Amerikas Angriff – und die Angst vor dem Terror zuhause
Infolge des Kriegs im Iran wächst in Amerika die Sorge vor Anschlägen. Allein am Sonntag kam es in den USA und Kanada zu zwei Taten, die mutmaßlich islamistisch motiviert waren. Politiker sind in Alarmbereitschaft – Grenzschutz, Polizei und Überwachungsbehörden rüsten auf.
An der 6th Street in Zentrum von Austin reiht sich eine Bar an die andere. Wenn es dunkel wird in Texas, dann gehen hier die Leuchtreklamen an, die Straßen werden mit ihren Clubs, Livemusik-Bühnen und Rodeo-Wettbewerben zum Ausgehzentrum der Tech-Metropole im Süden der USA. So auch am Sonntagabend.
Gegen 2 Uhr nachts zerfetzen plötzlich Schüsse die Luft. Bilder von Überwachungskameras zeigen einen Mann in Camouflage-Hose und grauem Hoodie, der ein Maschinengewehr bei sich trägt. Laut Polizei eröffnet der Mann zunächst aus einem Auto heraus das Feuer in die Menschenmenge vor dem Buford’s Backyard Beer Garden. Da in der Gegend nachts starke Polizeipräsenz herrscht, können die Behörden schnell eingreifen und wohl Schlimmeres verhindern. Zwei Todesopfer und 14 Verletzte, darunter drei Schwerverletzte, nennt der Polizeibericht. Der Schütze selbst stirbt durch Schüsse der Einsatzkräfte.
Außerhalb der USA finden die Geschehnisse zunächst wenig Beachtung. Ein weiterer, tragischer Vorfall in einem Land, dessen Einwohner verrückt nach Handfeuerwaffen sind – so scheint es zunächst. Bereits 58 sogenannte mass shootings – Vorfälle, bei denen durch Schusswaffen mindestens vier Menschen verletzt wurden oder starben – zählt die NGO Gun Violence Archive seit Beginn dieses Jahres.
Erst im Verlauf des Montags wird zunehmend klarer: Die Schüsse des mutmaßlichen Täters stehen wohl im Zusammenhang mit dem amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran. Vieles deutet darauf hin, dass es sich um einen islamistisch motivierten Angriff handelt. US-Medien berufen sich dabei auf Quellen in den Strafverfolgungsbehörden. Mittlerweile ermittelt nicht mehr die lokale Polizei, sondern die Bundesbehörde FBI. Alex Doran, der leitende Ermittler in der Sache, sagt, es sei naheliegend, dass es sich um einen Terroranschlag handele. Genau das sei nun das Ziel der Ermittlungen.
Das US-Heimatschutzministerium unterdessen warnt angesichts der anhaltenden Angriffe im Iran vor möglichen Einzeltätern und Cyberangriffen. „Obwohl ein groß angelegter physischer Angriff unwahrscheinlich ist, stellen der Iran und seine Verbündeten wahrscheinlich eine anhaltende Bedrohung durch gezielte Angriffe im Inland dar und werden mit ziemlicher Sicherheit Vergeltungsmaßnahmen – oder Aufrufe zum Handeln – verschärfen“, heißt es laut TV-Sender ABC News in einem Bericht. „Kurzfristig befürchten wir vor allem, dass irannahe Hacktivisten kleinere Cyberangriffe gegen US-Netzwerke durchführen werden, wie etwa Website-Manipulationen und DDoS-Angriffe“, so die Beamten in dem Bericht.
Zwar sei die Gefahr von Terroranschlägen in den USA bislang überschaubar gewesen. Doch die jüngsten Entwicklungen im Iran könnten „einige in den USA ansässige gewalttätige Extremisten oder Täter von Hassverbrechen dazu veranlassen, Ziele anzugreifen, die als jüdisch, proisraelisch oder mit der US-Regierung oder dem US-Militär verbunden wahrgenommen werden“, schreiben die Behörden.
New York City besonders gefährdet
„Die aktuelle Bedrohungslage in den Vereinigten Staaten und weltweit ist sehr gefährlich“, zitiert ABC Derek Mayer, einen ehemaligen Mitarbeiter des Secret Services. Schulen, Kirchen, Flughäfen beispielsweise seien nun unter besonderer Beobachtung. Nicht nur die physische Präsenz von Sicherheitskräften, sondern auch die nachrichtendienstliche Überwachung werde weiter hochgefahren, so Mayer. Das deckt sich mit Äußerung von Heimatschutzministerin Kristi Noem und FBI-Direktor Kash Patel, der am Sonntag die Behörden angewiesen hat, in höchster Alarmbereitschaft zu sein und „alle benötigten Sicherheitsressourcen zu mobilisieren“.
