Wie „Kidfluencer“ in Sozialen Medien ausgenutzt werden
Intime Momente im Leben von Minderjährigen: „Kidfluencer“-Kanäle zeigen alles – Geburt und Trotzphase, Kindergeburtstage und Kummer in der Pubertät. Ein lukratives Geschäft, vor allem für die Eltern.
Eine Mutter weckt ihre sechsjährige Tochter, filmt sie beim Aufwachen, Anziehen, Zähneputzen und Frühstücken. In einstudiert anmutender Erzählweise moderiert das Mädchen ihre sogenannte „Morgenroutine“: Welche Anziehsachen sie sich abends zurechtgelegt hat, warum sie so gerne Gurke mit Vollkornbrot isst, welche Frisur sie sich am liebsten von Mami flechten lässt.
Zum Abschluss lispelt sie vor der Schule beim Aussteigen aus dem Auto euphorisch in die Kamera: „Und jetzt geht’s ab zur school!“ Es sind Alltagsszenen von Kindern, die nicht privat mit der Familie, sondern mit hunderttausenden Followern geteilt werden. Das wirft Fragen auf, was die Wahrung von Kinderrechten betrifft.
Für Minderjährige im Filmgeschäft gibt es in Deutschland klare Vorgaben, um das Kindeswohl zu schützen. Dabei geht es hauptsächlich um Arbeitszeiten, die altersgemäß gestaffelt sind. Seit mindestens einem Jahrzehnt sind sogenannte „Kidfluencer“ zu Stars in den Sozialen Medien geworden. Im Gegensatz zu fiktiven Rollen in Filmproduktionen gewähren sie online intimste Einblicke in ihr reales Leben.
Kinderstars ohne Schutz der Persönlichkeit
Follower können dank täglich geposteten Videos an nahezu jedem Moment des Familienalltags teilnehmen – an einem Alltag von Kindern, die viel zu jung sind, um sich der Tragweite dieser Veröffentlichung bewusst zu sein. Die Persönlichkeitsrechte dieser Kinderstars – wenn man sie so nennen möchte -, sind bislang kaum geschützt. Soziale Medien sind eine Grauzone der Kinder-Vermarktung, bei der es um viel Geld geht – und wenig Verantwortungsgefühl der Erwachsenen.
Das sechsjährige Mädchen, dessen Leben seit fast zehn Jahren in allen Facetten auf Videos dokumentiert wurde, ist inzwischen fast 15 Jahre alt. Inzwischen postet die Jugendliche ihre Videos selbst auf allen Kanälen – ohne ihre Eltern. Und gehört damit nicht einmal zu den erfolgreichsten Stars unter den deutschen „Kidfluencern“. Auf YouTube wurde ihr Kanal immerhin 140.000 mal abonniert.
Noch immer ist es ein Geheimnis, welche Einnahmen solche Followerzahlen bringen. Die tatsächlichen Umsätze sind von vielen Parametern abhängig, darunter Produktplatzierung, Exklusivverträge oder individuelles Sponsoring. Doch schon ab 10.000 Followern kann ein einzelner Post bis zu 1.000 Euro einbringen.
Keine Privatsphäre dank eigenen Eltern
Das genügt für den Eindruck, dass Eltern minderjähriger Social Media-Stars die Wahrung der Kinderrechte vermutlich hinter wirtschaftlichen Interessen zurückstellen. Was geschieht mit Kindern, wenn sie irgendwann feststellen, dass sie lange bereits keine Privatsphäre mehr hatten, bevor sie dieses Wort überhaupt gehört oder verstanden haben?
Die Kinderrechtsaktivistin und Social Media-Expertin Sara Flieder aus Hamburg engagiert sich seit über drei Jahren für Kinderrechte im Internet. Sie beobachtet die Bloß- und Zurschaustellung schon kleinster Kinder mit großer Sorge. Die deutschen Influencer, die von ihren Eltern vermarktet werden, seien noch relativ jung. Deswegen gebe es hierzulande kaum welche, die sich dazu bislang öffentlich geäußert hätten.
