Ulrike Malmendier: Die Prophetin im eigenen Land

Worum geht es eigentlich in der Wirtschaftsforschung? Es geht um die großen Fragen von Inflation, Arbeitslosigkeit, Zinsen und Verschuldung. Generationen von Forschern versuchen die Zusammenhänge zu entschlüsseln und Rezepte für möglichst großen Wohlstand zu entwickeln. Allerdings fallen Inflation, Wachstum und Co. nicht einfach vom Himmel. Sie beruhen auf Millionen Entscheidungen einzelner Menschen. Kaufe ich mir ein neues Auto oder spare ich das Geld? Arbeite ich in Teilzeit oder will ich Vorstandsvorsitzender werden? Baue ich eine Fabrik oder schließe ich meinen Betrieb?

Der Kern der Wirtschaftswissenschaften besteht also darin, zu verstehen, wie Menschen entscheiden. Die Ökonomen haben auf der Suche nach Antworten ei­nen langen Weg zurückgelegt. Ausgangspunkt ist das stilisierte Bild des „homo oeconomicus“, der kühl kalkuliert und nur das tut, was für ihn selbst gut ist. Als Modellannahme taugte dieser Nutzenmaximierer lange, doch Ende des vergangenen Jahrhunderts führte kein Weg mehr an der Erkenntnis vorbei, dass er mit dem echten Mensch aus Fleisch und Blut wenig gemein hat. Menschen sind hilfsbereit, sie haben ein Gewissen und laufen blind der Herde hinterher, auch wenn diese völlig auf dem Holzweg ist.

Nach und nach haben Verhaltensökonomen dem „Homo oeconomicus“ ein Update verpasst. Zuerst gaben sie ihm sozialere Präferenzen und einen moralischen Kompass. Dann integrierten Nobelpreisträger wie Daniel Kahnemann systematische Verzerrungen, etwa übersteigertes Selbstbewusstsein oder den Herdentrieb, in die ökonomischen Modelle. Sie unterfütterten das mit unendlich vielen Daten.

Allerdings ist dieses Update des „Homo oeconomicus“ an Grenzen gestoßen. Denn immer schwang der Glaube mit: Wenn man den Menschen nur genügend Wissen vermittelt und sie über ihre eigenen Unzulänglichkeiten aufklärt, werden sie sich schon ökonomisch vernünftig verhalten. Sie werden ihr Geld dann langfristig gewinnbringend anlegen, anstatt es auf dem Sparbuch rumliegen zu lassen. Sie werden rechtzeitig zum Arzt gehen, anstatt noch ein Bier zu bestellen. Und sie werden ihre Steuererklärung pünktlich abgeben, anstatt Strafgebühren zahlen zu müssen. Doch all das ist nur bedingt eingetreten. Menschen erwiesen sich als sehr unterschiedlich. Selbst Personen, die ähnlich alt, ähnlich wohlhabend und eine ähnliche Herkunft haben, entscheiden in bestimmten Situationen völlig unberechenbar. Die Vorhersagen über menschliches Verhalten verbesserten sich zwar. Der ganz große Wurf, den sich Verhaltensökonomen versprochen hatten, blieb aber aus.

Malmendier beschreitet neuen Weg

„Meine Frage ist deshalb heute im Kern: Sind wir mit diesen Verbesserungen in psychologischem Realismus wirklich fertig?“ Gestellt hat diese Frage Ulrike Malmendier der versammelten ameri­kanischen Ökonomenelite. Ihre Rede als Präsidentin der „American Finance Association“ bei der Jahrestagung der ameri­kanischen Ökonomenvereinigung nutzte sie Anfang Januar für einen Appell, der menschlichen Entscheidungsfindung noch viel genauer auf den Grund zu gehen. „Was ist mit anderem wissenschaft­lichen Wissen über unser Gehirn, unser Denken, aber auch unseren Körper?“, fragte sie. Auch aus Biologie, Medizin, Neurowissenschaft, Psychiatrie, Epidemiologie und Kognitionswissenschaft könne man lernen, dass die Weltsichten der Menschen durch persönliche Erfahrungen, durch Stress, Trauma und Hormone verändert werden. Diese Dinge müssten Ökonomen genauer erforschen. „Das Versprechen, das ich Ihnen hier geben möchte, ist: Wenn wir diese Wege erkunden, könnten wir zu besseren, schärferen neuen Vorhersagen gelangen (…), und vor allem könnten wir die richtigen Ge­genmaßnahmen und politischen Antworten finden, wenn wir Menschen helfen wollen, Fehler zu überwinden.“

