Kleinstadtkrimi: Die Grüne Insel und ihre Leichen im Keller

An einen Sommertag 2003 erinnern sich auch fünfzehn Jahre später alle noch ganz genau: an den Tag, als sie auf ihren Fahrrädern den Hang hinunter und durch die schmale Lücke zwischen zwei Gebäuden auf die Hauptverkehrsstraße schossen. So gefährlich war die Mutprobe, dass sich nur eine von ihnen traute, ohne angezogene Bremse draufloszupreschen: die ungestüme lockenköpfige Kala, die am Ende dieses Sommers spurlos verschwinden sollte. Sie, Helen, Aoife, Mush, Joe und Aidan waren sechzehn, und mit der Katastrophe war ihre Kindheit abrupt vorbei. „In diesen Tagen haben wir das erste Mal vor unseren Eltern geraucht“, erinnert sich Helen als Erwachsene. „Es war ihnen egal.“

Im Sommer 2018 trifft der überlebende Teil der Clique aus Kinlough, einem kleinen Touristenort an der Westküste Irlands, erstmals wieder aufeinander. Helen lebt inzwischen als Journalistin in Kanada und ist auf einer Hochzeit in der alten Heimat zu Gast, Joe hat als Popstar Weltruhm erlangt und plant eine Künstlerresidenz. Mush hat Kinlough als Einziger nie verlassen, steht im Laden seiner Mutter an der Kaffeemaschine. Als hätte Kala nur auf ihr Wiedersehen gewartet, stoßen ausgerechnet in diesen Tagen Bauarbeiter auf menschliche Überreste, und plötzlich herrscht zumindest in einem Punkt endgültige Gewissheit: Die Jugendliche wurde Opfer eines Verbrechens.

Dann torkeln sie heim und vermöbeln ihre Frauen

In seinem Romandebüt hakt der in Belgien lebende, aus Galway stammende Colin Walsh ein wenig pflichtschuldig die gängigen Topoi der irischen Literatur ab, von Kleinstadtdynamiken über Alkoholprobleme und Missbrauch bis zum Tabu unehelicher Schwangerschaften und Korruption in den Reihen der Gardaí – nicht jede Wendung in „Kala“ kommt dementsprechend unerwartet. Dem Autor scheint allerdings daran zu liegen, das sorgsam gepflegte Image des Landes mit seinen sprichwörtlichen Leichen im Keller zu konfrontieren. Im Pub zieht Helen über das für die Touristen bei Guinness und Fiddle heraufbeschworene Märchenirland her: „Wie sie in ihre Pints starren und die Stirn runzeln über irgendeine Klischeescheiße von den brutalen Briten, sich zur eigenen Unschuld gratulieren, ein paar billige Tränen vergießen, bevor sie heimtorkeln, um ihre Frauen zu vermöbeln.“

Colin Walsh: „Kala“. Roman.
Colin Walsh: „Kala“. Roman.Verlag

Walsh lässt seine Figuren aus drei verschiedenen Perspektiven die Geschehnisse des Sommers 2003 erinnern und bewerten. Im Kontrast zu Helen und Mush steht dabei Joe: Er ist längst emotional davon abhängig, sein Publikum mit seinen vor sentimentalen Plattitüden triefenden Songs für sich einzunehmen, und wird so zum unzuverlässigen Erzähler, der gerade durch seine manipulativen Verschleierungstaktiken viel über sich und seinen geschickt verborgenen Selbsthass preisgibt.

Diese Gefühlsausbrüche, die sich permanent verändernden Loyalitäten und Launen der Teenagerzeit sind es vor allem, die „Kala“ vom Kleinstadtkrimidurchschnitt abheben; die Melodramatik in jeder Geste, Colin Walshs Gespür für Schlüsselmomente, auf die er einen nostalgischen Filter legt, sodass man sie wie in Zeitlupe vor sich sieht: „Als wir später über die Coast Road zurückliefen, sah ich alles in dem Licht, das die Mädchen auf die Welt zurückwarfen“, erinnert sich Helen an den ersten Tag ihrer Freundschaft mit Kala und Aoife. „Es war, als hätte sich die ganze Welt aufgetan und auf eine neue Weise zusammengefunden, auch wenn sie genauso aussah wie zuvor.“

Im Gegensatz zu den säuberlich voneinander getrennten Erzählperspektiven fließen die Zeitebenen in „Kala“ unabhängig von Kapitelgrenzen in- und durcheinander. Spätestens als Mushs Zwillingsnichten verschwinden, scheint die Geschichte in einer Schleife festzuhängen, die Vergangenheit die Gegenwart heimzusuchen. Das Idealbild, das Helen, Mush und Joe von ihrer Freundin und dem Sommer vor ihrem Verschwinden kultivieren, kann dem Abgleich mit der Realität nicht standhalten. Kala, die im nach ihr benannten Roman selbst nie zu Wort kommt, bleibt eine Projektion, eine groß angelegte, wilde, phantastische Metapher über den Verlust der Jugend und der unschuldigen Annahme, dass in der Welt, in der wir leben, Gerechtigkeit eine feste Größe ist.

Colin Walsh: „Kala“. Roman. Aus dem Englischen von Andrea O’Brien. Gutkind Verlag, Berlin 2026. 512 S., geb., 24,– €.

Source: faz.net