Vermietersorgen: Wenn die Mieterin spurlos verschwindet
Die Rollläden sind permanent halb geschlossen, der Briefkasten quillt über. Bemerkt das denn niemand? Jene Nachbarn zum Beispiel, die sich auch über Kinderlärm beschweren. Weshalb nun Zettel an den Hauswänden hängen mit dem Aufdruck: „Das ist eine Wohnanlage und kein Fußballplatz!“ Für alle Bewohner in dem Neubaugebiet im Münchner Süden, die möglicherweise kein Deutsch verstehen, wurden zur Sicherheit auch noch Bilder mit rot durchgestrichenen Fußbällen angeklebt.
Die Vermieterin von Yvonne M. denkt sich zunächst nichts dabei, als wenige Monate nach dem Einzug der zunächst rege gepflegte Kontakt abreißt. Jetzt sind offenbar alle Fragen geklärt. Ein bisschen seltsam ist es dann allerdings schon, dass M. 2021 auf die Bitte nach der Kontonummer für die Rückerstattung zu viel gezahlter Nebenkosten nicht reagiert. Aber gut, so erzählt es die Vermieterin heute, vielleicht ist sie verreist und freut sich nach der Rückkehr über den Betrag auf demselben Konto, von dem sie auch die Miete überweist.
Vermieter dürfen nicht unangekündigt beim Mieter auftauchen
2022 kommt die Nebenkostenabrechnung postwendend zurück mit dem Vermerk, eine Zustellung sei wegen eines übervollen Briefkastens nicht möglich gewesen. 2023 ebenso. Jetzt will die Vermieterin in die Wohnung, nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Doch so einfach ist das nicht. Vermieter dürfen Wohnungen außer bei Gefahr im Verzug – etwa einem Wasserrohrbruch – nicht ohne Zustimmung betreten.

Alles andere könnte sogar als Hausfriedensbruch gelten. Mieter besitzen nämlich das alleinige Hausrecht. Besteht ein triftiger Grund, etwa wegen einer anstehenden Reparatur oder einer Besichtigung vor einer Neuvermietung, müssen Wohnungseigentümer ihren Besuch rechtzeitig ankündigen. Aber Frau M. meldet sich nicht.
Das Wohnquartier „Am Südpark“ in München-Obersendling entsteht zwischen 2016 und 2019 auf einem acht Hektar großen Gelände, auf dem der Energiekonzern Eon um die Jahrtausendwende ursprünglich eine neue Deutschlandzentrale errichten will. Der Versorger bleibt dann aber doch am Hauptquartier in Essen. Nachdem das Terrain über Jahre brach liegt, werden schließlich rund 1300 in München dringend benötigte Wohnungen gebaut.
In drei Wohnhöfen mit sechs bis acht Geschossen und Gärten auf den Dächern. Zudem ein Ärztezentrum, Büros, Einzelhandelsflächen, soziale Einrichtungen und Spielplätze. Binnen weniger Monate ziehen an die 2500 Menschen ein. Käufer, Mieter, Junge, Ältere, Familien, Paare, Singles, diverse soziale Schichten, Nationalitäten und Interessen.

Yvonne M., die sich gerade von ihrem Freund getrennt hat, ist eine von ihnen. Viel ist nicht über sie bekannt. Sie ist 1985 im Schwarzwald geboren. Als sie nach Obersendling kommt, gibt sie an, bei einer Autovermietung am Münchner Flughafen zu arbeiten und nebenher in einem Kino. Laut ihrem Linkedin-Profil, das 13 Kontakte zeigt, aber kein Foto und keine Posts, hat sie vier Semester VWL in Freiburg studiert, ist seit 2008 an einer Fern-Uni für BWL eingeschrieben und Vollzeit in der Betriebsleitung von Cinemaxx München beschäftigt. Seit November 2022.