Ulrike Malmendier will eine Verhaltensökonomie 3.0.
Ulrike Malmendier will eine Verhaltensökonomie 3.0.Reuters

Die gebürtige Kölnerin Malmendier, die an der amerikanischen Eliteuniversität Berkeley forscht, beschreitet diesen neuen Weg längst. Ein praktisches Beispiel ist ihr Blick auf große Wirtschafts- und Finanzkrisen. Diese hinterlassen in ihren Augen nicht nur auf den Bankkonten und in den Arbeitsmarktstatistiken Spuren. Sie beeinflussen, argumentiert Malmendier, auch das Hormon- und Immunsystem der betroffenen Menschen und führen zu körperlichen Reaktionen, die Kognition und Entscheidungen prägen. Manche Menschen ereilen die Schocks unerwartet, andere sind schon vorbereitet; mache Menschen passen sich schnell an, andere ziehen sich zurück. Zu verstehen, wer in welchem Lager ist, und warum, ist ökonomisch höchst relevant.

Denn selbst wenn die Krise auf dem Papier ausgestanden ist, würden viele Menschen, die länger von den Schock­erfahrungen geprägt sind, sich vorsichtiger verhalten und pessimistischer sein. „Das sollten Politiker wissen. Das nimmt sie in die Pflicht, Krisen abzufedern. Es nimmt Geldpolitiker noch mehr in die Pflicht, anhaltenden Inflationsphasen entgegenzuwirken“, sagt Malmendier.

Eine Krux dabei: Die schädlichen Erfahrungen, die sich sprichwörtlich in die Gehirne eingebrannt haben, sind nur sehr schwer zu tilgen. Selbst sehr hohe Intelligenz und eine gute Ausbildung schaffen das nicht, sagt Malmendier. Sie belegt das mit einer Untersuchung, in der sie gezeigt hat, dass selbst die Inflationserwartungen der angeblich so datengetriebenen amerikanischen Notenbanker stark davon abhängen, welche Erfahrungen sie selbst mit Geldentwertung in ihrem Leben gemacht haben. „Bloße Aufklärung wird also nicht helfen“, sagt Malmendier.

Das Gegenmittel, das sie für wirksam hält, sind positive Erlebnisse, die die negativen Erfahrungen langsam, aber sicher in Vergessenheit geraten lassen. Den Deutschen mit ihrer chronischen Angst vor dem Aktienmarkt hat sie deshalb in ihrer Funktion als „Wirtschaftsweise“ im Sachverständigenrat eine „Frühstartrente“ emp­fohlen. Die Idee: Wenn die Eltern das wollen (und nur dann!), bezahlt der Staat ihren Kindern ein kleines Depot. So sollen sie erfahren, dass es sich langfristig für sie lohnt, in breit gestreute Fonds zu investieren. Mit diesem Erfahrungsschatz werde später im Leben der Vermögensaufbau besser gelingen. Das Geld des Staates sei in den Depots besser angelegt als in der nächsten Kampagne zur Finanzbildung, in der die Deutschen ohnehin schon Spitze seien. Die Regierung hat Malmendiers Idee aufgegriffen und ist dabei, sie umzusetzen.

Bundesregierung will Gremium umbesetzen

Dennoch werden die Deutschen künftig auf den Rat der Spitzenforscherin verzichten müssen. Die Bundesregierung hat das Mandat Malmendiers im Sachverständigenrat auslaufen lassen, bislang ohne jede Erklärung. Es heißt, der Kanzler und seine Wirtschaftsministerin wollten das Gremium neu ausrichten. Dass ausgerechnet Malmendier, die auch auf anderen relevanten Forschungsfeldern unterwegs und bis ins Weiße Haus vernetzt ist, dem zum Opfer fällt, mag verstehen, wer will. Menschen, das zeigt die Forschung, treffen oft schlechte Entscheidungen.