Bedroht KI die Geschäftsmodelle von Tech-Unternehmen?
Was kann KI und was nicht? Sorgen darüber, dass Künstliche Intelligenz die etablierten Geschäftsmodelle der Softwarebranche erodieren könnte, drückt deren Aktienkurse massiv.
Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) beschäftigt wie kein anderes die Börsen weltweit. Ähnlich wie mit dem Aufkommen des Internets zur Jahrtausendwende bleiben viele Dinge aber noch unklar, und die Anleger reagieren heftig.
Das kann dramatische Folgen haben – und ist gleichzeitig paradox: Denn trotz immer neuer Milliardengewinne, zuletzt von Chiphersteller und KI-Platzhirsch Nvidia, steigt die Sorge der Anleger, dass die KI-Revolution sich quasi selbst abschafft. Denn klassische Softwaremodelle könnten womöglich überflüssig werden.
Beispiel Salesforce: Ausverkauf trotz Rekordergebnis
Das jüngste Beispiel für die Software-Ängste der Anleger im Zusammenhang mit den Folgen der KI sind die jüngsten Geschäftszahlen von SAP-Konkurrent Salesforce. Trotz eines Rekordergebnisses und einem angekündigten Aktienrückkauf von 50 Milliarden Dollar fiel die Aktie an der Wall Street jüngst nachbörslich um fast fünf Prozent.
Damit ging der drastische Ausverkauf weiter – eine Entwicklung, die derzeit auch SAP, aber auch andere Software-Papiere wie Oracle, Adobe oder IBM nehmen. Von Kursen bei knapp 300 Dollar vor einem Jahr ist das Salesforce-Papier bis auf etwas unter 150 Dollar gefallen und steht aktuell nur leicht darüber. Damit bleiben die Investoren an der Börse extrem kritisch, Entspannung ist nicht in Sicht.
Irrational und übertrieben
Experten wollen aber trotz der dramatischen Kursverluste die Skepsis der Investoren nur bedingt teilen. Vermögensverwalter Stefan Riße von Arcades wirbt im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion für eine differenziertere Betrachtung. SAP-Software könne nicht mal eben durch ChatGPT ersetzt werden. „Es könnte sogar umgekehrt ein Schuh draus werden: nämlich, dass diese Unternehmen enorm Kosten einsparen, weil Programmierarbeiten dann eben von der KI gemacht werden.“ Riße spricht sogar von „Sippenhaft“, denn viele Anleger machten beim Abverkauf gar keinen Unterschied mehr zwischen den einzelnen Unternehmen.
Auch Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst bei der Consorsbank, mahnt: „Genauso übertrieben wie dass KI vorher das einzige positive Thema war, gibt es jetzt eine Übertreibung in die andere Richtung. Es gibt faktisch keine Anzeichen für eine Disruption durch KI, aber die Anleger reagieren sehr emotional und blenden die Fundamentaldaten aus. Ich glaube, dass es nicht mehr lange dauert, bis wir eine Normalisierung sehen werden.“
Andererseits werden aber auch Jobverluste von Experten prognostiziert, etwa von US-KI-Unternehmer Matt Shumer, der kürzlich Alarm schlug. Vor allem Bürojobs seien gefährdet. Düstere Szenarien, wie es sie derzeit viele gibt und die die Anlegerstimmung zusätzlich belasten, aber eben auch für viel Emotionalität und Irrationalität sorgen können.
Jubelorgien sind vorbei
Insgesamt setzt sich derzeit eine differenziertere Diskussion über Rolle von KI fort. Die Jubelorgien der Vergangenheit sind allerdings zu Ende – ob in reinen Software-Firmen oder aber auch in der Automatisierung. Zuletzt bekam auch Siemens trotz glänzender Zahlen die Ängste um sein Automatisierungssparte zu spüren. Trotzdem löste der Münchener Konzern SAP zwischenzeitlich als wertvollstes DAX-Unternehmen ab – nicht zuletzt wegen der hohen SAP-Verluste zuvor.
Zur Erinnerung: Auch in der Jahrtausendblase, als es um das Zauberwort „Internet“ ging, gingen nicht alle Unternehmen als Sieger durchs Ziel, nur weil plötzlich dot.com hinter dem Firmennamen stand. Auch darauf wie Experte Riße hin.
Source: tagesschau.de
