Nach Angriff gen Iran: Asien bangt ums Öl

Nach dem Angriff der USA und Israel auf Iran und dem Tod des Obersten Führers Ajatollah Ali Khamenei steigt in ganz Asien die Nervosität um die Ölversorgung. In der Straße von Hormus ist der Schiffsverkehr fast zum Erliegen gekommen. Mehr als 80 Prozent des Öls und des Flüssiggases, das durch dieses Nadelöhr der Weltwirtschaft fließt, geht in asiatische Länder. Allein rund 70 Prozent des Öls werden an die vier Länder Indien, China, Südkorea und Japan geliefert.

Der Ölpreis der Sorte Brent legte am Montagmorgen um bis zu 13 Prozent auf 82 Dollar je Fass zu. Insgesamt geht rund ein Fünftel der globalen Ölversorgung durch die Straße von Hormus. Sollte der Schiffsverkehr nicht bald wieder anlaufen, halten Beobachter einen Anstieg auf mehr als 100 Dollar je Fass für möglich. An den Finanzmärkten hält sich die Reaktion vorerst in Grenzen.

China größter Abnehmer von Irans Öl

Obwohl Irans Ölausfuhren fast vollständig nach China gehen, dürften die geopolitischen Auswirkungen im Vorfeld des geplanten China-Besuchs von US-Präsident Donald Trump für die Volksrepublik deutlich größer sein als die wirtschaftlichen. „Die Ölversorgung ist nicht gefährdet“, sagte Dan Wang, China-Direktor in der Denkfabrik Eurasia, der F.A.Z. China habe seit 2023 strategische Reserven für mehr als 120 Tage aufgebaut. Andere Schätzungen gehen von Reserven für 80 Tage aus. Insgesamt passieren rund zwei Fünftel der chinesischen Öleinfuhren die Straße von Hormuz.

„Das ist ein Risiko, auf das sich China vorbereitet hat“, sagte Max Zenglein, Ökonom für den Asien-Pazifik-Raum bei der Denkfabrik The Conference Board, der F.A.Z. „Die Auswirkungen auf den Ölpreis sind für Chinas Volkswirtschaft entscheidender als die direkten Öleinfuhren aus Iran.“

Das Land stand zuletzt für weniger als 15 Prozent des chinesischen Ölimports. Iran ist für die chinesische Ölversorgung damit dreimal so wichtig wie Venezuela, von wo China knapp fünf Prozent des Öls bezog. Dieses Öl könne aber auf dem Weltmarkt ersetzt werden, sagt Wang. Zenglein ergänzt, China werde sich in seiner langfristigen Strategie bestätigt fühlen. Peking traue den USA nicht und setze auf wirtschaftliche Unabhängigkeit und eine Elektrifizierung der Wirtschaft. Das senkt strukturell den Ölverbrauch.

Während der bilaterale Handel zwischen China und Iran mit umgerechnet rund 18 Milliarden Euro gering ist (China-Deutschland: rund 252 Milliarden Euro), fallen die Auswirkungen auf Chinas Exportmotor laut Wang mehr ins Gewicht. Höhere Transportkosten für Lieferungen nach Europa und Instabilität im Nahen Osten könnten die Nachfrage dämpfen. Der Hang-Seng-Index in Hongkong schloss gut 2 Prozent im Minus.

„Der bisherige Anstieg der Ölpreise erscheint für Asien verkraftbar“, schrieben Analysten der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley in einem Report am Montag, fügten aber hinzu: „Höhe und Dauer sind entscheidend.“ Die Region sei aufgrund ihrer hohen Importabhängigkeit stärker Preisschwankungen beim Öl ausgesetzt. „Jeder anhaltende Anstieg der Ölpreise um 10 US-Dollar pro Barrel wird das BIP-Wachstum Asiens direkt um 20–30 Basispunkte treffen.“

Indiens Reserven könnten rasch zur Neige gehen

In Indien, das rund die Hälfte seiner Ölimporte durch die Straße von Hormus bezieht, wird derweil nervös gerechnet, wie lange die Vorräte halten. 74 Tage, hatte Ölminister Hardeep Singh Puri Anfang Februar dem Parlament auf diese Frage gesagt. Allerdings sind darin auch die Bestände in den Raffinerien eingerechnet. Blickt man allein auf die strategischen Ölreserven Indiens, die in unterirdischen Kavernen an drei Standorten im Süden des Landes lagern, reichen diese für die Nachfrage im Land nur für knapp zehn Tage aus. Bereits Mitte vergangenen Jahres hatte die Regierung angekündigt, die Notfallvorräte von derzeit rund fünf Millionen Tonnen Rohöl erhöhen zu wollen, um die Energiesicherheit des bevölkerungsreichsten Landes der Welt zu gewährleisten.

