Comeback dieser messerscharfen Sexyness
Der G-String ist das Modeaccessoire der Stunde. Und die Zeiten von überweiter Mode sind vorbei. Bei der lang erwarteten Gucci-Premiere kulminiert alles im Anblick von Kate Moss‘ verlängertem Rücken. Der dort sitzende, gut sichtbare Tanga passt perfekt in die Zeit.
Man muss den georgischen Designer Demna, der längst so groß ist, dass er sich erfolgreich seines Nachnamens Gvasalia entledigte, allein dafür bewundern, dass er dem größtmöglichen Erwartungsdruck so cool standgehalten hat.
Am 27. Februar zeigte er in Mailand seine erste Schau für Gucci, das ikonische Modehaus im Besitz des Kering-Konzerns. Der Umsatz von Gucci halbierte sich allerdings nach ästhetisch schmalen und geschäftlich fetten Jahren unter Alessandro Michele in den vergangenen vier Jahren fast – von 10,5 Milliarden Euro 2022 auf 6 Milliarden im Jahr 2025. Demnas Auftrag, klar: Gucci wieder sexy machen – für die Fashionwelt und für die zahlende Kundschaft. Man kann sagen, der Mann hat seinen Auftrag sehr, sehr wörtlich genommen.
War der Designer bisher dafür berühmt, ob bei Vetements oder Balenciaga, die Mode randvoll mit Zeitgeist und Streetstyle zu pumpen – was zu überweiten Hoodies, besonders fetten Logos und auch gern mal Zelt-großen Jacken führte. Bei Gucci, kann man sagen, ließ Demna die Luft raus. Und zwar komplett. Alles super knapp, super eng, super sexy. T-Shirts, die wie auf die Haut gesprayt sitzen, kurze Miniröcke, super schmale, tief sitzende Hosen, Bikerjacken, Kostüme und Leggings mit Cut-outs seitlich an den Hüften. Inszeniert wurde die Rückkehr zu einer messerscharf-strengen Sexyness in einem eigens dafür entworfenen, in Dunkelheit gehüllten und auf antik getrimmten Theater.
Auf dem megalangen Catwalk im gleißenden Licht sah man 83 Models, viele davon Stars wie Alex Consani, Amelia Grey, Vittoria Ceretti oder Anok Yai. Aber wie bei einer guten Inszenierung lief alles auf den einen Look und das eine Model zu, den Superstar des Abends, Nummer 83: Kate Moss.
Moss ist zuletzt vor genau 26 Jahren für Gucci gelaufen, in den goldenen Jahren von Tom Ford. Nun sah man sie in einem langärmeligen, hochgeschlossenen Kleid voll schwarzer Pailletten auf den langen Catwalk treten. Ein Kleid, das seine wahre Raffinesse erst im Vorbeigehen offenbarte; durch einen tiefen Rückenausschnitt, so tief, dass er den Blick auf ein winziges Kleidungsstück lenkte, das wie kaum ein anderes (neben den superschmalen Anzügen) für die Ära von eben Tom Ford steht: Es ist der Gucci-String, ein winziger Tanga mit dem ikonischen Gucci-Logo, wo sonst ein Stückchen Stoff zwischen den Pobacken sitzt. Ein von Ford entworfenes und immer mal wieder gezielt eingesetztes Accessoire, das Ende der 90er zum begehrten It-Piece wurde – gut passend zu tief sitzenden Hosen und dem damals angesagten „Arschgeweih“.
Feine Ironie nun, dass Kate Moss, mittlerweile 52, den ikonischen G-String mit dem Gucci-Logo aller Welt präsentierte, perfekt eingerahmt zwischen den zwei Schwalben, die ihr 2002 der Maler Lucian Freud auf den Steiß tätowierte. Es gilt bis heute als das wertvollste „Arschgeweih“ der Welt.
Auch wenn manche im – naturgemäß stets neidischen – Internet die fast schon übersexualisierte Kollektion als „billig“ oder gar „wie Zara“ beschimpften, scheinen Demna und die Shareholder von Gucci auch diesmal wieder seinem Gespür für den Zeitgeist zu vertrauen. Der Designer setzte etwa bei den Models und auch Gästen wie Demi Moore – anders als bei seinen vorherigen Stationen – fast ausschließlich auf Schönheiten im klassischen Sinne. Neben genannten Vorzeigemodels vor allem Typen wie Emily Ratajkowski, kein klassisches Laufstegmodel, sondern eine Frau, die immer schon auf sehr clevere Weise ihren Körper zu inszenieren und vermarkten wusste. „Emrata“, wie sie sich auf Instagram nennt, postete im Anschluss ein Foto von sich auf ihrem Account, sie von hinten, nackt, nur die feine, weiße Linie des G-Strings wie nach einem Sonnenbad auf der Haut.
Sein Wille sei es, Menschen zu zeigen „die ihren Körper und sich lieben“, wie Demna es nach der Show ausdrückte. Das passt perfekt in das Jahr 2026 – welches wieder viel näher an Tom Ford und dessen körperbetonten Hedonismus ist als in den Jogginghosen-liebenden Zeiten der späten 2010er und Covidjahre. Nur dass heute vermutlich (etwas) weniger Kokain genommen wird, dafür noch mehr ins Gym gerannt und Ozempic gespritzt (oder beides). Aber jeder will zeigen, was er sich antrainiert, abgehungert und abgespritzt hat.
Das erkennt man derzeit bei all den „Nude-Looks“, die nicht nur die roten Teppiche beherrschen. Man sieht es auch bei der Fashion Week in Mailand sogar bei einem italienischen Avantgarde-Label wie GCDS, benannt nach dem Gründer „Giuliano Calza Design Studio”, oft übersetzt aber mit „God Can’t Destroy Streetwear“. Doch selbst Streetwear muss im Jahr 2026 (Herbst- und Wintermode!) transparent und supersexy sein.
Die Welle der offensiv und im Fall von Gucci messerscharf inszenierten Lust am eigenen Körper bestätigt auch den Siegeszug einer Frau, die wie keine andere derzeit den Zeitgeist verkörpert und die Welle reitet: Sydney Sweeney.
Mit ihrer frisch auf den Markt gebrachten Unterwäsche-Marke „Syrn“ ist sie auf einem guten Weg, die nächste Celebrity-Business-Milliardärin nach Rihanna, Kim Kardashian und Kylie Jenner zu werden: In 26 Jahren wird sie vielleicht auch noch einmal einen ihrer G-Strings für eine besondere Schau anziehen – und die Modewelt eventuell sogar jubeln.
Source: welt.de