Neues Buch: Kermani erzählt vom Bröckeln jener Demokratie im Sommer 2024






Das Private wird politisch: In seinem neuen Roman „Sommer 24“ erweist sich Kermani einmal mehr als engagierter Chronist der Zeitgeschichte.

Der Sommer 2024 erscheint einerseits nah, andererseits schon wieder unendlich fern angesichts der enormen Beschleunigung unserer Zeit. Neben den Kriegen in Gaza, der Ukraine und im Sudan wurde jener Sommer von den Europawahlen bestimmt, bei denen die extreme Rechte stark zulegen konnte. In den Niederlanden kam sogar eine Regierung mit rechtsextremer Beteiligung an die Macht. In den USA herrschte Wahlkampf und Joe Biden vermasselte die Chancen der Demokraten durch einen misslungenen Fernsehauftritt. Später wurde er durch Kamala Harris ersetzt, die bald auch nur noch Geschichte sein sollte.



All diese geopolitischen Ereignisse, das Zerbröseln der Demokratie und die Krise des Liberalismus, spielen in Navid Kermanis neuem Buch „Sommer 24“ eine Rolle. Im Vordergrund allerdings stehen aufwühlende persönliche Begegnungen aus dieser Zeit. Das als Roman deklarierte Buch bewegt sich zwischen Fiktion und Bericht und verzichtet auf einen durchgehenden Handlungsstrang. Zweifellos ist der Ich-Erzähler weitgehend identisch mit dem Schriftsteller Kermani, zahlreiche biografische Details wie etwa seine Reisen in die Ukraine und nach Tigray sind verifizierbar, anderes erscheint verfremdet und fiktionalisiert. Auch die persönlichen Erlebnisse spiegeln die immerwährende Auseinandersetzung des Schriftstellers mit den drängenden politischen, religiösen und moralischen Fragen der Zeit wider.

Drei Begegnungen

Kermani schildert drei private Begegnungen dieses Sommers, die nicht direkt miteinander verbunden sind. Zunächst geht es um den Freitod des befreundeten Galeristen Rudolf. Am Abend vor Rudolfs lang geplantem Suizid besucht der Ich-Erzähler noch den bettlägerigen Freund. Wir erfahren, dass der Schriftsteller bereits vor einiger Zeit mit dem jüdischen Galeristen gebrochen hat, weil er dessen zusehends rechtsradikale Sympathien nicht mehr gutheißen konnte: „Unter meinen Bekannten steht Rudolf beispielhaft für die Abkehr vom Liberalismus, gerade was die Flüchtlingspolitik entspricht.“ Nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober verstärkte sich Rudolfs Islamhass weiter.


Auf der anderen Seite ist da der Jugendfreund Olaf, den er auf einer idyllischen Multikulti-Hochzeit in der Ägäis wiedertrifft. Auch er radikalisiert sich im Gazakrieg, allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Der überzeugte Linke, eigentlich ein eher sanfter, ausgleichender Typ, lässt sich zu antisemitischen Tiraden hinreißen. Den Ich-Erzähler befremdet und verstört die eine wie die andere Haltung.

Literatur und Verantwortung

Die dritte Begegnung berührt ein anderes hochpolitisches Thema, die MeToo-Debatte. Hat sich der Schriftsteller schuldig gemacht, indem er die Vergewaltigung einer jungen Frau einst als Romanstoff benutzte? Selbst wenn er die Tatsachen verfremdete? Hätte er sie um Erlaubnis fragen müssen? Die Frau befindet sich inzwischen in der Psychiatrie und hält ihm vor, sie durch den Roman noch einmal vergewaltigt zu haben. Er ist empört, sieht sich zu Unrecht verleumdet, hinterfragt aber doch auch seine Rolle als Schriftsteller.

Neben diesen Schlüsselerlebnissen, die moralische Fragen aufwerfen, werden noch zahlreiche andere Aspekte in diesem dünnen Buch angesprochen. Das reicht von der Infragestellung göttlicher Gerechtigkeit über die unzuverlässige Vaterrolle Thomas Manns bis zum Vorbildcharakter von Petra Kelly – eine Fülle von Themen, Rückverweisen und Anspielungen, die auf relativ wenig Raum nur lose verklammert sind. Damit ist „Sommer 24“ eine anregende, aber auch sperrige Lektüre. Eine stärkere Fokussierung hätte dem Buch gutgetan.

dpa

Source: stern.de