Ukrainer im Krieg: „Ich bin kein Verräter, allerdings wer will schon sterben?“
Valentyn Polianskyi (24) – Dichter, Schneider, Ex-Häftling
Nachdem seine Mutter früh gestorben war, wuchs Valentyn Polianskyi in der Region Cherson bei seiner Tante und Großmutter auf. Heute, mit 24 Jahren, sagt er, dass er sich seiner Leidenschaft fürs Nähen etwas schämte, weil er das eher für „eine Frauensache“ hielt. Nach seiner Schneiderlehre trat er der 36. Marinebrigade bei, wo er als Materialunteroffizier diente.
Zuvor hatte er ein Mädchen kennengelernt und sich innerhalb weniger Monate verlobt. „Wir waren noch ganz am Anfang unserer Beziehung“, sagt er. Als am 24. Februar 2022 die russische Invasion begann, war er in Mariupol im Stahlwerk Illich stationiert. Die Hafenstadt wurde schwer getroffen und belagert; Tausende Ukrainer starben, 90 Prozent der Stadt wurden zerstört.
Am 12. April 2022, als seine Einheit von ihrem Kommandeur den Befehl zur Kapitulation erhielt, um nicht ausgelöscht zu werden, erfuhr Polianskyi, dass seine Freundin schwanger war. Bald geriet er in russische Gefangenschaft, um die nächsten drei Jahre oft geschlagen zu werden.
„Manchmal fällt es mir leichter, gar nicht zu reden. Es ist sehr schwer, über die Gefangenschaft zu sprechen“, sagt er. Oft habe man stundenlang stehen müssen, sodass man danach „nicht einmal mehr die eine Stufe zur Toilette hochgehen konnte“. Als er zurückkam, hatte seine Verlobte ein zweieinhalbjähriges Kind. „Das war hart. Vor der Invasion waren wir uns näher; es war sehr romantisch. Heute ist alles viel distanzierter, und meine Tochter hat Schwierigkeiten zu verstehen, welchen Platz ich in ihrem Leben einnehme. Manchmal nennt sie mich ‚Papa‘, manchmal ‚Valentyn‘.“
Er leide unter Aggressionsgefühlen und finde in dieser Situation niemanden, „dem ich vertraue und der mir helfen könnte. Um damit klarzukommen, meide ich Alkohol, meditiere und schreibe meine Gedichte“. Zuweilen arbeitet Polianskyi für eine Organisation, die anderen entlassenen Kriegsgefangenen hilft. Doch aus dem einst sanftmütigen Schneider ist ein stahlharter Mann geworden, der eines Tages seinen Enkeln sagen werde, „dass die Russen Bastarde sind“.
Henadii Udovenko (53) – Bauarbeiter, Vater, Kommandant
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Henadii Udovenko renovierte gerade die Wohnung eines Regierungsbeamten, als er erfuhr, dass der Krieg begonnen hatte. „Ich habe entschieden, mich freiwillig zu melden, also fuhr ich mit der Metro zum Meldeamt für Wehrdienstleistende in Kiew“, erzählt er. „Ich war froh, dass ich nicht mein Auto genommen hatte, denn es gab dichte Staus, weil viele Leute die Stadt verlassen wollten.“
Vor dem Krieg besaß Udovenko eine kleine Baufirma, die Klempnerarbeiten und Elektroinstallationen erledigte. Er und seine Frau hatten zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. „Anfangs hatte ich Angst. Ich wusste nicht, wie ich mich im Kampf verhalten würde, und war gespannt, ob ich ein Feigling sei oder nicht. Man gewöhnt sich schrittweise an den Krieg.“
Udovenko, der sich vom einfachen Soldaten bis zum Kommandeur einer Einheit hochdiente, wurde 2023 verwundet und verlor ein Bein, wollte aber so schnell wie möglich an die Front zurückkehren. Auf die Frage nach dem Grund, zuckt er mit den Schultern: „Meine Familie brauchte mich weniger als die Männer an der Front. Ich konnte sie nicht einfach im Stich lassen.“