Zu dem Zeitpunkt kann, wie sich herausstellen wird, die Frau unmöglich in ihrer Wohnung gelebt haben. Sie ist wie vom Erdboden verschluckt. Unter ihrer Telefonnummer meldet sich ein Mann, der seine Ruhe will. Nur die Miete wird jeden Monat überwiesen. Bis heute.
Jede Bitte um Auskunft scheitert am Datenschutz
Anfragen bei der Bank in Offenburg, beim angeblichen Arbeitgeber, bei der Rentenversicherung enden in einer Sackgasse. Verschwiegenheitspflicht. Datenschutz. Die Vermieterin, inzwischen wirklich in Sorge, versucht mit Hilfe einer Anwältin alles, um den Verbleib ausfindig zu machen. Beim Einwohnermeldeamt in München erfährt sie, dass eine Yvonne M. sich nie in der Constanze-Hallgarten-Straße angemeldet hat. Aber das Verschwinden der Frau, die in einer nach einer engagierten Frauenrechtlerin des 20. Jahrhunderts benannten Straße eine Zweizimmerwohnung bezogen hat, löst keine groß angelegte Suche aus. Im Gegenteil.
Erwachsene, die im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte sind, haben in Deutschland das gesetzlich verbriefte Recht, ihren Aufenthaltsort frei zu wählen, auch ohne diesen Angehörigen oder Freunden mitzuteilen. Es ist nicht Aufgabe der Polizei, Aufenthaltsermittlungen durchführen, wenn keine Gefahr für Leib oder Leben vorliegt.
Als die Vermieterin im November 2024 bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgeben will, wird ihr nach eigener Darstellung mitgeteilt, sie könne keine Person als vermisst melden, mit der sie nicht verwandt sei. Das ist Unsinn. Auf ihren Hinweis, M. könne tot in der Wohnung liegen, sei die Anzeige schließlich doch aufgenommen worden, sagt die Eigentümerin. Eine Beamtin und ein Beamter öffnen die Wohnungstür. M. finden sie nicht auf, aber jede Menge Ungeziefer, H-Milch im Kühlschrank, die seit 2020 abgelaufen ist, Eier, die wegen des Alters bereits hohl sind.
Bis zur Renovierung der verseuchten Räume vergeht mehr als ein Jahr
Die Vermisstenanzeige wird nach einer Woche zu den Akten gelegt. Die Vermieterin darf nach wie vor nicht in die Wohnung. „Die bloße Nichterreichbarkeit der Mieterin führt nicht automatisch zur Beendigung des Vertrags“, erklärt Luisa Peitz, Juristin bei Haus & Grund Deutschland. Die Vermieterin muss kündigen, ersatzweise durch öffentliche Zustellung per Aushang an der Gerichtstafel oder durch Veröffentlichung in einem elektronischen Informationssystem. Jedoch auch die Kündigung verschafft ihr noch kein Besitzrecht an der Wohnung. Erst mit dem vollstreckbaren Räumungsurteil kann sie endlich einen Gerichtsvollzieher beauftragen.
Die Kosten für Vollstreckung und Renovierung – gut 30.000 Euro – muss sie vorschießen. Die nach wie vor eingehenden Mietzahlungen darf sie dafür nicht verwenden. „Vermieter können offene Forderungen, insbesondere Schadensersatzansprüche wegen der Verwahrlosung der Wohnung, später gerichtlich geltend machen“, erläutert Peitz. Große Hoffnungen macht sie nicht: „Ob auf Grundlage des Urteils jedoch Beträge beigetrieben werden können, ist häufig ungewiss.“ Und Yvonne M. müsste dazu überhaupt erst mal auftauchen.
Die Recherchen zu diesem Text ergeben, dass die Frau lebt. Das Polizeipräsidium München antwortet auf Anfrage der FAS, sie „konnte telefonisch erreicht werden und gab an, wohlauf zu sein“. Wo, das bleibt unklar. Datenschutz.