Iran schlägt zurück: Warum gleichfalls die Golfstaaten unter Feuer stillstehen
Die reichen Monarchien sind es eigentlich gewohnt, sich aus der Ferne über die Kriege in der Region zu sorgen. Doch nach den amerikanischen und israelischen Angriffen auf Iran stehen sie nun selbst so stark wie noch nie unter Feuer des Teheraner Regimes. Laut Schätzungen mussten die Golfstaaten mehr Raketen und Drohnen abwehren als Israel – und das, obwohl sie nicht an den Luftangriffen gegen die Islamische Republik beteiligt sind.
In Saudi-Arabien wurde zuletzt die amerikanische Botschaft getroffen, außerdem eine Anlage des staatlichen Ölkonzerns Aramco. In Qatar musste der Betrieb an der weltweit größten Anlage für verflüssigtes Erdgas ausgesetzt werden. In den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden unter anderem Flughäfen und Hafenanlagen beschädigt, ein Luxushotel geriet in Brand. In Bahrain wurde der Stützpunkt der 5. amerikanischen Flotte getroffen.
Die Bilder des Krieges sind Gift für das Geschäftsmodell der Golfmonarchien, die sich als Hort der Stabilität präsentieren. Sie werben für sich als Standorte für Investitionen oder als Ziele für Touristen. Irans Blockade der Straße von Hormus schadet den öl- und gasreichen Volkswirtschaften, weil die Exporte durch die Meerenge abgewürgt werden. Unter dem Eindruck der iranischen Attacken rücken die arabischen Golfstaaten jetzt enger zusammen, auch wenn sie unterschiedliche Interessen verfolgen und verschiedene außenpolitische Ziele gegenüber Iran, den USA und Israel verfolgen. Ein Überblick:
Saudi-Arabien: Führungsmacht mit gemischten Gefühlen
Saudi-Arabien ist der wichtigste arabische Verbündete der Vereinigten Staaten. Kronprinz Muhammad bin Salman, der faktische Machthaber, unterhält enge Beziehungen zu Präsident Donald Trump und seinem Clan. Nur dem amerikanischen Wunsch, seine Beziehungen zu Israel zu normalisieren, kommt das Königreich nicht nach, weil es empört ist über die Politik der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern.
Mit dem schiitischen Regime in Teheran verbindet die sunnitische Führungsmacht Saudi-Arabien eine alte Rivalität, die in vielen Stellvertreterkonflikten in der Region ausgetragen wurde. Saudi-Arabien sieht Irans nukleare Ambitionen, sein Raketenprogramm und seine Schattenarmee getreuer arabischer Milizen als große Bedrohung an. Zugleich herrschte aber immer ein Stück weit Misstrauen, ob die USA ausreichend Schutz vor Attacken Irans oder seiner Vasallen bieten. Daher bemühte sich Riad zuletzt, seine Beziehungen zu Iran zu entspannen.
Die saudische Haltung gegenüber einem amerikanischen Militärschlag war ähnlich gespalten. Einerseits fürchtete das Königreich harte Vergeltungsschläge. Andererseits herrschte Sorge, ein ausbleibender amerikanischer Angriff könnte Iran ermutigen und stärken. Im Zuge der iranischen Raketenangriffe verschärft Saudi-Arabien jetzt den Ton gegenüber Teheran.
Vereinigte Arabische Emirate: Exponiertes Ziel Teherans
Die Vereinigten Arabischen Emirate scheinen ein bevorzugtes Ziel iranischer Angriffe zu sein. Für die Führung in Abu Dhabi ist der andauernde Raketenterror besonders schädlich, weil er dem Bild als beliebtes, sicheres und luxuriöses Reiseziel schadet. Außerdem will es Investitionen in Zukunftstechnologien anlocken, die das Land unabhängig von den Öl- und Gaseinnahmen machen sollen. Dafür braucht es ebenfalls Sicherheit, zumal sich die Emirate in diesen Bemühungen als Vorreiter am Golf sehen.
Staatschef Muhammad bin Zayed Al Nahyan versuchte, mit dem Besuch einer Mall ein Zeichen zu setzen, dass sich jeder in dem Land sicher fühlen könne. Am Dienstag teilte das Verteidigungsministerium jedoch mit, dass bei iranischen Angriffen drei Menschen getötet und fast 70 Menschen verletzt worden seien.
Die Emirate hat der Staatschef politisch klar gegen Iran positioniert. Sie haben im Zuge der „Abraham Accords“ 2020 ihre Beziehungen zu Israel normalisiert. Trotz aller Frustration über die brutale Kriegsführung im Gazastreifen und die aggressive Politik der israelischen Regierung hat die Führung in Abu Dhabi daran festgehalten.
Auch die Emirate verschärfen jetzt den Ton gegenüber Teheran und rücken enger mit ihren Nachbarn zusammen. Eine politische Fehde mit Saudi-Arabien, die vor dem Irankrieg ein bestimmendes Thema war, rückt in den Hintergrund.