Indien ist der drittgrößte Ölimporteur auf der Erde und führt rund 85 Prozent seines Bedarfs aus dem Ausland ein. Manche Statistik spricht auch von 90 Prozent. Wenn sich Rohöl auf dem Weltmarkt um einen Dollar verteuert, erhöhen sich die Importkosten laut Fachleuten um rund 1,4 Milliarden Dollar. Bleibt die Straße von Hormus zu, werden sich auch die Gaspreise auf dem Subkontinent erhöhen, da das Land auch rund die Hälfte seines Gases importiert.

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Interessant wird werden, wie Indien angesichts des amerikanischen Kriegs gegen Iran mit seinen Ölimporten aus Russland verfährt. Als Donald Trump jüngst eine Einigung im Streit mit Neu Delhi über die Handelsbeziehungen beider Länder verkündet hatte, hatte Amerikas Präsident behauptet, der indische Ministerpräsident Narendra Modi habe ihm zugesagt, kein Öl mehr aus Russland beziehen zu wollen. Neu Delhi hat dies jedoch nie bestätigt. Zwar sind die Einfuhren zurückgegangen. Doch Stand Februar betrugen sie immer noch rund 1,1 Millionen Barrel pro Tag, was Russland mit einem Anteil von 21 Prozent weiter zu Indiens wichtigstem Lieferanten macht.

Beobachter in Neu Delhi haben nach dem Angriff auf Iran nun die Überlegung ins Spiel gebracht, dass Indien argumentieren könnte, angesichts des von den USA begonnenen Angriffs seien alle Wetten ungültig und vermeintliche vorherige Zusagen über eine Reduzierung der Ölimporte aus Russland hinfällig.

Japanische Tanker warten ab

Japan und Südkorea haben in Folge der Angriffe jeweils ihre nationalen Sicherheitskabinette einberufen, um insbesondere die möglichen Auswirkungen auf die Energieversorgung zu erörtern. Japan bezieht mehr als 90 Prozent seiner Rohölimporte aus dem Nahen Osten, wovon ein Großteil durch die Straße von Hormus transportiert wird.

Die drei führenden japanischen Reedereien, die oft mehrere Öltanker und LNG-Schiffe am Tag durch die Straße von Hormus passieren lassen, Mitsui O.S.K. Lines, Nippon Yusen und Kawasaki Kisen, teilten allesamt mit, diese seien in sicheren Gewässern vor Anker gegangen und warteten dort nun vorerst ab. „Wir erhöhen die Überwachung rund um die Uhr; die Sicherheit unserer Besatzungen, Ladungen und Schiffe hat oberste Priorität“, hieß es in einer Stellungnahme von Mitsui.

Die unmittelbaren Auswirkungen scheinen aber verkraftbar zu sein. Nach Angaben der japanischen Agentur für natürliche Ressourcen und Energie verfügte das Land Stand Ende Dezember über eine nationale Rohölreserve, die den inländischen Verbrauch – zumindest in normalen Zeiten – für 254 Tage decken könne. Ein Sprecher des japanischen Raffinerieunternehmens Idemitsu Kosan gab sich gelassen: „Wir haben inländische Bestände und nationale Reserven, sodass es selbst bei einer Blockade der Straße von Hormus keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Versorgung mit Mineralölprodukten geben wird.“

Ein Vertreter des japanischen Stromerzeugers JERA, der Flüssiggas aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Qatar bezieht, sagte: „Die Lage ist angespannt, und wir werden die Entwicklungen weiterhin genau beobachten.“ Er fügte aber hinzu: „Wir haben für den Moment ausreichende Bestände gesichert, daher sollte es keine Probleme geben.“ Die Börsenreaktionen hielt sich auch in Japan in Grenzen. Der wichtigste japanische Aktienindex Nikkei 225 schloss knapp 1,5 Prozent im Minus.

So hielten sich auch die Börsenreaktionen zunächst in Grenzen. Zwar sackte der wichtigste japanische Aktienindex im frühen Handel in Tokio um bis zu 2,7 Prozent ab. Im Laufe des Tages erholte er sich aber wieder.

Südkorea erwägt andere Routen

Südkorea, das mehr als 70 Prozent seiner Rohölimporte durch die Straße von Hormus erhält, richtete eine Taskforce ein, die im Notfall rasch auf Veränderungen in den Transporten reagiert. So sollten im Falle einer längeren Blockade der Hormus-Straße alternative Schifffahrtsrouten gesichert werden. Südkorea verfüge derzeit über strategische Ölreserven für mehrere Monate. Diese könnten freigegeben werden, sollte sich die Krise verlängern und die Rohölbestände des Privatsektors unter einen bestimmten Schwellenwert fallen.

Das Ministerium betonte aber auch, die Auswirkungen auf den See-Handel seien bislang begrenzt. Die meisten großen Containerreedereien mieden die Region schon seit der Krise im Roten Meer im Jahr 2023 und umführen lieber das Kap der Guten Hoffnung, anstatt den Suezkanal zu nutzen.