Theater | Die Fassade bröckelt: Corinna Harfouch in „Spirit and the Dust“ am Deutschen Theater
Am DT Berlin bringt Anna Bergmann erneut ein Stück von Noah Haidle zur Uraufführung. Corinna Harfouch verkörpert eine Mutter, die sich durch Schuld, Schmerz und eine Frage kämpft: Wie macht man nach dem Verlust des eigenen Kindes weiter?
Hope (Corinna Harfouch; rechts) und ihre Nachbarin Donna (Abak Safaei-Rad; links) verarbeiten ihr geteiltes Trauma in einem gemeinsamen Ritual: die Spielzeuge ihrer verstorbenen Kinder spenden
Foto: Eike Walkenhorst
Ein Zuhause ist ein sicherer Ort und zugleich ein Gefängnis. Zumindest für die Immobilienmaklerin Hope (Corinna Harfouch), die ihre Immobilien mit witzelnd-tänzelndem Geschick und stets einem poetischen Spruch an Interessenten bringt: „Einen Schlüssel, um die Welt draußen fernzuhalten“. Doch an ihrem überspitzten Lächeln haftet ein seelischer Schmerz.
Ihre Tochter ist im hauseigenen Gartenpool ertrunken, ebenso das befreundete Nachbarskind. Ein Unfall, der einem unglücklichen Zufall geschuldet ist. Verzweifelt versucht Hope, ihre heile Immobilienwelt aufrechtzuerhalten, und greift dabei zu ihrer Gabe, das Leid anderer Menschen zu lesen und ihnen Hoffnung mitzugeben – doch die Fassade bröckelt.
Spirit and the Dust ist der dritte Text des US-amerikanischen Dramatikers Noah Haidle, den die Regisseurin Anna Bergmann uraufführt. Haidle ist bekannt für seinen „kitchen sink realism“. In seinen Werken zentriert er die innere Aushandlung seiner Figuren stets in den eigenen vier Wänden. Das greift die Bühnenbildnerin Kathrin Frosch in ihrer Arbeit auf, präsentiert zunächst eine moderne, stylisch-weiße Küchenzeile als Spielstätte von Hopes Zusammenbrüchen und spitzt dies mit einem Dreh hinter die Hausfassade durch düstere Bilder zu: eine riesige Micky-Maus-Spielzeugfigur, deren abgetrennter Kopf im Pool liegt.
Was davon ist meine Schuld? Eine Frage, die Noah Haidles Figuren teilen
Denn das Trauma ist untrennbar mit dem Haus verwoben: projizierte Wasserwogen des Pools, das Kinderzimmer, lebensechte Spielzeugfiguren – Erinnerungen, von denen sich Hope nicht trennen kann. Auch nicht von ihren selbst auferlegten Schuldgefühlen, derentwegen sie ihre Hand im Küchenhäcksler selbst verstümmelte. Dieser unerträgliche Schmerz wirkt nachdrücklich, ebenso die Frage, wie soll man mit diesem Schmerz weitermachen?
Was von diesem Leid ist meine Schuld? Eine Frage, die Haidles Figuren teilen, allesamt von Schicksalsschlägen gezeichnet. So auch Lee (Alexander Khuon), der zunächst seine Frau verlor und später noch seinen Sohn Will (Lenz Moretti) an die Alkoholsucht. Khuon zeichnet den ehemaligen Latein- und Griechischlehrer als traurig-liebevollen Nerd, der sich in seine Passion der Sprachen flüchtet.
Der gemeinsam geteilte Schmerz führt Lee und Hope zusammen und lässt sie eine aufgeweckte, recht kitschige Achterbahnfahrt der späten Liebe erleben, als videoinstallierte Reise durch Berlin. Doch ihrer Vergangenheit entkommen sie nie ganz.
Anna Bergmanns ironische Musicalnummern
Spirit and the Dust zeigt eine Welt, in der es keine Antworten auf das Leben gibt, in der Menschen stolpernd einen Weg durch schmerzenden Verlust suchen. Anna Bergmanns Inszenierung verarbeitet Hopes Schmerz durch Brüche, die von Corinna Harfouch zwischen wimmernd weinend und überspitzt lachend ausgehandelt werden. Aus Hopes Leidenschaft für MGM-Musicals inszeniert die Regisseurin für jede Figur ironische Musicalnummern mit Songs wie Put on a Happy Face oder Singing in the Rain. Es ist eine pinke Parallelwelt, in die sich Hope bei jedem Anzeichen von Schmerz reinträumt oder reintrinkt.
Die Überzeichnung veranschaulicht Hopes Umgang mit schmerzhaften Erinnerungen gut, erschwert beim Zuschauen jedoch einen Zugang zu ihrer Gefühlswelt und den Worten hinter ihrer Fassade. Etwa, wenn Hope über den Regenschirm ihrer Tochter ins Erinnern fällt und nahtlos in ihre Musicalwelt taucht.
So wird alles auf das Ende zugespitzt, in dem Hope wie eine griechische Göttin im nass-weißen Kleid, im Pool stehend, ihr Trauma konfrontiert. Nachdem man die gesamte Inszenierung über versucht hat, danach zu greifen, wirkt dieser eine Moment, an dem sie endlich ihr Inneres offenbart, sehr plötzlich und sehr kurz.
Spirit and the Dust Regie: Anna Bergmann Deutsches Theater, Berlin