Wenn man seine Gestalt von der Hüfte abwärts sieht, wird die Kontur seiner Beinprothese erkennbar. „Meine Frau und ich sind uns seit der Invasion nähergekommen, besonders seit meiner Verletzung. Junge Männer haben es schwerer, denn junge Frauen finden, dass der Krieg viel zu lange dauert. Sie sind völlig frustriert und streiten mit ihren Männern. Die Invasion hat aus einfachen Kerlen Krieger gemacht, was sich auf die Familien auswirkt und sie spaltet“, sagt Udovenko. „Als Soldaten funktionieren Männer anders. Man ist in einer eingeschworenen Gruppe und kennt sich in- und auswendig. Im Krieg geht das so schnell.“
Denys Quebec (29) – Boxer, Scharfschütze, Militärausbilder
„Es gab keinen Laut. Nur die Explosion. Ich spürte den Schmerz in meiner linken Hand und konnte Metall schmecken“, sagt Denys Quebec über den Tag im Jahr 2017, an dem ihm zwei Finger durch Granatsplitter abgetrennt wurden. „Amputationen sind etwas, vor dem man in ständiger Angst lebt – man überlegt manchmal, welchen Körperteil man lieber verlieren würde. Ich war Boxer und liebte den Sport, deshalb wollte ich nichts von mir verlieren. Aber wir hatten in meiner Einheit an der Front viele verletzte Kameraden und sprachen darüber, wie sich das anfühlt. Es ging alles wahnsinnig schnell, und ich dachte nur noch: ‚Wie soll ich das bloß meiner Mutter beibringen?‘“
Quebec trat 2014 mit 18 Jahren in die Armee ein, genau zu dem Zeitpunkt, als Russland die Krim annektierte und sich damit die russisch-ukrainische Krise verschärfte, sodass es im Osten zu heftigen Kämpfen kam. Quebec befürchtete, seine Verwundung würde die Militärkarriere beenden. „Mein Kommandant rief die Ärzte an und sagte: ‚Rettet seine Hand!‘ Sonst hätten sie die wohl komplett amputiert. Niemand von uns hat damit gerechnet, dass wir zurückkehren, wenn wir in einen solchen Krieg ziehen. Aber ich war voller Vorfreude, denn dieser Feind war unser Feind.“
Als er zur Armee ging, so Quebec, habe er tief in seiner Seele gespürt, dass er dazugehöre. „Wir sind eine Familie, die mehr ist als Blutsverwandtschaft.“ Er habe seit 2022 etwa 40 Freunde verloren.“ Quebec wollte schon immer Soldat werden. „Mit acht Jahren bat ich meine Mutter auf dem Markt, mir eine Tarnhose zu kaufen. Ich spielte ständig Kriegsspiele und bereitete mich vor“, erzählt er. „Wir wurden zu schnell erwachsen, aber ich fühle mich nicht um meine Jugend betrogen; es war unvermeidlich. Für alle Altersgruppen schafft der Krieg Gemeinsamkeiten unter Männern.“
Es sei derzeit unmöglich, an eine Zukunft zu denken, an eine Frau oder Kinder. Vielen Paaren geht es jetzt viel schlechter.“ Man könne 100 oder 200 Tage an der Front sein, bekomme aber nur etwa 15 Tage Urlaub im Jahr, um die Familie zu sehen. „Es ist sehr traurig, aber Krieg ist sehr traurig. Er klopft nicht an die Tür, er bricht einfach herein.“
Masi Nayyem (41) – Flüchtling, Anwalt, Soldat
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Masi Nayyem, ein afghanisch-ukrainischer Anwalt, war gerade mit seiner neuen Freundin verabredet und versicherte ihr, dass es keinen Krieg geben würde, als sein Handy eine Benachrichtigung anzeigte. Als Reservist – er hatte 2016 als Fallschirmjäger im Donbas gedient – wurde er einberufen. Zwei Tage später begann die Invasion.
„Am Tag des Einmarsches ging ich nach Hause, trank etwas Wein, nahm dann am nächsten Tag meine Waffe und ging zum Armeebüro. Es war leicht, weil auch Freunde in den Krieg zogen. Ich habe nie daran gedacht, die Ukraine zu verlassen, und dachte, es ist Zeit, ein Mann zu sein, jetzt kannst du zeigen, wer du bist.“ Im Krieg habe er sehr bald festgestellt, dass man seinen Kameraden mehr vertraut als seiner Freundin oder seinen Eltern.
