Cem Özdemir: Er könnte Geschichte schreiben

Cem
Özdemirs Stimme ist ein kratziger Bass geworden in den letzten Wochen. In
Wahlkämpfern kommt das vor. Winfried Kretschmann musste Halsschmerzen
überwinden, wenn er sich abrackerte. Joschka Fischer hat sich fast heiser
gebrüllt, andererseits aber auch damit gescherzt: Er ringe nicht nur um Stimmen,
sondern um Stimme. Bei Özdemir wirkt es jetzt sogar so, als gehe er mit der
Stimme absichtlich runter in diese dunklen, rauchigen Tom-Waits-Bereiche, um damit
zu spielen, dass die Tiefe ihm Autorität verleiht.

Es
sind solche Details, die die Lage zeigen. Es läuft fulminant für den grünen
Spitzenkandidaten von Baden-Württemberg. Lange sah es aus, als könne er
wunderbar Geschichten erzählen, aber gegen die schönen Buchstaben standen die
harten Zahlen der Umfragen. In denen lag er deutlich hinten. Seit vergangener
Woche sagen die Zahlen aber: Das Rennen ist offen. Von
9 bis 14 Prozentpunkten Rückstand ist Özdemir jetzt nahezu auf Gleichstand mit
seinem Gegner von der CDU gelangt. Damit hat der Grüne das Kostbarste erzeugt,
das ein Wahlkämpfer herstellen kann: ein Gefühl von Dringlichkeit, den
Eindruck, dass da eine Aufholjagd gelingen kann, die ihn binnen der letzten
Tage des Wahlkampfs aus eher magerer Ausgangslage bis über die Ziellinie führt. In Baden-Württemberg sind auf einmal Zauber und Risiko einer Rarität zu
besichtigen: ein Kandidat mit Momentum.