„Wird nicht aufwärts supergroßes Verständnis stoßen“ – Nagelsmann kündigt unpopuläre Maßnahmen an
In wenigen Monaten beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft. Julian Nagelsmann kündigt jetzt schon an, dass es im deutschen Kader zu Überraschungen kommt. Ein Bayern-Reservespieler bekommt quasi einen Freibrief.
Beim Topspiel der Bayern in Dortmund spielte er nur drei Minuten, bei der Fußball-Weltmeisterschaft könnte Leon Goretzka für die deutsche Nationalmannschaft richtig wichtig werden: Bundestrainer Julian Nagelsmann hat dem 31-Jährigen trotz seines Reservisten-Daseins beim FC Bayern München eine große Kaderrolle in Aussicht gestellt. „Stand jetzt wird Leon Goretzka, trotz weniger Spielzeit bei Bayern, gute Chancen haben, zu spielen und eine ähnliche Rolle zu haben wie in der WM-Quali“, sagte Nagelsmann im „Kicker“-Interview.
Der Bundestrainer sieht in Goretzka eine gute Besetzung als offensiven Part auf der Doppelsechs, „einen richtig stabilen, zweikampfstarken Sechser. Weil er einer ist, der auch in den Sechzehner geht, der kopfballstark ist und eine gute Wucht mitbringt“. Dieses Profil hätten sie beim DFB sonst kaum, sondern eher ähnliche Spielertypen, wie Nagelsmann erklärte: „Pascal Groß, Angelo Stiller, Pavlovic, Nmecha, selbst Robert Andrich – die wollen alle den Ball.“
Überhaupt kündigte der Bundestrainer ähnlich wie vor der Heim-EM 2024 für die Besetzung bestimmter Rollenbilder Überraschungen im WM-Kader an. „Es geht darum, wer zusammenpasst. Dabei wird es Entscheidungen geben, das kann ich jetzt schon verraten, die vermutlich nicht auf supergroßes Verständnis stoßen. Nicht beim Spieler, aber auch nicht in der breiten Öffentlichkeit. Weil vielleicht ein Spieler bei uns nicht in der ersten Elf eingeplant ist, der bei seinem Verein aber Stammspieler und Leistungsträger ist“, sagte Nagelsmann.
Setzt sich ein Stammspieler ruhig auf die Bank?
„Du musst extrem darauf achten, wie ein Spieler damit umgeht, wenn er bei uns Kaderplatz 15 oder 16 ist, obwohl er bei seinem Verein als Top-6-Mann gilt, der immer spielt. Kann ein Spieler, der im Verein Stammspieler ist, bei uns in solch eine Rolle wachsen oder nicht?“ Das herauszufinden, sei natürlich sehr schwer, erklärte der Bundestrainer.
„Aber wir haben viel Erfahrungswissen aus den Lehrgängen im vergangenen Jahr. Es gibt Spieler, die diese Rolle bei uns nicht gut erfüllen können“, so Nagelsmann: „Du hast eben gewisse Charakterzüge und gewisse Charaktermerkmale, die dir dazu verhelfen, ein guter Stammspieler zu sein, der eine Mannschaft führt, die dir aber eben nicht helfen, Kaderplatz 15 oder 16 zu sein.“
Nagelsmann gab zudem Einblicke, wie er einen Spieler bewerte. Der 38-Jährige schaue nicht nur auf die Tore seiner WM-Kandidaten, sondern auch auf die Sekunden danach. „Wenn ich sehe, ein Spieler schießt ein Tor und jubelt nicht richtig, dann ist das für mich ein Marker, dass da irgendwas nicht stimmt“, sagte Nagelsmann: „Wenn ich so etwas bei einem Spieler von uns feststelle, notiere ich es.“
Wer ein Tor nicht feiert, soll sich einen anderen Job suchen
Seine Erklärung: „Wenn du dich über ein Tor nicht mal mehr richtig freust, dann kannst du Fußball eigentlich sein lassen, weil das das Salz in der Suppe ist.“ Er vermisse in einem normalen Bundesliga-Spiel „so ein bisschen die Emotionalität bei den sogenannten einfachen Siegen oder einfachen Toren“. Er werde selbst von Journalisten oft gefragt, warum er ein Tor so krass gefeiert habe. „Tja, weil es bei dem Spiel halt um Tore geht. Wenn ich das nicht mehr feiere, dann muss ich einen anderen Job machen.“
Ein positives Beispiel seien für ihn in der Hinsicht die Olympischen Winterspiele gewesen. Die Emotionalität dort finde er herausragend, sagte Nagelsmann. „Das ist im olympischen Sport schon anders: das Bewusstsein für eine herausragend gute Leistung, auch wenn es nicht die Goldmedaille ist.“
Entschuldigend führte der Bundestrainer aber auch den vollen Terminplan im Fußball an – und die allgemeine Erwartungshaltung: „Im Fußball ist man so getriggert, dass man sich nur freut oder emotional ist, wenn man Erster wird. Alles andere dahinter ist eher schlecht.“
Nagelsmann will Maßnahmen gegen das Zeitspiel
Zudem sprach sich Nagelsmann für Regeländerungen aus, vor allem das Zeitspiel im Fußball verärgere ihn. „Ich habe tausend verschiedene Ideen“, sagte er: „Zum Beispiel noch eine Nettospielzeit ab der 80. Minute. Weil du dir ein Spiel ab der 80. Minute oft gar nicht mehr anschauen kannst. Da wird gewechselt, verzögert, liegen geblieben. Das ließe sich aus meiner Sicht ändern, wenn bei jeder Unterbrechung die Uhr gestoppt wird.“
Auch bei taktischen Fouls wünscht sich der Bundestrainer ein Umdenken: „Eine weitere Möglichkeit wäre: eine Zeitstrafe bei taktischen Fouls statt einer Gelben Karte. Wenn ein Spieler von Mannschaft A gegen Mannschaft B einen super Angriff unterbindet und die fünfte Gelbe Karte kassiert, ist er gegen Mannschaft C gesperrt – Mannschaft B aber hat nichts davon. Das wäre bei einer Zeitstrafe und einem Überzahlspiel anders.“
SUF mit dpa
Source: welt.de