Qatar: Erzürnter Vermittler
Das kleine, schwerreiche Qatar setzt sich energisch gegen die iranischen Luftangriffe zur Wehr. Das Militär schoss sogar zwei iranische Bomber ab. Auch politisch hat die Führung des Emirats den Kurs gegenüber dem Regime in Teheran verschärft.

Qatar hat zwar ein angespanntes Verhältnis zu Israel, ist aber zugleich ein enger Partner der USA, auf deren Schutz es angewiesen ist. Von der Trump-Regierung wird das Emirat als Vermittler geschätzt. Schon vom früheren Präsidenten Joe Biden war es in den Kreis der wichtigen Nicht-NATO-Verbündeten aufgenommen worden. Andererseits unterhält Qatar – anders als die allermeisten seiner Nachbarn – funktionierende Arbeitsbeziehungen zu Iran. Beide Länder beuten gemeinsam ein Gasfeld im Persischen Golf aus.
Doch Doha hat inzwischen erklärt, die iranischen Angriffe gefährdeten „die Grundlagen der Verständigung, auf denen die bilateralen Beziehungen zwischen beiden Ländern beruhen“. Der Sprecher des Außenministeriums sagte dem Sender CNN, Iran müsse „einen Preis bezahlen“.
Bahrain: Besonders verwundbar für iranische Aggression
Das kleine Inselkönigreich Bahrain ist ganz besonders auf den Schutz seiner mächtigen Bruderstaaten und der USA angewiesen. Hier liegt das Hauptquartier der 5. amerikanischen Flotte, das schon Ziel eines iranischen Angriffs war. Bahrain wird außerdem als eine Art Vasall des benachbarten Saudi-Arabiens beschrieben. Die Führung in der Hauptstadt Manama hat sich den „Abraham Accords“ angeschlossen und damit klar Flagge gegen Iran gezeigt.
Die Bedrohung durch das Regime in Teheran hat in Bahrain auch eine starke innenpolitische Komponente. Das Herrscherhaus ist sunnitisch, die Mehrheit der Bevölkerung ist schiitisch. Teheran hat die Frustration der Schiiten über Diskriminierung und den autoritären Herrschaftsstil der Führung immer wieder als Hebel für politische Wühlarbeit genutzt. So wurde Bahrain von Diplomaten als eine Art Briefkasten beschrieben, in dem Saudi-Arabien, der mächtige Patron, und Iran Botschaften austauschten.

Kuwait: Ein alter eigensinniger Partner der USA
Die enge Partnerschaft und Sicherheitskooperation Kuwaits mit den Vereinigten Staaten liegt nicht zuletzt daran, dass Washington das reiche Land 1991 von der Besatzung durch das irakische Regime von Saddam Hussein befreite. Kuwait gilt als eine wichtige Drehscheibe für amerikanische Militäroperationen in der Region. Dabei gibt es auch außenpolitische Themen, in denen die USA und das Emirat weit auseinanderliegen.
Kuwait betreibt eine ablehnende Politik gegenüber Israel und positioniert sich als Verfechter der palästinensischen Sache: Das Emirat verfolgt eine konsequente Linie der Nichtnormalisierung, verbietet ausdrücklich die Einreise von israelischen Passinhabern und hat Handel mit Israel unter Strafe gestellt. Gegenüber Iran bemühte sich die kuwaitische Führung um stabile, funktionierende Beziehungen. Nach den iranischen Raketenangriffen auf die Golfstaaten hat das Emirat das Teheraner Regime scharf verurteilt und sich mit seinen arabischen Bruderstaaten solidarisiert.
Oman: Beharrlicher Verfechter der Diplomatie
Die omanische Führung stach unter den arabischen Golfstaaten vor allem durch eine Sache heraus: Außenminister Badr al-Busaidi äußerte Kritik an den amerikanisch-israelischen Angriffen gegen Iran. „Ich bin bestürzt“, schrieb er auf der Plattform X. „Aktive und ernsthafte Verhandlungen wurden abermals untergraben.“
An die Adresse der USA hieß es weiter: „Dies ist nicht euer Krieg.“ Daraus sprach der Frust einer Führung, die sich als Vermittler zwischen Teheran und Washington für eine diplomatische Lösung engagiert hatte. Oman hatte immer eine neutrale und moderierende Außenpolitik betrieben, auch gegenüber Iran. Trotzdem ist das Land unter iranisches Feuer geraten.
Teheran griff den Handelshafen von Duqm mit Drohnen an. Zugleich wurde ein Öltanker im Golf von Oman attackiert. Die Führung in der Hauptstadt Maskat verurteilte den Angriff scharf, zeigte sich aber trotzdem gewillt, eine Verhandlungslösung zu unterstützen. Außenminister al-Busaidi sagte: „Die Tür zur Diplomatie bleibt offen.“
Source: faz.net