„Als ich an der Front war, fragte ich mich: ‚Habe ich Angst?‘ Ich dachte: Wenn ich verwundet werde, dann bitte nicht meine Beine, ich gehe so gern mit meinem Hund spazieren. Am Ende verlor ich ein Auge und einen Teil meines Gehirns. Es war die Explosion einer Mine. Ich wachte im Krankenhaus auf und sah meinen Bruder. Er sagte mir, ich hätte mein Auge verloren, und ich sagte: ‚Okay, jetzt darf ich mein Auto wie ein Idiot parken.‘“
Nayyem wurde in Afghanistan geboren. Als seine Mutter zehn Tage nach der Geburt an einer Infektion starb, weil die afghanischen Behörden das nächste Krankenhaus als „nur für Soldaten“ bezeichneten, floh sein Vater aus dem Land. Zuerst nach Russland, dann, als Nayyem sechs Jahre alt war, in die Ukraine, wo sie als Flüchtlinge mit 300 Dollar und einem Karton chinesischer Regenschirme ankamen, die sie verkaufen wollten.
Heute setzt er sich als Mitbegründer des Rechtshilfezentrums Pryncyp für Hunderttausende von verwundeten ukrainischen Soldaten ein und wirbt bei der Regierung für eine Veteranenpolitik. „Die Zivilgesellschaft sollte ihnen zuhören, wenn sie über ihre Probleme reden“, sagt er. „Es ist schwer für Veteranen, Menschen zu finden, die sie verstehen. Psychologen sind ebenfalls schwer zu finden, und noch schwerer ist es, bei einem unterzukommen, mit dem man gut auskommt.“
Im Krieg würden persönliche Beziehungen Schaden nehmen, denn man brauche die Freiheit, um ein guter Soldat zu sein. „Ukrainische Frauen sind verständnisvoll, aber man kann nicht alles erklären.“
Alex (35) – Videoproduzent, DJ, Soldat
Alex spricht offen über seine Angst vor einem Fronteinsatz: „Ich bin kein Verräter, aber wer will schon sterben?“ In den Monaten nach der Invasion meldeten sich einige von Alex’ Freunden zum Militär, doch er war anderweitig beschäftigt: Er half in einer Suppenküche für Zivilisten und betrieb einen Musikclub.
Im Juni 2022 verließ er Kiew, um auf einer dreitägigen Party in Odessa als DJ aufzulegen. Auf der Rückfahrt schlief er im Bus, als dieser von Soldaten angehalten wurde. „Sie zerrten mich aus dem Fahrzeug und sagten: ‚Du bist jetzt beim Militär.‘“ Als er jung war, habe er alles Militärische und den damit verbundenen „ganzen Macho-Kram“ wirklich als beängstigend empfunden. „Inzwischen hat mich die Armee verändert und mir Selbstvertrauen gegeben. Früher habe ich ständig an mir selbst gezweifelt. Beim Militär heißt es: ‚Entweder man entscheidet sich oder man bricht zusammen‘. So habe ich gelernt, zu meinen Entscheidungen zu stehen und meine Position zu verteidigen.“
Seine Beziehungen zum anderen Geschlecht hätten sich ebenfalls verändert. Mit jedem weiteren Kriegsjahr steige der Stress bei den Männern immer weiter an. „Frauen können nach draußen gehen, ihr Leben leben, sich frei bewegen. Männer hingegen haben zunehmend Angst, ihr Haus zu verlassen. Manche verschließen sich völlig, wenn sie von der Front zurückgekehrt sind.“
Wenn man Frauen lange nicht sehe, beginne man, sie anders wertzuschätzen. „Man möchte ihre Stimme hören, diese weibliche Präsenz spüren. Es spielt keine Rolle, wer es ist, eine Freundin oder eine Bekannte. Man braucht einfach diese Energie. Und man beginnt, Schönheit auf eine Weise wahrzunehmen, die einem vorher verborgen geblieben ist.“