Trends im Musikfilm: Wo KI die Kameraleute unnötig macht

Auch der klassische Musikfilm kommt an den sozialen Medien nicht mehr vorbei. Lautete die Grundfrage ursprünglich „Wie bringe ich die Musik ins Bild“, so heißt es heute öfters: „Wie bringe ich mein Produkt auf Tiktok?“ Bei der diesjährigen Musikfilmmesse Avant Première in Berlin – der letzten in der deutschen Hauptstadt vor dem Umzug nach Wien 2027 – wurde diese Frage im Eröffnungspanel diskutiert. Die Mezzosopranistin Aigul Akhmetshina – sie begann ihre Karriere als Einundzwanzigjährige und bisher jüngste Carmen an Covent Garden – erläuterte knapp, wie heute die Vermarktung in den sozialen Medien funktioniert: mit Probenschnipseln, Backstage-Aufnahmen, Hilfe von Influencern, Kurzinterviews in einer Alltagssituation – ohne Make-up und alles möglichst authentisch. Sie erwähnte auch die Belastungen, denen die Künstler dabei ausgesetzt sind, und warnte vor einem Zuviel.
In der European Broadcasting Union (EBU) hat man die sozialen Medien inzwischen auch entdeckt. Ihr Vertreter auf dem Podium blieb diesbezüglich aber vage. Die Kooperation mit Youtube nannte er nützlich, beklagte ansonsten den Vandalismus der Digitalkonzerne und pries in hohen Worten die Diversität der europäischen Kultur. Deren globale Präsenz sah er beispielhaft durch Events wie das Concert de Paris vor dem Eiffelturm oder das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker gewährleistet.
Soziale Medien ersetzen die Werbung
Bei Stingray, einer weltweit tätigen, börsennotierten Distributionsfirma aus Kanada, klingt das anders. Instagram, Facebook, Tiktok? Kein Problem, sagt Valérie Héroux im Gespräch mit der F.A.Z., die Werbung in den sozialen Medien sei normaler Alltag. Die Vizepräsidentin im Unternehmensbereich Content ist zum Einkauf nach Berlin gekommen. Als besonders wirksam bezeichnet sie die Kurzinterviews mit den Künstlern, die zudem ihre eigene Anhängerschaft mobilisieren können.
Stingray ist ein instruktives Beispiel für die globalen Vertriebswege der Musik. Das sauber lizenzierte Angebot in Audio und Video reicht von Klassik über Jazz und Rock bis zur Wellnessmusik. Zu empfangen ist es über eine eigene Streaming-App, über Amazon Prime und über 33.500 lokale Medien in 160 Ländern als Verteilstationen. Vier Fünftel des Umsatzes werden on demand und der Rest über lineare Sender erwirtschaftet. Der größte Markt für Stingray sind die USA, gefolgt von Lateinamerika, wobei das internationale Repertoire stets durch Angebote mit lokalen Künstlern ergänzt wird. Europa, sagt die Französischkanadierin Héroux, ist aufgrund seiner sprachlichen und kulturellen Vielfalt ein schwierigeres und darum kostenintensiveres Terrain. Doch mit hochkarätigen Konzert- und Opernaufnahmen sowie mit anspruchsvollen Dokumentationen ist es im weltweiten Angebot gut vertreten.
Europa bleibt Marktführer in der klassischen Musik
Solche globalen Player im Klassikbereich fehlen in Europa, da hilft auch keine EBU. Zwar haben Portale wie medici.tv oder, im Audiobereich, Spotify eine respektable Reichweite, und viele Opern- und Konzerthäuser vermarkten heute ihre Produktionen im Netz selbst. Doch stark ist Musikeuropa vor allem im Produktionsbereich. Auch in diesem Jahr war der Großteil der in Berlin gehandelten rund 500 Neuproduktionen europäischen Ursprungs.
Gute Dokumentationen fallen auf
Unter den Showreels der Neuerscheinungen stach besonders die große Anzahl hervorragend gemachter Dokumentationen hervor. Etwa das Porträt der großartigen Brigitte Fassbaender – der Film wurde in voller Länge gezeigt – und die Reportage über die lebensfrohe und zugleich geschichtsbewusste Musikszene in Polen bei Euro Arts. Oder das Porträt zum hundertsten Geburtstag des linken Bonvivants Hans Werner Henze und „Die siebente Kugel trifft“, ein frischer Blick auf Carl Maria von Webers „Freischütz“, beides produziert von Sounding Images.
Bemerkenswert auch „30 Shades of Dance“, eine faszinierende Folge von charakteristischen Tanzszenen, produziert im Nationalen Tanztheater Budapest, sowie der Beitrag von Poorhouse International zum Beethoven-Jahr 2027, der auf den Spuren der forensischen Forschung das gängige Bild des „ersten Superstars der Musik“ dekonstruiert. Eine Menge kreativer Produktionen. Jetzt müssen ihnen die öffentlich-rechtlichen Sender nur noch dieselbe Aufmerksamkeit widmen wie den ewig gleichen, scheinbar unverzichtbaren Schlagerparaden oder den Massenevents mit ohrenbetäubender Rockmusik und armeschwenkenden Fans bis zum Horizont.
Zur Debatte stand bei der Avant Première auch die Künstliche Intelligenz. Neben der Plünderung urheberrechtlich geschützter Musikwerke hat sich eine andere, bisher kaum beachtete Anwendungsform von KI herausgebildet: die Automatisierung der Multikameratechnik bei Konzertaufnahmen. Eine Software liest die Partitur und programmiert anhand der Instrumentaleinsätze automatisch die Kameraeinstellungen und Schnitte. Das hat Folgen für das Personal: Der Bildregisseur wird zum KI-Assistenten degradiert, Kameraleute sind überflüssig.
In Berlin waren zwei Firmen anwesend: Onstage AI, entwickelt in Warschau, mit Büro in New York und Investoren aus Polen und den USA, sowie Notation AI aus Kalifornien. Erstere hat in der Vermarktung offenbar die Nase vorn, ihre Software wurde vor einem Jahr schon beim Lucerne Festival und ganz aktuell auch beim Chicago Symphony Orchestra eingesetzt. Der CEO Jakub Fiebig hält sich bedeckt, was die Miete angeht, doch wie man hört, sollen Software und Kameras (Sony FR7) je nach Aufwand 10.000 bis 20.000 Euro pro Tag kosten, was offenbar preisgünstiger ist als die bisherigen Verfahren. Der ökonomische Nutzen ist damit klar.
Über den ästhetischen Nutzen gingen die Meinungen auseinander. Hier die Skepsis gegenüber einer sich selbst regulierenden Apparatur („Ich setze mich auch nicht gern in ein selbstfahrendes Auto“), dort das Argument, sie erspare die arbeitsintensive Vorbereitung, und in der Postproduktion ließen sich die automatisierten Schnittfolgen ja noch beliebig verändern. Das Pro und Contra wird wohl noch eine Weile andauern, die Fakten sind aber gesetzt, und entscheiden werden letztlich die Kosten.
Source: faz.net