen?
Auch Jan van Aken wünscht iranischen Führern die Hölle – ist das menschlich?
Ist alles erlaubt, sobald das Menschen- zum Schurkenbild schrumpft, weil der Tyrannenmord über jeden Anflug von Entsetzen oder wenigstens Unbehagen erhaben ist? „Man soll sich nie über den Tod eines Menschen freuen – und trotzdem, denke ich, ist es gut, dass die weg sind“, sagt Linke-Chef Jan van Aken und wünscht sich in Trump-Sprache und aufgeräumter Stimmung: „Mögen sie in der Hölle schmoren.“ Ist das die gute zivilisatorische, linke Kinderstube, die ein moralisches Wohlgefühl vermittelt, sobald man sie betritt?
Vor Jahren schrieb die Pfarrerin Margot Käßmann: „Wenn unser Herz so erschrickt, dann ist unser Leben zutiefst berührt … Da kommen Fühlen und Denken zusammen, unsere ganze Existenz ist im Spiel, wenn es um das Herz geht.“
Ich gebe zu, mein Herz ist erschrocken. Es will sich nicht züchtigen lassen und eine Sprache auf der Zunge haben, die nach dem schmeckt, was uns gerade aufgetischt wird an Lüge und Hass. Ein inzwischen endemisches Ausmaß an politischer Dummheit lässt vom Verstand wenig übrig. Welche Legitimation soll eine neue politische Führung im Iran haben, deren Mandat sich dem Mord an höchsten religiösen Führern der schiitischen Glaubensgemeinschaft verdankt? Die Art des Tötens iranischer Autoritäten ist Teil ihrer Entmenschlichung. Dessen sollte man sich bewusst sein.