Neue Ideen von welcher Bafin: Der oberste deutsche Aufseher will die Regeln pro kleine Banken vereinfachen

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.“ Das mehr als 400 Jahre alte Adventslied gehört zu den Klassikern in deutschen Kirchen. An diesem zweiten Sonntag im Advent sitzt Nikolas Speer in der Kirche St. Antonius im Schatten der Banktürme im Frankfurter Westend und spielt es auf der Violine, als Mitglied eines Streichquartetts. „Die Musik ist ein guter Ausgleich zur Arbeit“, sagt Speer im Gespräch mit der F.A.Z. „Seele, Psyche und Geist sind wichtig, sie stärken die menschliche Resilienz.“

Mit Stress umzugehen, war schon immer Teil von Speers beruflichen Aufgaben. Er musste Kreditrisiken von Banken einschätzen, abwägen, absichern. Nach seinem Studium zum Wirtschaftsingenieur an der Universität Karlsruhe (TH) und einer ersten Station bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman arbeitete Speer vierzehn Jahre für die auch nach der Finanzkrise immer wieder zurückgeworfene Commerzbank, erst im Kreditrisikocontrolling, dann an der Konzernstrategie. 2018 wechselte er nach Düsseldorf zur Privatbank HSBC Trinkaus. Dort stieg Speer, dessen Familie englisch-australische Wurzeln hat und nichts mit der Architektenfamilie Speer zu tun hat, 2021 zum für die Risikokon­trolle zuständigen Vorstand auf.

Erst Bank, dann Sabbatical, dann Bafin

Den 50. Geburtstag im Jahr 2023 nutzt Speer zum Innehalten. HSBC konzen­trierte das Europa-Geschäft in der französischen Hauptstadt. „Ich hätte für HSBC in Paris weitermachen können. Aber ich habe beschlossen, eine Zäsur zu machen. Ein Stück zurücktreten, Kräfte sammeln und mir Gedanken machen, wie es für mich weitergehen soll.“ Speer legte ein Sabbatical ein. Während des Musizierens, des Fahrradfahrens und Volleyballspielens lud er den Akku auf und wog Optionen ab. Er kam mit dem Bundesfinanzministerium und Bafin-Chef Mark Branson ins Gespräch und heuerte am 1. April 2025 als oberster deutscher Bankenaufseher an.

So reflektiert wie Speer über seine privaten Entscheidungen spricht, so wirkt er auch in seiner neuen beruflichen Rolle. Anders als sein Vorgänger Raimund Rö­seler, dessen rheinisches Gemüt zuweilen durchschlug, ist Speer ein ruhiger, fast bedächtiger Gesprächspartner. Er schlägt leise, aber deutliche Töne an. „Es ist mein Anliegen, die Regeln für kleinere Banken zu vereinfachen. Sie sollen nicht alle Vorschriften erfüllen müssen, die unter Basel III für Großbanken eingeführt wurden.“ Aus persönlicher Überzeugung greift Speer damit Wehklagen der Sparkassen- und Volksbanken-Gruppe auf. Dort hatten viele schon resigniert angesichts der gefühlten Überforderung durch die Aufsicht. Mancher Zusammenschluss unter Kreditinstituten wurde mit zu hohen Melde- und Prüfungsanforderungen begründet, die für kleine Sparkassen und Banken nicht zu stemmen seien.

Speer kennt beide Welten. Er erinnert sich an seine Zeit bei HSBC und stellt fest, dass die Datenlage eigentlich fast nie reiche, um einen Kredit zu vergeben, wenn man denn hundertprozentig sicher sein wolle, dass man den Kredit auch zurückbekomme. In der Rolle des Bankaufsehers müsse er nun zugeben, dass er nicht jede Bankeninsolvenz werde verhindern können – und gewiss nicht mit Prüfungen nach standardisierten Checklisten. Wichtiger als mehr Datenlieferungen wären ihm aktuellere und schnellere Datenlieferungen etwa im Kreditgeschäft.

Deregulierung unter Bafin- und EZB-Mitarbeitern umstritten

Speer signalisiert die Bereitschaft der Bankenaufsicht, Komplexität zu verringern und miteinander nicht konsistente oder überlappende Regeln wie das Millionenkreditmeldewesen abzuschaffen. Doch damit das Finanzsystem keine Abstriche bei der Sicherheit erfährt, nimmt er im Gegenzug die Institutsleitung und die Jahresabschlussprüfer in die Pflicht. „Wenn wir die Regulierungsdichte für viele kleine Banken zurücknehmen und uns als Aufsicht stärker auf Problemfälle konzentrieren, dann bedeutet das auch: Die Geschäftsführung und die Wirtschaftsprüfer müssen wieder mehr selbst einschätzen, welche Risiken wie wichtig für die Bank sind.“ Dieser Prozess, da macht er sich keine Illusionen, wird dauern. Offenbar haben sich manche daran gewöhnt, dass ihnen die Aufsicht die operative Arbeit ein Stück weit abnimmt.

Unter den Bafin-Mitarbeitern ist der Anti-Komplexitäts-Kurs nicht unumstritten, wittern sie doch ausgehend von den Vereinigten Staaten einen Trend zur allgemeinen Deregulierung. Aus der Europäischen Zentralbank, die für die europäische Aufsicht der Großbanken hauptverantwortlich ist, wurden schon kritische Briefe der Belegschaft an die Führung bekannt. Auch in der EU rennt Speer keine offenen Türen ein, gibt es dort doch in vielen Ländern mit nur wenigen Großbanken große Skepsis gegenüber dem kleinteiligen deutschen Bankensystem aus gut 600 VR-Banken, 300 Sparkassen und 300 privaten Banken.