In den USA, sagt Sara Flieder, sei es früher losgegangen. „Dort sagen einige inzwischen erwachsene „Kidfluencer“: Meine Kindheit wurde vermarktet!“ Ähnlich wie im Filmklassiker „Die Truman Show“ von 1998 habe deren komplette Kindheit vor den Augen der Öffentlichkeit stattgefunden. Die vielbeachtete Netflix-Dokuserie „Bad Influence“ hat in den USA 2025 verstörende Einblicke in diese Welt gewährt.
Die Kinderrechtsaktivistin Sara Flieder setzt sich seit Jahren für den Schutz unfreiwilliger „Kidfluencer“ ein
Kinderrechte in Sozialen Medien durchsetzen
Die NDR-Doku „Kinderschauspieler – Der Preis des Erfolgs“ zeigt, wie solche Darstellerinnen und Darsteller heute auf ihre frühen Filmkarrieren zurückblicken. Sie werden in Fußgängerzonen oder im Supermarkt erkannt. Doch auch die Tiefen dieser Prominenz teilen die Kinderstars . Selten gewinnen „Kidfluencer“ Preise damit, ihr gesamtes Leben preisgegeben zu haben.
Sara Flieder hat in Deutschland 2022 eine Petition gestartet, um Kinderrechte auch in Sozialen Medien durchzusetzen. Sie hat über 50.000 Unterschriften gesammelt und in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kinderhilfswerk ein Gutachten initiiert, in dem zum ersten Mal auch juristisch in diesem Zusammenhang vom Tatbestand der Kindeswohlgefährdung gesprochen wird.
Ende 2025 wurden Petition und Gutachten der Kinderkommission des Bundestages überreicht. Erstmals besteht berechtigte Hoffnung, dass Rechte der Kinderstars in Sozialen Medien auch gesetzlich geschützt werden. Dabei geht es um weit mehr als um Arbeitszeiten. „Gutverdiener“ in diesem weltweit erfolgreichen Social-Media-Segment stehen täglich mehrere Stunden vor der Kamera ihrer Eltern.
„Sexualisierte Darstellung“ von Kleinkindern
Selbst wenn sich Aufnahmen aus ihrem Alltag nicht wie Arbeit anfühlen, verstoßen sie zumindest in Deutschland gegen alle Regeln. Kinderarbeit ist laut Jugendarbeitsschutzgesetz grundsätzlich verboten und nur in Ausnahmefällen und nach Antragstellung erlaubt.
Mindestens ebenso schwer erträglich sind Inhalte, die auf den für Eltern monetär lukrativen Kanälen gepostet werden: „Ich habe Kinder gesehen“, schildert Sara Flieder, „die vielleicht anderthalb Jahre alt sind, breitbeinig im Badeanzug dasitzen und eine Salatgurke lecken. Das ist offensichtlich eine sexualisierte Darstellung.“
Für normale Betrachter unschuldig wirkende Kindervideos und -fotos würden zudem regelmäßig von der Pädophilen-Szene konsumiert und im Darknet in einen sexualisierten Zusammenhang gestellt. Problematisch seien Informationen selbst dann, wenn es um vermeintlich harmlose Familien-Kanäle gehe und die Kinder nicht zu erkennen seien.
Die meisten Infos gehören nicht ins Netz
Auch in solchen Fällen würden Eltern hinter dem Rücken ihrer Kinder deren Sorgen und Nöte teilen, kritisiert Sara Flieder: „Die Leute im Umfeld, Lehrerinnen und Mitschüler, wissen trotzdem, dass die Zwölfjährige jetzt ihre Periode bekommen hat. Oder dass das Grundschulkind gerade Probleme mit Mobbing in der Schule hat. Das sind alles Informationen, die auf gar keinen Fall ins Internet gehören.“
Was man tun könne, um das Modell der „Kidfluencer“ nicht weiter zu fördern? Richtig sei im Grunde Nichtstun: Nicht folgen, nicht liken, nicht kommentieren, rät Sara Flieder. Jeder Klick fördert ein Geschäftsmodell, das für die Protagonisten der Kanäle, die minderjährigen „Stars“ der Kidfluencer-Szene, mit noch gar nicht vollständig absehbaren Schäden verbunden ist.
Source: tagesschau.de