Auch im Nachbarland Kanada ist die Lage angespannt. Nur wenige Stunden nach der Bekanntgabe des Todes von Ali Khamenei fielen in der Stadt Richmond Hill, im Bundesstaat Ontario, Schüsse auf ein Boxstudio, das von dem iranisch-kanadischen Dissidenten und Cruisergewichts-Champion Salar Gholami betrieben wird. Ein von Gholami geteiltes Video auf Instagram zeigt mehrere Einschusslöcher in den Fenstern des Saliwan Boxing Clubs. Der Boxer hatte Flaggen und Bilder iranischen Befreiungsbewegung an der Fassade angebracht.
Bemerkbar macht sich die erhöhte Sicherheitsstufe nun besonders in New York, wo die Polizeipräsenz vor Synagogen, der israelischen Botschaft und rund um das UN-Geländer erhöht wurde. New York ist die Stadt mit der weltweit größten jüdischen Bevölkerung noch vor Tel Aviv. Man stelle sicher, „dass wir jeder Bedrohung, die hier in unserer Stadt entstehen könnte, einen Schritt voraus sind“, so die stellvertretende Polizeikommissarin Rebecca Weiner. Vor Vergeltungsmaßnahmen von Einzeltätern warnt Gouverneurin von Katie Hochul. Da New York City „ein sehr verwundbares Ziel“ sei, müsse man in höchster Alarmbereitschaft sein.
Zohran Mamdani unterdessen, New Yorks Bürgermeister, hatte den Angriff auf den Iran zunächst deutlich kritisiert und sprach von einer „katastrophalen Eskalation in einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“. Der selbsterklärte Sozialist war in der Vergangenheit immer wieder durch scharfe Rhetorik gegenüber Israel aufgefallen. Eine klare Distanzierung von der Terrororganisation Hamas, die durch das Mullah-Regime im Iran mitfinanziert wurde, vermied Mamdani hingegen. Am Sonntag bestätigte auch er, dass die Sicherheitsmaßnahmen in der Stadt hochgefahren werden – und wandte sich dann direkt an die iranisch-stämmige Bevölkerung New Yorks. „Sie sind ein fester Bestandteil dieser Stadt“, schrieb er. „Sie werden hier sicher sein“.
Derweil wird auch in Texas die Polizeipräsenz erhöht und Kontrollen abermals verschärft. Gouverneur Gregg Abbott warnte, der Staat werde entschieden gegen jeden vorgehen, der „den aktuellen Konflikt im Nahen Osten nutzt, um Texaner zu bedrohen“. Zudem ordnete er an, dass das Militär Patrouillen zum Schutz von Gemeinden und kritischer Infrastruktur, darunter Energieanlagen und Häfen, aktivieren solle.
Dabei geht es neben der Überwachung von Einreisenden vor allem um potenzielle Attentäter im Inland, die sich radikalisieren. So wie offenbar Ndiaga D., der mutmaßliche Täter von Austin. Medienberichten zufolge soll D. aus dem Senegal stammen und trug am Sonntag einen Hoodie mit der Inschrift „Property of Allah“ (Eigentum Allahs).
Laut dem Boulevardblatt „New York Post“ hat der 53-Jährige zeitweise in New York gelebt. Die „Washington Post“ indes berichtet, dass D. im Jahr 2000 mit einem Touristen-Visum in die USA kam, 2006 durch die Heirat mit einer Staatsbürgerin eine Aufenthaltsgenehmigung bekam und 2013 eingebürgert wurde. Laut „Post“ wurde D. in der Vergangenheit mehrfach verhaftet und soll bei den Behörden als psychisch auffällig registriert gewesen sein.
Weniger als eine Minute, nachdem die ersten Schüsse gefallen waren, wurde D. von der Polizei getötet. Den Behörden zufolge soll er bei der Tat am Sonntag unter dem Pullover ein T-Shirt mit der iranischen Flagge getragen haben. Laut dem Sender CBS durchsuchten Beamte die Wohnung von D. und fanden dort eine iranische Flagge sowie Bilder des am Sonntag getöteten iranischen Mullah-Oberhauptes Ali Khamenei.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.
Source: welt.de