Schieflagen bei Volksbanken und Raiffeisenbanken

Speer nennt diesen deutschen Markt „heterogen und diversifiziert“. Auffällig waren zuletzt einige Stützungs- und Sanierungsfälle in der Gruppe der Volksbanken und Raiffeisenbanken mit hohen Schadensfällen, die der Reputation des gesamten deutschen Bankenmarktes nicht guttaten. Die irrlichternde Expansion der VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden etwa nahm auch die Bankenaufsicht von außen betrachtet zu lange hin. Und es gibt weitere Fälle, in Dortmund-West, Düsseldorf-Neuss und anderswo. „Zu einzelnen Fällen kann ich mich nicht äußern. Aber wir sind schon nah dran an den Instituten und werten die Daten auch systematischer aus als früher“, sagt Speer.

Eine niedrige bis mittlere zweistellige Zahl an Banken und Sparkassen in Deutschland stehe im intensiven Fokus der Aufsicht. Dann nehme die Aufsicht auch an Aufsichtsratssitzungen teil. Speer nennt als häufige Gemeinsamkeit, dass in Schieflage geratene Banken (zu schnell) stark gewachsen seien und sich aus ihrem Geschäftsgebiet entfernt oder neue Geschäftsfelder erschlossen hätten. „Dafür kann es durchaus Gründe geben, da schauen wir ganz genau hin.“

Gewerbeimmobilien in Bankbilanzen oft noch zu hoch bewertet

Einen besonderen Fokus legt Speer auch in diesem Jahr auf Gewerbeimmobilienkredite und die Bewertung der oft als Sicherheiten dienenden Büros und Shoppingcenter in den Bankbilanzen. Einige Kreditinstitute hätten auf die stark gestiegenen Zinsen – Speer spricht von einem „Zinsschock im Jahr 2022“ – noch nicht hinreichend reagiert, viele Gewerbeimmobilien stünden noch mit zu hohen Preisen in der Bilanz. Den Hinweis auf die Gewerbeimmobilien etwa der Volksbank Braunschweig Wolfsburg (Brawo), die rund 20 Prozent der Brawo-Bilanz ausmachen und deswegen zu den derzeit größten „Tuschelthemen“ in der VR-Bankengruppe gehören, lässt Speer auch unkommentiert.

Trotz der Schwierigkeiten einzelner VR-Banken ist Speer entschlossen, den politischen Prozess in Richtung „eines Kleinbankenregimes“ anzustoßen – auch wenn die aktuellen Schwierigkeiten von VR-Banken gewiss nicht helfen, Skeptiker von weniger Regulierung zu überzeugen. Sollte es europaweit damit nicht vorangehen, plant Speer allein für die Bafin, die Mindestanforderungen an das Kreditgeschäft (MaRisk) für 85 Prozent der Banken und nicht wie bisher für zehn Prozent der Banken wegen ihrer geringeren Betriebsgröße weniger komplex zu halten. Ihm geht es um weniger Gießkanne und mehr Fokus der Aufsicht auf die wirklich riskanten und für das Finanzsystem gefährlichen Banken.

Kein Zweifel, es braucht Mut, Dinge wegzulassen, schließlich können sie einem später auf den Fuß fallen. Dann würde Speer damit leben müssen, dass es an Warnungen nicht gefehlt hat. Aber er nimmt Bürokratieabbau ebenso ernst wie das Prinzip, dass kleinere Banken weniger komplexen Regeln unterliegen sollten als große („Proportionalität“). Das soll auch für künftige Stresstests gelten, mit denen Banken regelmäßig von Aufsehern auf ihre Krisenanfälligkeit getestet werden. Kleine Banken sollen dazu nach den Vorstellungen von Speer künftig weniger Daten liefern müssen als große, um ihren Arbeitsaufwand zu verringern.

Cyberrisiken im Fokus der Bafin

Den Bankaufsehern wird die Arbeit nicht ausgehen, wenn sie bei risikoarmen Kreditinstituten die Prüfungen reduzieren – zumal sich neue Risiken dynamisch entwickeln und neuer Aufmerksamkeit bedürfen, etwa die Gefahren von Hackerangriffen auf Banken. Diese Cyberrisiken will Speer zielgerichtet, aber insgesamt stärker in allen Banken in den Blick nehmen. Anders als manche Vorgänger klagt er nicht, dass seine Mitarbeiter womöglich im Wissen mit Verbrechern und Banken nicht mithalten und die Cyberrisiken nicht zuverlässig prüfen könnten. „Eindeutig nein“, schildert Speer darauf angesprochen seinen ihn sehr zufriedenstellenden Eindruck nach bald elf Monaten in der dem Bundesfinanzministerium unterstellten Behörde Bafin. „Wir haben sehr gute Mitarbeiter im Bereich IT-Risiken und sind aus meiner Sicht auf Augenhöhe. Ich halte die Bafin international für eine der führenden Aufsichts­behörden bei den Cyberrisiken, wir treiben die internationale Kooperation voran und entwickeln unseren eigenen Risikoradar weiter.“

Ein neues Gesetz namens Dora erlaubt es Bankenaufsehern inzwischen auch, die IT-Dienstleister der Banken zu prüfen. 19 Unternehmen – von SAP über Deutsche Telekom bis hin zu den amerikanischen Anbietern Microsoft, Google und Amazon Web Service – stehen auf der Liste in Europa, weil sie relevant für das Finanzsystem sind. An diesen Prüfungen wird die Bafin sich mit Beschäftigten beteiligen. Ähnlich wie für Banken werden seit November 2025 aus IT-Bankaufsehern verschiedener Länder bestehende Prüfungsmannschaften gebildet: ein Ensemble für Finanzstabilität, das keinen Fehlgriff auf der Klaviatur erlaubt.

Source: faz.net